Hass des Nachbarn Schwansbell ist tödlicher als der Dreißigjährige Krieg

dzGeschichte vor Ort

Sein Beruf ist der Tod. Raab Arndt von Oeynhausen ist Söldner im Dreißigjährigen Krieg. In ganz Europa kämpft er. Der tödliche Schuss trifft den 33-Jährigen aber zuhause bei Niederaden.

Niederaden

, 12.04.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das Erbe wiegt schwer. Als am 5. Dezember 1624 Moritz von Oeynhausen stirbt, fallen seinem Sohn Raab Arndt nicht nur das Gut Velmede und der Titel „Herr von Oyenhausen“ zu. Der junge Mann tritt auch die Nachfolge seines Vaters als liebstes Hassobjekt des Nachbarn an. Dabei will sich Raab Arndt lieber auf ganz andere Kämpfe konzentrierten.

Seit einem Jahr ist Raab Offizier in hessischen Diensten. Später wird er wechseln: erst zur Republik Venedig, dann zu den Schweden. Der Krieg, der seit 1618 wütet und 30 Jahre dauern wird, ist für ihn wie für viele andere seines Standes sein Beruf.

Sichere Einnahmen durch Kämpfen, Töten und Plündern

Raab verdient mit dem Kämpfen, Töten und Plündern Geld: sichere Einnahmen. Die gibt es durch die Bewirtschaftung des väterlichen Gutes längst nicht mehr - auch weil immer wieder Heere übers Land ziehen, die kämpfen, töten und plündern, wo andere säen und ernten wollen: ein Kreislauf der Gewalt.

Ob Raab diesen Beruf gerne ausübt? Dazu kann der Bergkamener Stadtarchivar Martin Litzinger fast 400 Jahre später keine Aussagen treffen. Wohl kann er aber das kurze Leben des letzten Herrn von Oeyenhausen auf Gut Velmede nachzeichnen - und das seines Widersachers, Jobst von Schwansbell.

Wo abgrundtiefer Hass herrscht

Die von Litzinger zusammengetragenen Schriftstücke geben Einblicke in abgrundtiefen Hass - nicht die Feinschaft zwischen den Kriegsparteien: ob Katholische Liga und der Protestantische Union, Habsburger Kaiser und seine Landesfürsten oder Deutsches Reich und Frankreich, Dänemark und Schweden. Die Quellen aus den Archiven schildern den Hass zwischen zwei Nachbarn.

Was ist der Auslöser? Beim Dreißigjährigen Krieg ist es der Prager Fenstersturz. Und bei diesem Familienkrieg, der offenbar auch schon viele Jahre wehrt? Es hat laut Litzinger wohl etwas mit der Seseke zu tun: dem Flüsschen, das die beiden benachbarten Güter Haus Velmede im heutigen Weddinghofen (Bergkamen) und Haus Oberfelde-Aden im heutigen Niederaden (Lünen) verbindet.

Ein Streitobjekt der Nachbarn: die Seseke.

Ein Streitobjekt der Nachbarn: die Seseke. © Sylvia vom Hofe

Jobst von Schwansbell missgönnt dem Nachbarn und entfernten Verwandten das Recht, dort fischen zu dürfen - obwohl er das selbst darf. Nicht nur die Fischerei hat sie aber entzweit, auch die Kirche.

Fast tot geschlagen auf dem Kirchplatz in Methler

Wenn die von Schwansbells und von Oyenhausen einen Gottesdienst besuchen, dann ist es in derselben Kirche: St. Margareta in Methler. Wie es bei reichen Grundherren üblich ist, besitzen beide Familien feste Plätze dort und Begräbnisstätten: Vorrechte, die Jobst von Schwansbell nicht anerkennen will. Raab könnte das egal sein. Er ist weit weg - meistens.

Die Margaretenkirche in Methler: Dorthin gingen sowohl die von Schwansbells als auch die von Oyenhausens.

Die Margaretenkirche in Methler: Dorthin gingen sowohl die von Schwansbells als auch die von Oyenhausens. © Sylvia vom Hofe

Pfingsten 1626 ist Raab auf Heimatbesuch fern der Schlachtfelder. Den großen Krieg mag der Hauptmann der Hessen kurz hinter sich lassen, als er in Methler zur Kirche geht, aber nicht den schwelenden Privatkrieg. Auf dem Kirchplatz warten schon die Knechte seines Nachbarn. Als sie atemlos und Blut bespritzt wieder verschwinden, bleibt Raab schwer verletzt zurück.

Drei Jahre bis zur Genesung

Der 25-Jährige ist mehr tot als lebendig. Ob er je wieder laufen und reiten kann, eine Kampfeinheit befehligen und ein Landgut verwalten - all das ist unsicher in diesem Sommer 1626 - und auch noch lange danach. Drei Jahre wird es dauern, bis Raab wieder genesen ist und zurückkehrt zur Arbeit ins Regiment. Darauf hat sein Nachbar Jobst offenbar nur gewartet.

Kaum ist Raab weg, schlägt der Nachbar erneut zu - wortwörtlich. Jobst von Schwansbell versucht erst gar nicht zu vertuschen, dass es seine Leute waren, die auf seine Befehl hin die Fischhütte des Gutes Velmede niederreißen. Es macht ihm auch nichts aus, dass Raabs Mutter ihn deswegen bei der kurfürstlich-brandenburgischen Regierung in Kleve anzeigt - und Recht bekommt. Im Gegenteil: Als Antwort auf den Richterspruch lässt er einem Diener von Velmede „den Kopf entzwei hauen und braun und blau“ schlagen, wie es in alten Schriftstücken steht.

Jobst von Schwansbell wütet in der Kirche

Jobst wütet weiter: Er schändet das Grab von Raabs Vater von Oyenhausen in der Kirche in Methler. Er lässt das Wappenfenster der von Oyenhausens in der Kirche aus- und ein Glas mit seinem eigenen Wappen einbauen. Er säuft, schimpft und schwört, den Widersacher bei nächster Gelegenheit umbringen zu wollen. Noch ergibt die sich nicht, denn auch Jobst von Schwansbell hat keine Zeit, sich seinem Privatkrieg zu widmen. Denn auch ihn ruft der große Krieg - als Offizier in lüneburgischen Diensten.

Von Haus Oberfelde-Aden, dem Zuhause von Jobst von Schwansbell, ist nur der Spieker übrig geblieben.

Von Haus Oberfelde-Aden, dem Zuhause von Jobst von Schwansbell, ist nur der Spieker übrig geblieben. © Sylvia vom Hofe

Vier Jahre später: Es ist ein Zufall, dass beide Adeligen im Frühjahr 1634 zuhause an der Seseke sind. Die beiden gehen sich aber aus dem Weg. Vielleicht sind sie des Kämpfens müde. Vielleicht haben die Angehörigen sie auch bekniet inne zu halten: Jobsts Ehefrau etwa und Raabs Mutter, die gerade erst ihren zweiten Sohn im Krieg verloren hat.

Die Straße von Kamen nach Dortmund führt nahe der Seseke entlang. Es ist der 1. Juni 1634, früher Abend: Raab ist mit zwei Dienern auf dem Rückweg von Dortmund zu seinem Gut Oberfelde-Aden, Jobst mit einem Diener von Kamen zum Gut Velmede. Die Zwei erkennen sich schon von weitem. Jobst zieht zuerst. Raab, inzwischen Obrist, ist auch bewaffnet.

Schusswaffen sind tödlich, aber nicht zielsicher

Nicht ein Schwert oder einen Dolch, sondern eine der Waffen, die erstmals im Dreißigjährigen Krieg massenhaft zum Einsatz kommen und von dort ihren tödlichen Siegeszug antreten: Handfeuerwaffen. Die Pistolen und Karabiner sind zwar tödlich, aber nicht genau.

Das Straßenschild in Niederaden erzählt Geschichte.

Das Straßenschild in Niederaden erzählt Geschichte. © Sylvia vom Hofe

Jobst schießt - und trifft Raabs Pferd. Raab schießt und zielt daneben. Er gibt einen zweiten Schuss ab: wieder daneben. Jetzt müsste er nachladen. Statt dessen wendet er sein verletztes Pferd und will fliehen. Jobst zieht erneut die Waffe, zielt, schießt, trifft Raab in den Rücken und reitet davon.

Metta von Oyenhausen hat den Schusswechsel gehört. Sie steht schon auf der Brücke von Haus Velmede, als der Diener ihren schwer verletzten Sohn heranschleppt. Sie versorgt ihn, ruft Hilfe, lässt eine Kugel aus der Schulter operieren, hofft und betet. - umsonst. Fünf Tage später stirbt Raab Arndt, der letzte Herr von Oyenhausen auf Gut Velmede, an seinem 33. Geburtstag.

Statt strafrechtlicher Verfolgung gibt es einen Vergleich

Jobst wird sich strafrechtlich nie verantworten müssen. Aber er schließt einen Vergleich zwei Jahre nach der Bluttat. Darin bittet er förmlich um Verzeihung und billigt den Nachbarn das so leidenschaftlich angezweifelte Fischereirecht zu und auch die Sitz- und Begräbnisplätze in der Kirche. Im Gegenzug verspricht Raabs Schwester Anna Felicitas, die Erbin von Haus Velmede, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Die neuen Herren von Gut Velmede, die Familie von Bodelschwingh, läuft erst gar keine Gefahr, sich mit Nachbarn über Gräber in der Kirche streiten zu müssen. Sie legen einen eigenen Friedhof mitten im Wald an, der noch 400 Jahre später als Begräbnisstätte genutzt wird.

Die Begräbnisstätte der von Bodelschwinghs bei Velmede.

Die Begräbnisstätte der von Bodelschwinghs bei Velmede. © Sylvia vom Hofe

Über die erbitterte Adelsfehde hat Martin Litzinger im Jahrbuch des Kreises Unna 2017, „im Schatten des Galgens“, geschrieben.
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