Gewalt gegenüber Lehrern Schulleiter: „Eltern sind fordernder, aggressiver, ungeduldiger“

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Eine Faust als Symbol für physische Gewalt, daneben Wilhelm Böhm, Leiter des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums.
Gewalt gegenüber Lehrern nimmt zu - auch in Lünen. Das berichtet Wilhelm Böhm, Leiter des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums. © dpa/Stachelhaus
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Gewalt hat viele Facetten. Sie kann psychisch ausgeübt werden in Form von Drohungen, Beleidigungen oder Belästigungen – direkt oder per Internet. Oder eben körperlich in Form von tätlichen Übergriffen. All diese Formen haben bundesweit an Schulen seitens Schüler und auch Eltern gegenüber Lehrern in den vergangenen fünf Jahren – und besonders deutlich seit Corona – zugenommen. Das besagt eine kürzlich veröffentlichte Studie, die die Lehrergewerkschaft „Verband Bildung und Erziehung“ (VBE) beim Meinungsforschungsinstitut Forsa in Auftrag gegeben hatte.

Fragt man Lüner Schulleiterinnen und Schulleiter, ob sie diese Ergebnisse bestätigen können, ergibt sich ein gemischtes Bild.

Klare Worte findet Iris Lüken, Sprecherin der Lüner Grundschulen und Leiterin der Osterfeldschule: „Wir haben zwei Jahrgänge, die sehr problematisch sind, was Gewalt betrifft. Ihnen fehlt ganz deutlich eine gewisse Sozialkompetenz.“ Den Kindern der zweiten und dritten Jahrgänge – also denen, die mitten in der Pandemie eingeschult wurden – mangele es an Impulskontrolle und an der Fähigkeit, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.

„Die Kinder kennen die Grenzen nicht mehr, sind an das Zusammensein in der Gruppe nicht gewöhnt. Dabei habe die Gewaltbereitschaft der Schüler vor der Pandemie schon zugenommen, noch deutlicher aber seitdem. „Diese beiden Jahrgänge sind eigentlich an allen Lüner Grundschulen sehr auffällig“, so Lüken.

Iris Lüken, Sprecherin der Grundschulen und Leiterin der Osterfeldschule.
Iris Lüken, Sprecherin der Grundschulen und Leiterin der Osterfeldschule. © Schulz-Gahmen (A)

Dabei sieht die Pädagogin mehrere Punkte, die sich gegenseitig bedingen: Während der Pandemie waren die Kinder gezwungen, reale Kontakte zu meiden und sind auf digitale ausgewichen. Je mehr soziale Kontakte aber im Digitalen zu finden sind, desto mehr meiden sie echte Kontakte und desto weniger können sie in der analogen Welt miteinander umgehen.

Auch Eltern sind „ruppiger“ geworden

Außerdem bemerkt sie aus Gesprächen und Erzählungen, dass Kinder oft schon Filme schauen oder Videospiele spielen, die für weit Ältere gedacht sind, in denen Gewalt vorkommt und „es vor Blut nur so spritzt“. Auch Soziale Medien sind schon unter den Grundschülern großes Thema. „Frustrationstoleranz ist in Sozialen Medien nicht gefragt“, stellt sie fest. „Bei all dem gibt es in den Elternhäusern einen sehr leichtfertigen Umgang damit“, sagt sie. „Und der Rückweg in die analoge Welt ist jetzt offenbar wirklich schwierig. Bei mehreren Verwarnungen gibt es in der Konsequenz eine sogenannte Auszeit gemeinsam mit der Sozialarbeiterin sowie Gespräche mit der Schulleitung und den Eltern. Das wirkt“, sagt Lüken.

Was die Eltern angeht, gebe es die Tendenz, dass sie miteinander ruppiger geworden sind, sich leichter provoziert fühlen. In Chat-Gruppen gebe es zunehmend „sehr rohe Reaktionen“, wie Lüken es nennt. Es sei häufiger passiert, dass Lehrer dann geschockt und betroffen die Gruppe verlassen haben.

Wilhelm Böhm, Leiter des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums.
Wilhelm Böhm, Leiter des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums. © Matthias Stachelhaus

Und auch am Gymnasium scheint es ein Gewalt-Problem der nicht-körperlichen Art zu geben. Wilhelm Böhm, Leiter des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums, sagt: „Insgesamt ist der Umgang auf jeden Fall ruppiger geworden.“ Eltern seien noch fordernder, aggressiver und ungeduldiger geworden. „Es ist weniger ein Fragen, als ein Fordern. Und bei den Schülern fällt eine zunehmende Respektlosigkeit auf.“

„Keinerlei körperliche Gewalt“

„Bei uns gibt es keinerlei körperliche Gewalt“, sagt dagegen beispielsweise Benjamin Müller, Leiter der Ludwig-Uhland-Realschule (LUR). „Und verbale Gewalt gibt es auch kaum, und wenn, kann das immer gut geklärt werden.“

Das Bild, das die Studie zeichnet, könne er so nicht bestätigen. Bei der Studie handelt es sich um eine repräsentative Umfrage unter bundesweit 1308 Schulleiterinnen und Schulleitern aller Schulformen. 62 Prozent gaben an, in den vergangenen fünf Jahren habe es Fälle gegeben, bei denen Lehrer direkt beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden. 34 Prozent sprechen über Gewalt via Internet und 32 Prozent von körperlichen Angriffen. Auf die Feststellung, dass diese Fälle seit Beginn der Corona-Pandemie zugenommen haben, antworteten 49 Prozent der Grundschulleiter bestätigend, bei den Haupt-, Real- und Gesamtschulleitern waren es 70 Prozent und bei den Gymnasialleitern 42 Prozent.

„Wir haben einen guten Draht zu den Schülern und auch den Eltern“, sagt Benjamin Müller. „Ganz viel ist über Gespräche klärbar und im Austausch miteinander.“ Einen gewissen Einfluss sozialer Medien auf die Schülerschaft kann er aber nicht abstreiten: „Meinungen über soziale Medien zu äußern ist einfach. Aber auch hier haben wir immer Besprechungsmöglichkeiten. In Kontakt zu bleiben ist ein gutes Konzept.“

Reinhold Bauhus, Leiter der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule und Benjamin Müller, Leiter der Ludwig-Uhland-Realschule.
Reinhold Bauhus, Leiter der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule und Benjamin Müller, Leiter der Ludwig-Uhland-Realschule. © Bauhus/ LUR

Auch Reinhold Bauhus, Leiter der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule (KKG), sagt direkt: „Dieses Problem ist bei uns nicht virulent“, sprich: kein Thema. Nur in Einzelfällen gebe es Beleidigungen. „Natürlich ist der Umgang insgesamt respektloser geworden“, sagt er dann auf Nachfrage. „Bei den Schülern untereinander, aber auch gegenüber Lehrern. Insgesamt finde ich mich in der Studie aber nicht wieder. Bei uns gibt es nur Einzelfälle von Beleidigungen gegenüber Lehrern, die dann aber konsequent zu Teilkonferenzen führen“, sagt der KKG-Leiter. An Teilkonferenzen nehmen der betroffene Schüler, Eltern, Lehrer und die Schulleitung teil. Was die Eltern betrifft, beobachtet Bauhus, dass die zunehmend mehr erwarten, dass die Schule ihre Kinder erzieht. Zu Ausfälligkeiten komme es hier aber nicht.