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Senioren

„Essen auf Rädern“: Was die neun Anbieter in Lünen den Kunden bieten

Bequem, lecker und gesund. Das versprechen die sogenannten Menüservices, die vornehmlich Senioren zu Hause beliefern. Wir haben mal unter die Menühauben geschaut und verglichen.

Für sich alleine kocht man ungern und schon gar nicht täglich. Oder man braucht spezielle Kost. Oder man kann in Folge eines Krankenhausaufenthaltes oder altersbedingten Bewegungseinschränkungen „nicht mehr so richtig“. Die Gründe, sich als Senior zu Hause mit Essen beliefern zu lassen, sind vielfältig.

Und genauso vielfältig scheint der Markt für das, was früher allerorts „Essen auf Rädern“, heute meist, etwas schicker, Menüservice, genannt wird.

In Lünen haben Kunden die Möglichkeit beim gelieferten Essen zur Mittagszeit aus mindestens neun verschiedenen Anbietern auszuwählen: Neben den großen Sozialdiensten, gibt es bundesweit tätige Menükurierdienste, die auch Kunden in der Lippestadt beliefern, und lokale Großküchen. Darüber hinaus bieten manche Pflegeservices ebenfalls ein Essensangebot.

Große Auswahl, kleiner Korridor

Die Auswahl erscheint unüberschaubar groß. Doch bei genauerem Hinsehen belaufen sich die Angebote auf einige wenige Unterschiede.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK,) das Lüner Unternehmen Essenz-Menü, die Malteser, die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der häusliche Pflegedienst H. Müller, sie alle kooperieren mit demselben Unternehmen: Apetito, einem bundesweit tätigen Menüservice mit Sitz in Rheine, der neben Senioren zu Hause auch Kitas und Unternehmen weltweit beliefert und in Supermärkten Tiefkühlkost vertreibt. Im Geschäftsbericht 2019 des Unternehmens heißt es: „Wir sind Markt- und Innovationsführer in der Gemeinschaftsverpflegung.“

Trotz des gleichen Namens hinter all den Angeboten von DRK, AWO und Co. gibt es doch feine Unterschiede: Das Apetito-Geschäftsmodell sieht nämlich vor, dass der Kunde, also der jeweilige Soziale Dienst oder das lokale Unternehmen, aus diversen Menüvarianten sechs auswählen kann, die er den Hungrigen zu Hause anbieten möchte. So gibt es über das DRK beispielsweise gleich zwei Varianten, die für Diabetiker geeignet sind, eine davon in der Variante „bekömmlich“. Auch bei den Maltesern gibt es detaillierte Speisepläne online. Neben „klein aber fein“ oder „gut bürgerlich“ gibt es eine Spalte Leichtes Vollkost-Menü. Und bei der AWO gibt es „süß und lecker“ oder „Eintöpfe und Suppen“. Bei allen sind die Speisepläne inklusive Zutaten- und Nährwerteliste online einsehbar.

Bei Essenz-Menü hingegen gibt es online keine Speisepläne. Lediglich der allgemeine Apetito-Infokatalog kann heruntergeladen werden.

Und auch wenn Apetito im Oktober 2020 vermeldete „Die Menülinie „Veggie-Power“ verfolgt inzwischen seit fünf Jahren den stetig wachsenden Trend nach pflanzlicher Ernährung und bietet bereichsübergreifend vegetarische Highlight-Mahlzeiten an“ – eine vegetarisches Menüspalte hat keiner der Anbieter im Programm.

Manko: Null Individualität

Die nächst kleineren Anbieter hinter Apetito sind „Hoffmann Menümanufaktur“ und „Menüservice Meyer“. Mit letzterem kooperiert der Lüner Pflegedienst „Das Gesundheitsteam“. Ein vegetarisches Menü gibt es auch über den Pflegedienst nicht, obwohl das Unternehmen es im Angebot hat. „Das wird eigentlich nicht angefragt“, erklärt Gesundheitsteam-Mitarbeiterin Elke Böllhoff.

Der Caritas-Verband Lünen-Selm-Werne wiederum hat sich für ein regionales Unternehmen entschieden und kooperiert mit der „Rollenden Mittagstisch GmbH“ aus Bochum. Hier gibt es einen detaillierten Einblick in die Speisepläne. Ein vegetarisches Menü sowie eines, das für Diabetiker geeignet ist, sind im Programm. Außerdem sind die Inhaltsstoffe genau aufgelistet. Allerdings gibt es (wie auch bei allen anderen Anbietern) keine Kombinationsmöglichkeiten.

Das sei auch das größte Manko an den Menü-Services, sagt Yvonne Hartmann, Ernährungsberaterin in Lünen und Werne. „Es fehlt an Individualität, also an der Möglichkeit, sich sein Menü flexibel zusammenzustellen.“ Zwar kann man einen Tag vegetarisch essen und am nächsten Diabetikerkost, aber vegetarische Diabetikerkost gibt es nicht. Nachdem Yvonne Hartmann sich die verschiedenen Speisepläne genau angesehen hat, stellt sie fest: „Es gibt sehr viel fettige Soßen, viel Paniertes und ganz klar zu viel Fleisch.“

Zu fett- und proteinreich

Die Ernährungsberaterin sagt: „Wenn Menschen sich beliefern lassen, haben viele innerhalb eines Jahres Darmbeschwerden.“ Ihrer Empfehlung für eine gesunde Ernährung nach sollte ein Speiseplan aus einem Viertel Proteine (u.a. Fleisch), einem Viertel Kohlenhydrate (Kartoffeln, Brot, Nudeln) und zur Hälfte aus Obst und Gemüse bestehen. Hier aber bestehe fast die Hälfte aus Fleisch und Kohlenhydraten. „Die Fleischportionen sind zu groß“, sagt sie. „Es müssen doch gar nicht zwei dicke Rinderrouladen auf einem Teller liegen.“

Außerdem seien die Speisen zu arm an Ballaststoffen und Vitaminen, die durch den Transport verloren gingen. Und auch falls es ein vegetarisches Angebot gebe, sei das oft ein „Pudding-Vegetarier“-Angebot: fleischlos aber trotzdem ungesund. „Da gibt es jede Menge Möglichkeiten, das Essen gesünder zu gestalten.“

Ihr Rat: Sich genau informieren und beraten lassen. „Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass man die Gerichte jeweils kennzeichnet bezüglich verschiedener Beschwerden, die im Alter auftreten. Also zum Beispiel für Menschen mit Osteoporose oder Übergewicht oder Gelenkbeschwerden geeignet`.“

Und dann sagt sie noch etwas, das viele überraschen dürfte: „Eigentlich sind tiefgefrorene Gerichte für diese Zwecke immer noch am besten.“

Über die Autorin
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In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
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Kristina Gerstenmaier

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