Gewalt in der Lüner Notaufnahme: „Die Eskalationen häufen sich“

dzOberarzt berichtet

Schockiert war das Personal nach einem Gewaltausbruch in der Notaufnahme des St.-Marien-Hospitals Mitte April. Der Leiter der Notaufnahme erzählt im Interview vom Ausmaß der Gewalt.

Lünen

, 26.04.2019, 13:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

In der Nacht auf den 10. April haben offenbar Angehörige eines Patienten das Personal in der zentralen Notaufnahme des Lüner St.-Marien-Hospitals attackiert. Ein Gewalt-Ausbruch, allerdings nicht der erste. Wir haben mit Dr. Timo Baumeister über solche Vorfälle gesprochen, über den 1. Mai und über lange Wartezeiten.

Immer wieder wird über Gewalt in Notaufnahmen berichtet, auch hier hat es Vorfälle gegeben. Ist das ein Problem?

Ja, das ist eine Entwicklung, die wir in den letzten Jahren feststellen mussten. Bis vor einigen Jahren brauchten wir noch keinen Sicherheitsdienst, jetzt haben wir einen, der am Abend und in der Nacht unser Team unterstützt.

Wie kommt das?

Die Notaufnahmen werden immer mehr beansprucht, auch von Menschen, die nicht als akuter Notfall kommen. Dadurch werden die Wartezeiten länger. Das führt dazu, dass die Menschen sich vielleicht nicht ernst genommen fühlen, das schürt auch eine gewisse Aggressivität. Es gibt immer wieder solche Extrembeispiele, wo unsere Mitarbeiter nicht nur verbal, sondern auch körperlich angegriffen werden. Das ist bedauerlich und für uns auch enttäuschend. Unser Team ist ja da, um den Leuten 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr zur Seite zu stehen. Wenn man sich dann einer solchen Aggressivität ausgesetzt sieht und Angst haben muss um sein körperliches Wohlbefinden, ist das sehr bedauerlich.

Dr. Timo-Benjamin Baumeister (32) ist ärztlicher Leiter der zentralen Notaufnahme im Lüner St.-Marien-Hospital. Er hat Medizin an der Universität Münster studiert und arbeitet seit 2012 am Klinikum Lünen, seit 2017 auch als Oberarzt in der zentralen Notaufnahme.

Einen Fall hat es ja auch vor ein paar Wochen schon gegeben.

Ja, da hatte sich eine alkoholisierte Patientin gar nicht mehr im Griff. Unsere Mitarbeiter wurden geschubst und leider auch beleidigt. Das führte dann bis zu einem Polizeieinsatz. Die Patientin wurde nach Erstbehandlung der Polizei übergeben, es wurden Strafanzeigen gestellt. Das sind Extrembeispiele, aber man merkt schon eine Häufung solcher Eskalationen. Gerade am Wochenende und nachts.

Eskalationen gibt’s ja auch häufig rund um die Feier auf der Grillwiese am Cappenberger See. Nehmen Sie sich als Chef am 1. Mai dann lieber frei?

Prinzipiell ja, ich habe da großes Vertrauen in unser Team. Am 1. Mai sind wir ja auch gut vorbereitet, wir stellen extra einen Dienst zusammen, bereiten die Räumlichkeiten vor und arbeiten eng mit dem Rettungsdienst zusammen. Das Konzept ist immer gut aufgegangen in den letzten Jahren. Es geht da ja meist um alkoholisierte Jugendliche, darauf sind wir eingestellt. Im Notfall bin ich auch für die Kollegen ansprechbar, wenn es eine Ausnahmesituation gibt. Wir sind da insgesamt vorsichtiger geworden.

Hoffen Sie, dass es möglichst kalt und regnerisch wird?

Das wünsche ich den Feiernden natürlich nicht. Aber für uns sind warme 1.-Mai-Tage sicherlich etwas kritischer.

Sie als Oberarzt haben ja die Verantwortung für die Mitarbeiter. Wenn sich die Gewalt gegen die Mitarbeiter häuft – was unternehmen Sie, um sie zu unterstützen?

Man merkt, dass solche Ereignisse unsere Mitarbeiter beeindrucken. Die sind ja hier, um Leuten zu helfen. Das ist ein unschönes Gefühl, das merken auch die Mitarbeiter im Rettungsdienst und bei der Polizei. Wir führen mit den Mitarbeitern danach Gespräche, fragen, ob Redebedarf besteht. Das hilft manchmal. Wir bereiten die Kollegen auch soweit es geht auf solche Situationen vor. Es gibt den Sicherheitsdienst. Und es gibt Notfallpläne. Da geht es etwa darum, wie und wo man Räume schnell verlassen kann, wenn Situationen eskalieren. Man muss dafür ein Auge haben und die Kollegen schulen. Wir arbeiten ja aber auch eng mit der Polizei hier in Lünen zusammen. Wenn wir anrufen, sind die schnell da.

Wann ist der Sicherheitsdienst denn vor Ort?

In den Nachtstunden dauerhaft, am Wochenende schon etwas eher. Es gibt schon Notaufnahmen, wo der Sicherheitsdienst dauerhaft vor Ort ist – das ist bei uns zum Glück noch nicht nötig. Wir kommen mit dem jetzigen Konzept ganz gut zurecht. Und in manchen Situationen hilft auch der Sicherheitsdienst nicht mehr.

Wie viele Patienten behandeln Sie hier eigentlich?

Wir haben im Schnitt 100 Patientenkontakte pro Tag, das sind 35.000 bis 40.000 im Jahr. Wir sind die größte Notaufnahme im Kreis Unna. Aber es schwankt auch. Es gibt sehr ruhige Tage und solche, wo wir deutlich mehr Patienten versorgen müssen. Das ist halt Notfallgeschäft und nicht planbar. Wir schaffen die Strukturen, um das im Mittel gut zu bewältigen. Vier bis fünf Ärzte sind immer hier, dazu immer zwischen drei und sechs Pflegepersonen. Damit ist häufig das Meiste abzufangen, aber auch eine Grenze gesetzt.

Es ist ja ein Problem, dass viele Patienten kommen, aber eigentlich kein Fall für die Notaufnahme sind.

Ja, das ist für den Laien immer schwer einzuschätzen. Für uns geht das schnell. Wir haben ein sogenanntes Triagesystem. Damit ordnen wir die Patienten in Gefahrengruppen ein, je nach Symptomatik. So ordnen wir, ob der Patient akut behandelt werden oder etwas warten muss. Wenn ich mit einer leichten Erkrankung hier bin, kann es sein, dass immer wieder jemand kommt, der ein schwererer Fall ist, so entstehen Wartezeiten bis zu mehreren Stunden. Das muss man dann in Kauf nehmen, da bitten wir um Verständnis.

Haben Sie denn das Gefühl, dass das Verständnis manchmal fehlt?

Ja, aber die Frage ist ja, ob nicht vielleicht nur die Informationen fehlen. Wir zeigen aktuell im Wartebereich eine Präsentation, wo wir dem Patienten mitteilen, wie die Notaufnahme funktioniert und warum es manchmal dauern kann. Das versuchen wir dadurch zu vermitteln.

Der ärztliche Notdienst ist doch aber auch gleich mit vor Ort, oder?

Genau, direkt neben unserer Notaufnahme. Der ist zu seinen Zeiten vor Ort. Die Mitarbeiter am Terminal sind geschult und wissen, ob der Patient zum ärztlichen Notdienst verwiesen wird oder zu uns in die Notaufnahme kommt.

Und hilft das?

Das hat zu einer gewissen Entlastung geführt. Man muss aber sehen, dass das nur in den Dienstzeiten der ärztlichen Notdienste ist, also außerhalb der Kernarbeitszeit der Hausärzte. In der Politik wird diskutiert, ob das künftig geändert wird, sodass auch der ärztliche Notdienst dauerhaft geöffnet ist.

Ist das nötig?

Ja, wir sind zur zentralen Anlaufstelle geworden, aber die Strukturen sind dafür nicht ausgelegt. Wir versuchen, das zu korrigieren mit unseren Mitteln. Aber es ist nicht zufällig, dass die Politik das jetzt ändern will. Im Moment ist das etwas aus dem Lot geraten.

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