Vier jugendliche Haftentlassene aus Lünen haben in Zusammenarbeit mit Dennis Sonne (alias Sittin' Bull) einen Song veröffentlicht. © Screenshot Rademacher
Hilfsverein Lünen

Haftentlassene arbeiten zusammen mit Rapper Sittin‘ Bull

Eine kriminelle Vergangenheit haben die Jungs, die zusammen mit dem Rapper Sittin‘ Bull einen Song aufgenommen haben. Das Projekt soll ihnen helfen, den Weg zurück ins „normale“ Leben zu finden.

Die vier Jungs haben Masken auf und stehen im halbdunklen Lünen – im Hintergrund ist der Hauptbahnhof zu sehen. „Mama, mach‘ dir keine Sorgen“, rappt einer der Jugendlichen, „hinter mir sind nie wieder Sirenen.“ Über enttäuschte Eltern, falsche Freunde, über Ängste oder das Drogendealen und den Verlust von Freiheit geht es in dem Song „Eines Tages“. Die vier Jungs – zwischen 17 und 19 Jahre alt – haben ihn zusammen geschrieben. Und sie wissen, worüber sie da rappen: Sie alle haben – aus unterschiedlichen Gründen – in ihrem jungen Leben schon eine Zeit im Gefängnis verbracht.

Jetzt sind sie auf dem Weg zurück – in ein Leben ohne Kriminalität. Der Hilfsverein Lünen unterstützt sie dabei. Unter anderem durch Projekte wie das, bei dem das Rap-Video „Eines Tages“ entstanden ist, wie Silke Kühn vom Hilfsverein im Gespräch mit der Redaktion erklärt. Finanziert wurde das Projekt, bei dem der Rapper Sittin‘ Bull (alias Dennis Sonne), der in Selm aufgewachsen ist, als Workshopleiter im Boot ist, von der Volksbank Selm-Bork. Beim Vereinsvoting der Bank hatte der Hilfsverein mit der Idee zum Rap-Projekt im vergangenen Jahr den ersten Platz belegt.

Funktioniert Rapmusik ohne Gewaltverherrlichung und Frauenfeindlichkeit?

Aber: Rap? Gerade in diesem Genre ist es ja oft so, dass Kriminalität verherrlicht wird, dass in Songs Gewaltfantasien oder Frauenfeindlichkeit alles andere als ein Tabu sind… „Wir wollten eine Alternative zum gängigen Rap erarbeiten. Mit gesunden und das Selbstbewusstsein stärkenden Inhalten. Dabei sollten stilistische Mittel wie die Abwertung von Frauen, sexualisierte Gewalt und die Verharmlosung von Waffen und Gewalt diskutiert und durch neue Inhalte wie Verantwortlichkeit für eigenes Handeln, die zweite Chance in ein legales Leben, Verarbeitung der eigenen Probleme und Erfahrungen, Antimobbing, Wertschätzung und so weiter ersetzt werden“, erklärt Silke Kühn.

Dennis Sonne, der den ersten Workshop mit den vier Jungs geleitet hat, glaubt, dass das gut geklappt hat. Er räumt zwar ein, dass er am Anfang des Workshops sehr klar gemacht habe, dass „wir ein bisschen auf dem Boden bleiben müssen“ – dass also zum Beispiel keine Schimpfwörter in dem Text vorkommen sollten. Das sei aber überhaupt kein Problem gewesen. Die Jungs haben ihre Geschichte zur Grundlage für den Text genommen. „Das ging teilweise schon echt nahe“, sagt Dennis Sonne. „Die Jungs haben halt eigentlich nur Pech gehabt“, erklärt er – auch in Bezug auf Familie. Oder Freunde. Und sie haben hart dafür gebüßt – das spricht eigentlich auch aus jeder Zeile des Liedes, das sie geschrieben haben.

Rapper seit 2004 querschnittsgelähmt und jetzt als Inkluencer unterwegs

„Uns ging es darum, ihnen dabei zu helfen, Selbstbewusstsein zu tanken“, so Dennis Sonne. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass Rap-Musik ein Mittel dazu sein kann. Er ist als Sittin‘ Bull bekannt geworden. Der nun in Lüdinghausen lebende Hobby-Musiker ist in Selm groß geworden. Er ist – so erklärt sich auch sein Künstlername – seit 2004 querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Hauptberuflich arbeitet er beim Finanzamt. Als Sittin‘ Bull hat der 37-Jährige aber schon mehrfach Rap-Workshops veranstaltet und ist als Reiseblogger unterwegs: In Japan, Israel oder Jamaika hat er zum Beispiel schon getestet, wie gut man dort zurechtkommt, wenn man im Rollstuhl sitzt. Für die Aktion Mensch ist er als Inkluencer unterwegs – also als jemand, der sich weltweit für die Inklusion einsetzt.

Dennis Sonne hat den Workshop mit den Haftentlassenen geleitet. © Hilfsverein Lünen © Hilfsverein Lünen

Und darum geht es ja auch bei dem Rap-Projekt. Die vier Jungs, die sich für das Projekt den Namen „Changing Faces, Telling Truth“ gegeben haben, tragen in dem Video nicht ohne Grund Masken. Sie tun das, „um sie nicht für ihr weiteres Leben zu stigmatisieren“, erklärt Silke Kühn. Ziel des Projektes sei es vielmehr, ihnen ein bisschen Aufwind zu geben für den Weg zurück in ein normales Leben ohne Kriminalität.

Weitere Workshops sind bereits geplant

„Eines Tages wird es besser sein“, formulieren die Jungs ihren Wunsch für die Zukunft in ihrem Song. „All‘ der Trouble ist vergessen, all‘ die Qualen vorbei. Denn wir nutzen die Zeit, wissen dadurch Bescheid, dass wir leben um zu leben – frei in Körper und Geist.“

Schon jetzt steht fest, dass es nicht bei dem einen Workshop für Haftentlassene mit Dennis Sonne bleiben wird: Es sind weitere Veranstaltungen geplant, wie Silke Kühn bestätigt. „Aufgrund des sehr erfolgreichen Verlaufs des Projekts ist es geplant, einen solchen Workshop in 2021 zu wiederholen. Aufgrund der Fluktuation der Teilnehmer der Sozialen Gruppenarbeit werden es dann andere Teilnehmer sein. Aber der Name soll bestehen bleiben“, erklärt sie.

Zum Hintergrund: Der Hilfsverein bietet jugendlichen und heranwachsenden Straftätern die Möglichkeit, im Rahmen einer fortlaufenden Sozialen Gruppenarbeit Freizeitarbeitsstunden abzuleisten. „Getreu dem Motto, dass Arbeit mit den Tätern der beste Opferschutz ist, ist das Ziel aller Aktivitäten, ein Leben ohne Straftaten zu führen, was sowohl dem einzelnen Täter als auch der Gesamtgesellschaft zugutekommen soll. Ein Schritt von vielen auf diesem Weg kann es sein, das Selbstbewusstsein zu stärken, um Mut für das Erreichen anderer Ziele zu erzeugen wie beispielsweise bei der Jobsuche“, erklärt Silke Kühn.

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Ich mag Geschichten. Lieber als die historischen und fiktionalen sind mir dabei noch die aktuellen und echten. Deshalb bin ich seit 2009 im Lokaljournalismus zu Hause.
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Marie Rademacher

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