Fleischereien in Corona-Zeiten: „Natürlich muss ich auch davon leben“

dzNachhaltige Lebensmittel

36 Metzgereien gab es in Lünen mal. Inzwischen sind es nur noch drei. Die Fleischerei von Wilhelm Scharbaum ist eine von ihnen. Und Scharbaum hat einen klaren Appell an die Verbaucher.

Lünen

, 19.07.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit dieser Woche darf beim Großbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück wieder geschlachtet werden. Am Freitag, 17. Juli, gab es aber nochmal eine kurzzeitige Unterbrechung, weil auch jetzt noch bei der Gestaltung der Arbeitsplätze nachgebessert werden musste.

Nachdem sich in dem Betrieb rund 1400 Menschen mit dem Coronavirus infizierten, ist das Thema, „wo kommt mein Fleisch eigentlich her?“, für viele Menschen wieder deutlich präsenter.

Doch wie sehen die Bedingungen eigentlich für einen Fleischreibetrieb hier in Lünen aus? „Ich sehe meine Arbeit hier so zu sagen als Auftrag, die Lüner Bevölkerung mit Fleisch- und Wurstwaren nachhaltig und verantwortlich zu versorgen. Aber natürlich muss ich auch davon leben und meine Angestellten ordentlich bezahlen können“, sagt Wilhelm Scharbaum von der gleichnamigen Fleischerei in Lünen.

Aus 36 Metzgereien werden drei

Die Anfänge dieser Metzgerei gehen zurück ins Jahr 1921, wo in der Marktstraße die Metzgerei Wienke eröffnet wurde. Immer als reiner Handwerksbetrieb über Generationen geführt und mit dem Lüner Schlachthof eng verbunden.

„Als mein Vater in den 1960er-Jahren in den Betrieb einstieg, gab es in Lünen noch 36 Metzgereien, heute sind es gerade noch drei Stück.“

Außer Scharbaum (das jetzt zur Firma Mecke in Werne gehört) am Roggenmarkt sind dies noch Bernemann und Röhl in Wethmar sowie Stolzenhoff in Brambauer.

Wilhelm Scharbaum, der 15 Jahre lang stellvertretender Obermeister der Fleischerinnung Hellweg-Lippe war, weiß wie der Hase läuft.

So lange es den Lüner Schlachthof gab, erst als städtische Einrichtung und später dann in Besitz von Milk und Beermann, war das die Quelle für den eigenen Bedarf an Schweine- und Rindfleisch. Die Zerstörung der Einrichtung durch einen Brand erforderte eine Neuorientierung.

Diese kam bei Scharbaum auch durch die Verbindung zu dem verstorbenen Wilhelm Kanne und seiner Philosophie mit dem Brottrunk. Mit dem Landwirt Wiesmann in Netteberge fand sein Betrieb einen neuen Partner in Sachen Vieh, die Produkte von Kanne werden dort bei Mästung eingesetzt und zeigen nachhaltige Wirkung.

„Kurze Transportwege für die Tiere“

Zum Schlachten werden die Tiere nach Werne zu Mecke oder in eine Schlachterei nach Unna transportiert.

„Damit waren für mich die Themen kurze Transportwege und die Herkunft der Tiere zur Zufriedenheit gelöst“, stellt Scharbaum fest. Verarbeitet wird das angelieferte Fleisch am Roggenmarkt, über den Geflügelhof Zierau wird noch hochwertiges Geflügel und auf Bestellung auch Lammfleisch zugekauft.

„In Unna werden in der Woche für die Betriebe im Umkreis ungefähr 3000 Tiere geschlachtet, bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück ist es das Vielfache an einem Tag. Und die Ware wird bei uns auch in einer Woche umgesetzt“, berichtet er weiter.

Was die Verbraucherpreise betrifft kann der Betrieb am Roggenmarkt durchaus mit den Supermärkten mithalten, zudem gäbe es stets auch Sonderangebote. Die Verhältnisse in der großen Fleischindustrie seien schon länger bekannt, aber über Lippenbekenntnisse sei die Politik bisher nicht hinausgekommen, findet der Fleischer.

„Ich appelliere deshalb an die Bevölkerung selber für Veränderungen zu sorgen und die Entwicklung genau zu beobachten“, ist sein Fazit in der momentanen Situation.

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