Ende des vergangenen Jahres stellte Tobias Anthöfer einen Weltrekord im sitzenden Kreuzheben auf. Dabei hob er 555,55 Kilogramm in die Höhe. © Privat
Weltrekord

Er zieht Autos und stemmt hunderte Kilo: Ein Lüner ist der stärkste Rollstuhlfahrer der Welt

Tobias Anthöfer ist Vater einer kleinen Tochter, liebt das Schachspielen und hat eine große Leidenschaft: den Kraftsport. Doch es gibt eine Besonderheit - Anthöfer sitzt im Rollstuhl.

Entspannung, Ruhe und vielleicht auch eine gewisse Lethargie – das sind die Dinge, die bei vielen Menschen zwischen Weihnachten und Silvester auf der Tagesordnung standen. Bei dem Lüner Tobias Anthöfer konnte davon zuletzt keine Rede sein. Es war kurz vor dem Jahreswechsel, als sich der 37-Jährige zum stärksten Rollstuhlfahrer der Welt krönte, samt Weltrekord. Der vorläufige Höhepunkt einer bewegten Vergangenheit.

„Schlaganfall im Gelenk“

Wenn man versucht, Tobias Anthöfer zu erreichen, dann erwischt man ihn derzeit entweder beim Homeschooling mit seiner Tochter oder aber beim Training, denn das sind aktuell die beiden bestimmenden Dinge im Leben des 37-Jährigen. Dabei hat sich das Leben des Lüners vor etwa zehn Jahren drastisch verändert.

„Ich habe zum damaligen Zeitpunkt durch – vereinfacht gesagt – eine Art Arthrose meine Geh- und Stehfähigkeit komplett verloren. Ein selbstbestimmtes Leben war ab diesem Punkt fast nicht mehr möglich“, erklärt Anthöfer, der sich fortan im Rollstuhl wiederfand. Der „Schlaganfall im Gelenk“, wie er es selbst beschreibt, habe dazu geführt, dass sein Alltag komplett auf den Kopf gestellt wurde.

Soziale Kontakte brachen ab, die körperlichen Möglichkeiten wurden dramatisch eingeschränkt und es entstand bei ihm das Gefühl, „dass man sich in jeder Hinsicht wie ein Mensch zweiter Klasse fühlt“, so der 37-Jährige. Doch einer seiner großen Leidenschaften, der Kampf- und Kraftsport, tat dieser Schicksalsschlag keinen Abbruch. Im Gegenteil: Anthöfer steckte fortan einen Großteil seiner Energie in den Sport.

Fitnessstudios verweigerten dem Lüner das Training

„Ich war schon immer sportinteressiert. Dazu gehörte auch mal eine Runde Schach. Aufgrund meiner Behinderung musste ich mich dann aber spezialisieren, weil Joggen ja auch nicht mehr möglich war. Da lag der Kraftsport dann sehr nahe“, betont der Lüner. In den vergangenen Jahren verbrachte der Familienvater daher viel Zeit in Fitnessstudios. Die Behinderung und der Rollstuhl wurden allerdings regelmäßig zum Problem.

„Ich benötige mehr Platz als ein stehender Athlet, auch die Geräte müssen für mich erreichbar sein und daher kann ich nicht überall trainieren. Es gibt sogar Studios, die mir das Training in der Vergangenheit verwehrt haben“, berichtet Anthöfer. Doch von Frustration oder Resignation keine Spur. Im Gegenteil: Für den Kraftsportler wurden die Hindernisse zum Ansporn, selber einen Kraftsportverein zu gründen.

Schon frühzeitig habe er damit begonnen, Menschen aller Altersklassen bei der Prävention und Rehabilitation im Sport zu betreuen. Laut Anthöfer habe ihm dieses angeeignete Wissen letztlich auch selber geholfen. „Aufgrund meiner Erfahrungen kam bei mir irgendwann der Gedanke auf, dass ich vielleicht selber einen Verein gründen sollte. Ich war der Meinung, dass ich ja nicht der Einzige sein dürfte, dem solche Sachen widerfahren.“

Verein hilft bei der Inklusion

Mit Freunden und Bekannten rief der 37-Jährige daher im November 2019 den Strongman-Athletik-Rollstuhl-Kraftsportverein Lünen e.V., kurz „St-A-R-K“ ins Leben. „Wir sind eine Gruppe, die am Sport, der Inklusion und der Gleichberechtigung interessiert ist. Und das ohne Einschränkungen und Ausreden. Wir möchten zeigen, dass es keinen Unterschied zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen gibt“, unterstreicht Anthöfer.

Für den Lüner ist der Verein eine absolute Herzensangelegenheit. Doch bleibt bei der Kindererziehung, der Vereinsorganisation und der Betreuung von Athleten und Sportlern nicht das eigene Training auf der Strecke? Im Gegenteil. Derzeit trainiere er beinahe jeden Tag. Dabei reiche das Programm von Ausdauertraining, über Technikschulungen bis hin zu – natürlich – Kraftübungen, denn Anthöfer tritt auch bei offiziellen Wettkämpfen an.

Dort stehen dann Disziplinen auf dem Programm, bei denen Gewichte in die Höhe gestemmt oder sogar Autos gezogen werden müssen. In seinem Fall alles ohne die Unterstützung der Beine. „Bei den Strongman-Wettkämpfen kommt es vor allem auf die Kraft, die Ausdauer und die Technik an. Das macht für mich auch den Reiz aus. Unmittelbar vor einem Wettkampf passe ich dann auch noch meine Ernährung an. Es spielen also viele Faktoren eine Rolle“, so der Lüner.

Anthöfer stellt neuen Weltrekord auf

Und wohin das viele Training und der ungebrochene Ehrgeiz führen können, bewies der 37-Jährige am 27. Dezember. Dort fand in Brambauer ein ganz besonderer Wettkampf statt. Gesucht wurde der „Worlds Strongest Disabled Man 2020“, der stärkste behinderte Mann der Welt, und der Titel blieb gleich in Lünen. In der Disziplin „Sitzendes Kreuzheben“ gewann Tobias Anthöfer, indem er 555,55 Kilogramm in die Höhe wuchtete. Ein neuer Weltrekord.

Anthöfer ist seither offiziell der stärkste Rollstuhlfahrer der Welt und schmiedet sogleich Pläne für die Zukunft. Mit seinem Verein bezieht der 37-Jährige demnächst größere Räume. „Wir haben dann ein neues Vereinsheim mit eigener Trainingsstätte und können endlich alles anbieten, was wir uns vorgenommen haben. Vielleicht können wir auf diesem Weg etwas an der Einstellung der Menschen ändern, im Sport und im Alltag“, betont der Weltrekordler.

Auch in sportlicher Hinsicht hat Anthöfer für das neue Jahr schon konkrete Ideen. So möchte er weltweit der erste Mensch werden, der über 600 Kilogramm anhebt. Dafür sei er aktuell noch auf der Suche nach Unterstützern und Sponsoren. Auf seinem letzten Triumph will sich der Lüner also nicht ausruhen. Sie ahnen es: Im Gegenteil.

Über den Autor
Redakteur
Vor einiger Zeit aus dem Osnabrücker Land nach Dortmund gezogen und seit 2019 bei Lensing Media. Für die Ruhr Nachrichten anfangs in Dortmund unterwegs und jetzt in der Sportredaktion Lünen tätig – mit dem Fußball als große Leidenschaft.
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Marius Paul

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