Ob die Halbjahreszeugnisse tatsächlich den derzeitigen Bildungsstand der Schüler beurteilen können, sind sich Lüner Pädagogen uneinig. © M. Neumann
Schule

Halbjahreszeugnisse in Lünen: Flexible Vergabe, Sorgen um Bildungsstand

Während der Pandemie wird die Vergabe der Halbjahreszeugnisse flexibel gestaltet. Sorgen gibt es um die Aussagekraft. Lehrer in Lünen fürchten auch die langfristigen Folgen für die Bildung.

Am Freitag (29. Januar) ist der letzte Tag des Schulhalbjahres in NRW und somit gleichzeitig der Tag der Zeugnisvergabe. Eine Routine im Schulalltag, die jedoch unter Pandemiebedingungen und im Distanzunterricht für Lüner Schulleiter und auch Eltern mit einigen Herausforderungen und auch Sorgen verbunden ist.

Von Seiten des NRW-Schulministeriums gab es grünes Licht für diese Beurteilung des Leistungsstandes. Schul- und Bildungsministerin Yvonne Gebauer erklärte: „Das vergangene Schulhalbjahr hat fast vollständig im Präsenzunterricht stattgefunden. Daher gibt es Zeugnisse.“

Weniger Präsenz durch wochenlange Quarantäne

Die Lüner Schulleiter hingegen zweifeln, ob dieses Halbjahreszeugnis wirklich den wahren Leistungsstand ihrer Schüler wiedergeben kann. Die Coronafälle an fast allen Lüner Schulen und die damit verbundene teils wochenlange Quarantänezeit ganzer Klassen schmälerte die tatsächliche Präsenzzeit, so dass sich die Vermittlung der Lerninhalte streckenweise schwierig gestaltete.

Außerdem gibt es Fächer, wie Sport oder Musik, bei denen unter Pandemiebedingungen nicht dem üblichen Lehrplan gefolgt werden konnte. „In diesen Bereichen war es besonders schwierig eine qualifizierte Aussage über die Leistung der Kinder zu treffen“, berichtet Iris Lüken, Leiterin der Osterfeldschule und Sprecherin der Lüner Grundschulleiter. „Nur die Gesamtheit der Fächer trifft eine Aussage zur Versetzung. Sonst verschiebt sich das Bild.“

Darüber hinaus machen sich die Lehrer aber keine Sorgen, die Leistungsfähigkeit der Schüler in diesem Halbjahr und für dieses spezielle Zeugnis richtig eingeschätzt zu haben. An der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule (KKG) etwa sei die Leistungsbeurteilung schon vor den Weihnachtsferien und damit vor Beginn des Distanzunterrichts abgeschlossen gewesen. Aller Unterricht, der in Distanz stattfand, werde nicht oder nicht negativ bewertet, erklärt KKG-Schulleiter Reinhold Bauhus. Trotzdem sagt er: „Das Zwischenzeugnis kann keine objektive Leistungsabfrage ergeben. Es gibt hier eine soziale Ungerechtigkeit, die nicht wegzudiskutieren ist.“

Gemessen an den Widrigkeiten, sind sich die Schulleiter aber in einem Punkt einig, den Claudia Fellowes, kommissarische Leiterin der Realschule Altlünen so formuliert: „Ich bin der Meinung, dass wir das Beste aus der Situation herausholen.“

Elternvertreter zweifeln an Aussagekraft zum Bildungsstand

Auch Robert Goelzner, Sprecher der Stadtschulpflegschaft und seine Frau Eva-Maria Till, die vier Kinder an der KKG und der Heinrich-Bußmann-Schule haben, zweifeln, dass die jetzt ausgegeben Zeugnisse, die für Abschlussklassen auch zukunftsweisend sind, den wahren Bildungsstand des jeweiligen Schülers wiedergeben.

„Dafür ist gerade in dieser Zeit des Distanzunterrichts die Leistung viel zu sehr von den Eltern und auch von der digitalen Ausstattung im Elternhaus abhängig“, sagt Goelzner. „Je weniger ich die Schüler erreichen kann, desto weniger kann ich eine gerechte Note verteilen.“

Flexible Zeugnisvergabe mit Termin oder per Post

Doch wie kommen die Lüner Schülerinnen und Schüler in dieser Zeit der verschlossenen Schulen ganz praktisch an ihre Zeugnisse? Dazu erteilt das Schulministerium den Schulen größtmögliche Flexibilität: Wie sie die Zeugnisse an die Schüler bringen steht ihnen frei.

Außerdem dürfen sie auch schon die Woche vor dem 29.1. dafür nutzen. Ein Knackpunkt ist dabei ein Termin, der auf dem Montag nach der offiziellen Zeugnisvergabe liegt: Die Anmeldung für die weiterführenden Schulen, für die man das Original-Zeugnis der Viertklässler benötigt.

Die Lüner Grundschulen bieten deswegen, nach Auskunft von Iris Lüken, individuell vereinbarte Termine für eine persönliche kontaktlose Abholung an. Am KKG hätte man die Zeugnisse auch gerne persönlich übergeben. Weil aber nach Corona-Fahrplan Busse die Schule nur noch einmal pro Stunde anfahren, erfolgt die Vergabe doch per Post. Nur die Zehnte und 13. Klasse wird persönlich einbestellt.

Die Stadt Lünen hat sich indessen per Mail an die Lüner Schulen gewandt, mit der Empfehlung, nur die Zeugnisse der Abschlussklassen – also den Vierten, Zehnten, Zwölften und Dreizehnten Klassen, ausgenommen der neunten Klasse Hauptschule – im Original auszuhändigen. Alle anderen Zeugnisse sollen in Kopie per Post verschickt, die Originale später verteilt werden. Die Versandkosten von 80 Cent trage zunächst jede Schule selbst. Sollten aber Ende des Jahres die Ausgaben das Budget übersteigen, werde die Stadt einspringen.

Dominoeffekt in der Bildungskette

Sorge bereiten den Schulleitern vor allem die langfristigen Auswirkungen der Pandemie auf die Schüler. „Innerhalb der vier Schuljahre bildet sich ein sehr genaues Bild ab, welche Leistungsfähigkeit und Lernbereitschaft ein Kind mitbringt“, verdeutlicht Iris Lüken.

Deswegen seien die Zeugnisse der Viertklässler aktuell nicht so entscheidend für die Wahl der weiterführenden Schule. Diese Entscheidung zeichne sich bereits in der dritten Klasse ab. Auch die Erstklässler, denen in Distanz nur schwer die Grundlagen zu vermitteln seien, geben ihr zu denken. „Durch den Distanzunterricht besteht eine Differenz zu dem, was gelernt hätte werden können“, sagt die Grundschulleiterin.

Reinhold Bauhus spricht von einem Dominoeffekt, beginnend im Kindergarten. „Im Moment können die Kernkompetenzen nicht vermittelt werden. Ich befürchte Bildungsdefizite in der gesamten Bildungskette.“

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In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
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Kristina Gerstenmaier

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