Die meisten Mitschüler sind halb so alt wie Stefan Vogel. Der 40-Jährige aus Lünen hat vor mehr als zwei Jahren einen mutigen Neustart gewagt und sich für einen neuen Beruf entschieden.

Lünen

, 26.02.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Den Anstoß für einen beruflichen Neubeginn gab Stefan Vogels langjährige Lebensgefährtin Maria Wirtz. „Warum wirst du nicht Erzieher?“, fragte sie ihn, als er eigentlich auf der Suche nach einem neuen Job im Großhandel war. Denn im Umgang mit Kindern blüht der gebürtige Sachse, der seit vielen Jahren in Lünen lebt, auf. Aber eine ganz neue Ausbildung mit Ende 30?

„Das kommt häufiger vor als man denkt“, sagt Ulrich Oelker, Teamleiter der Arbeitsvermittler bei der Agentur für Arbeit Hamm, die auch für Lünen zuständig ist. „Man lernt im jungen Alter einen Beruf, weil die Eltern das so wollen oder weil der Arbeitsmarkt für den eigentlichen Wunschberuf schlechtere Chancen bietet. Im gefestigten Alter überlegt man sich dann, ob sich der Traumberuf nicht doch noch verwirklichen lässt“, so Oelkers Erfahrung.

Keine Wochenendbeziehung

Ähnlich war es auch bei Stefan Vogel. Zunächst studierte er Technik, war damit aber nicht glücklich. Danach absolvierte er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, „um erstmal eine Ausbildung zu haben, ich wollte ja auch Geld verdienen“. Er arbeitete dann bei einer Firma in Bergkamen-Rünthe, bis diese 2015 nach Bonn umzog. „Ich wollte nicht mit, hätte umziehen müssen.“ Eine Wochenendbeziehung mit Freundin Maria konnte er sich nicht vorstellen. Also wechselte Vogel zu einer Firma nach Hamm, aber nur für ein Dreivierteljahr. Dann war er arbeitslos, suchte ab März 2016 eine neue Stelle im Großhandel oder im Büro. Bis Maria Wirtz die Idee mit der Erzieher-Ausbildung hatte.

Vogel informierte sich, erfuhr vom Bundesprojekt „Männer in die Kita“ und dass die Arbeiterwohlfahrt Dortmund interessierte Leute suchte: „Ich hab mich beworben, aber nichts bekommen.“ Dann hörte er, dass man(n) entweder eine Ausbildung zum Kinderpfleger vorweisen muss oder 900 Stunden Praktikum in einer pädagogischen Einrichtung, um eine Ausbildung zum Erzieher beginnen zu können.

Fördergelder nicht für jeden

Der damals 38-Jährige fragte bei der Stadt Lünen und beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) nach, durfte sich zwei Einrichtungen ansehen und „fand die städtische Kita Marktgasse ganz gut“. Mitte November 2016 startete sein neuer beruflicher Weg mit dem Praktikum in dieser Kita. Geld gab es dafür nicht. „Ich hab versucht, übers Arbeitsamt eine Förderung zu bekommen, das klappte aber nicht.“ Dass sein Traum nicht an den Finanzen scheiterte, verdankt er seiner Lebensgefährtin und ihrer Familie, die ihn nicht nur finanziell unterstützen, sondern auch Mut machten, diesen Weg zu gehen.

Tatsächlich gibt es Fördergelder von der Agentur für Arbeit - aber eben nicht für jeden, der einen beruflichen Neustart wagen will. „Möglich ist eine Förderung zum Beispiel, wenn man im bisherigen Beruf von Arbeitslosigkeit bedroht ist. Es ist immer eine Einzelfallentscheidung“, sagt Ulrich Oelker. Wenn allerdings ein Altenpfleger nun Erzieher werden möchte, gibt es keine finanzielle Förderung, denn da würde man von einem guten Arbeitsmarkt in einen anderen guten wechseln.

„Es ist gar nicht so schlecht, wenn man ein bisschen Lebenserfahrung hat“

Die Agentur für Arbeit an der Münsterstraße. Hier können sich Berufstätige beraten lassen, die an einen Berufswechsel denken. © Foto: Fröhling

Kommt ein Ratsuchender zur Agentur für Arbeit, der den Beruf wechseln will, aber noch nicht genau weiß, welcher es sein soll, schauen die Berater erst einmal, wo er (oder sie) steht. Oelker: „Wir schalten eventuell auch den berufspsychologischen Service ein.“ Um eine Analyse der Stärken und Schwächen zu bekommen, ähnlich wie bei der Berufsberatung für Jugendliche. „Wir raten dann auch zu Praktika, gerade, wenn jemand überlegt, in die Altenpflege zu wechseln, nur weil dieser Bereich sichere Jobs bietet.“ Gut sieht es auch auf dem Arbeitsmarkt für Erzieher aus, für Männer und Frauen. Wobei gerade männliche Erzieher noch Mangelware sind - sie werden sowohl für Kitas als auch für stationäre Einrichtungen beispielsweise des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe gesucht.

Dreijährige Ausbildung

Dass die Chanen auf dem Arbeitsmarkt gerade für männliche Erzieher so gut sind, war nur ein Grund für Stefan Vogel, den Beruf zu wechseln. Im Praktikum in der Kita merkte er: Die Entscheidung war genau richtig für ihn. „Es hat mir sehr viel Spaß gemacht.“ Im Spätsommer 2017 startete er dann die Ausbildung zum Erzieher am Lippe-Berufskolleg (LBK), zwei Jahre vollschulische Ausbildung, dann noch ein Anerkennungsjahr. Im ersten Jahr absolvieren die angehenden Erzieher ein achtwöchiges Praktikum: „Da war ich wieder in der Kita Marktgasse, in der Gruppe für die drei- bis sechsjährigen Kinder.“

Jetzt ist er im zweiten Ausbildungsjahr und absolviert gerade das nächste Praktikum. Diesmal in der Offenen Ganztagsschule in Alstedde an der Grundschule am Heikenberg. Alternativen wären eine Kita-Gruppe für unter Dreijährige oder eine Einrichtung für Jugendarbeit gewesen. Die Praktika helfen bei der Entscheidung, in welchem Bereich die künftigen Erzieher tätig sein wollen. Stefan Vogel weiß es schon: „OGS ist nichts für mich, nicht nur weil es meistens Teilzeitstellen sind.“ Er sieht sein späteres Arbeitsfeld in der Kita, bei Kindern im Vorschulalter. Den Vertrag für das Anerkennungsjahr in einer Kita der Stadt Lünen hat er gerade bekommen, im August geht es los. In welcher Kita, steht noch nicht fest. Davor wartet noch im Mai die schriftliche Prüfung in drei Fächern am LBK. Nach dem Anerkennungsjahr folgt im Frühsommer 2020 die mündliche Prüfung. Danach ist Vogel staatlich anerkannter Erzieher.

„Ab August, im Anerkennungsjahr, verdiene ich auch Geld.“ Um die Ausbildung zu finanzieren, bekommt er das sogenannte Aufstiegs-/Meister-Bafög vom Land NRW, das wird bei Ausbildungen zu Berufen gezahlt, in denen Bedarf besteht. Außerdem arbeitet Vogel stundenweise in einer Bäckereifiliale.

Zweitältester in seiner Klasse

Bereut hat er den Neustart nicht. Im Gegenteil. „Ich hab gemerkt, dass es genau das Richtige für mich ist. Ich hab die Ruhe, auch wenn es mal lauter wird. Sicher ist es kein Job, den jeder machen kann. Man muss schon auf die Kinder eingehen können. Vor allem echt sein, sich nicht verstellen, das merken Kinder nämlich ganz schnell.“

In seiner Klasse am LBK ist er der Zweitälteste, eine Mitschülerin ist ein paar Monate älter als der 40-Jährige: „Sie war Damenschneiderin und will nun auch Erzieherin werden.“ Die meisten Mitschüler sind gerade halb so alt, Probleme gibt es deshalb nicht. Im Gegenteil: „Mir fällt einiges beim Lernen sogar ein bisschen leichter. Es ist gar nicht so schlecht, wenn man ein bisschen Lebenserfahrung hat, auch bei der Arbeit im Team und später bei den Elternbesuchen.“ Noch immer sind männliche Erzieher allerdings Exoten. Von knapp 50 angehenden Erziehern in den Klassen am LBK sind derzeit gerade mal acht Männer.

„Es ist gar nicht so schlecht, wenn man ein bisschen Lebenserfahrung hat“

Erzieher zu sein, heißt die Kinder zu fördern, das ist viel mehr als mit ihnen zu spielen. © Beate Rottgardt

„Auch ein Wechsel mit Anfang 50 macht noch Sinn“

Es sind nicht nur Leute mit Ende 30, die einen beruflichen Neustart wagen. „Es kommen auch Ratsuchende mit Anfang 50 zu uns. Und auch wer 51, 52 ist, kann Förderungen beantragen, schließlich muss man ja heute bis 67 arbeiten, da macht möglicherweise ein Berufswechsel auch mit Anfang 50 noch Sinn“, sagt Ulrich Oelker von der Agentur für Arbeit. Er rät, sich genau beraten zu lassen. Auch damit man nicht von einem eigentlich guten Arbeitsmarkt in einen mit schlechteren Aussichten wechselt.

Erzieher ist nicht nur für Stefan Vogel ein Beruf mit Zukunft. Und: „Immerhin ist die Bezahlung in den vergangenen Jahren ein bisschen besser geworden, denn es ist ein verantwortungsvoller Beruf.“ Auch wenn manche Leute immer noch meinen, als Erzieher würde man nur mit Kindern spielen: „Es ist viel Bildungsarbeit, wir haben die Entwicklung der Kinder im Blick, das wird auch ausführlich dokumentiert.“

Vogel bringt auch eigene Ideen mit ein. In seinem ersten Ausbildungsjahr hat er während des Praktikums Kinder-Yogastunden gegeben und mit den Kleinen ein Hochbeet gebaut und bepflanzt. „Gerade versuche ich in der OGS das Thema Regeln kindgerecht umzusetzen.“ Im Anerkennungsjahr kommen dann noch die Elterngespräche dazu. Vogel hat den richtigen Beruf für sich gefunden. „Besser spät als nie.“

Wer überlegt, den Beruf zu wechseln, kann sich bei der Agentur für Arbeit beraten lassen. Auch, wenn man sich noch in einem festen Beschäftigungsverhältnis befindet. In der Agentur für Arbeit in Hamm gibt es jeden Donnerstag zwischen 14 und 18 Uhr einen sogenannten Beraterplatz, zu dem man ohne vorherige Terminvereinbarung kommen kann. Gedacht ist das Angebot bei Fragen zum Arbeitsmarkt, zur Qualifizierung und Berufsberatung.
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