Die Matthias-Claudius-Grundschule ist eine von fünf Lüner Grundschulen, die Kinder aus Kapazitätsgründen für das Schuljahr 2021/22 abweisen müssen. © Goldstein
Schulanfänger

Eltern in Lünen sind verärgert: Es droht die Odyssee zur Grundschule

Viele Familien haben derzeit unruhige Nächte. Denn an vielen Grundschulen gibt es mehr Anmeldungen, als Plätze. Eine Mutter fragt: Hätten Politik und Verwaltung das nicht verhindern können?

Eigentlich hätte alles gepasst: In unmittelbarer Nähe der zukünftigen Wohnung von Familie Hoffmann (Name von der Redaktion geändert) befindet sich die Kardinal-von-Galen-Schule. Dort hätte ihr Kind auch ab dem Sommer einen Platz bekommen. Kurze Beine, kurze Wege – das wäre hier möglich gewesen.

Doch Familie Hoffmann möchte nicht, dass ihr Kind die Kardinal-von-Galen-Schule besucht. „Wir haben uns die Schule angesehen, aber ehrlich gesagt hat uns der Ton dort nicht gefallen“, sagt Martina Hoffmann im Gespräch mit unserer Redaktion.

Stattdessen soll es die Matthias-Claudius-Schule sein – im Gegensatz zur Kardinal-von-Galen-Schule hat sie keine konfessionelle Ausrichtung. Mit 2,8 Kilometern ist es die zweitnächste Schule im Umkreis der Hoffmanns. Angesicht der freien Schulwahl, die Eltern zusteht, kein Problem. Eigentlich. „Es gibt dort mehr Anmeldungen als Plätze“, sagt Martina Hoffmann. Und damit beginnt das Rechnen und Nachmessen.

Zahl der Schulanfänger steigt seit Jahren

So wie den Hoffmanns geht es 90 weiteren Familien in Lünen, deren Kinder nicht an der Wunschgrundschule aufgenommen werden können. An allen Grundschulen ist die Zahl der Anmeldungen erneut gestiegen, die Matthias-Claudius-Schule hat 25 Schüler zu viel, die Leoschule 26, die Kardinal-von-Galen-Schule 23, die Schule am Lüserbach 5 und die Elisabethschule in Brambauer 12.

Insgesamt sind für das Schuljahr 2021/22 863 Mädchen und Jungen angemeldet, 46 mehr als im laufenden Jahr und ganze 127 mehr als im Schuljahr 2019/20.

Die Hoffmanns hätten sogar noch einen Vorteil: Sie sind katholisch, was ihnen zum Beispiel an der Kardinal-von-Galen-Schule einen Platz garantiert hätte. „Ich finde es ehrlich gesagt nicht gut, dass man aufgrund seiner Religion bevorzugt wird“, sagt Martina Hoffmann. „Wenn es wirklich eine freie Schulwahl gäbe, dürfte diese Möglichkeit überhaupt nicht existieren.“

In ihrem Freundeskreis sind mehrere Familien von der Ungewissheit betroffen. Klar ist nur: Die Kinder, die bis zum Sommer noch gemeinsam in eine Kita-Gruppe gehen können, werden künftig getrennt sein. „Das ist für die Kinder natürlich eine Katastrophe“, findet die Mutter. „Gemeinsam mit Freunden eine neue Schule zu besuchen, gibt für den Start Sicherheit und ist wichtig für den Weg zur Selbstständigkeit.“

Stadt Lünen schließt Schreckenszenario aus

Einen Weg, den möglicherweise auch Martina Hoffmanns Kind erst einmal alleine gehen muss. Ihre größte Sorge: „Was ist, wenn ich demnächst jeden Morgen mein Kind von Nordlünen nach Brambauer schicken muss?“ Ganz abgesehen davon, dass es generell wünschenswert wäre, wenn Kinder den Weg zu ihrer Grundschule allein gehen könnten, würde ein solches Szenario den ohnehin engen Familienkalender zusätzlich belasten. Die Stadt Lünen schließt diesen Fall jedoch aus: „Nach dem Vorschlag der Verwaltung – Voraussetzung ist die Entscheidung der Politik im Ausschuss für Bildung und Sport – können in Brambauer insgesamt 26 freie Plätze angeboten werden“, sagt Stadtsprecher Alexander Dziedeck. Im restlichen Stadtgebiet könnten insgesamt 92 freie Plätze angeboten werden. „Es können also alle Kinder versorgt werden, ohne dass die Kinder von Nordlünen nach Brambauer fahren müssen.“

Was die Vergabekriterien angeht, seien diese klar definiert: „Berücksichtigt werden Härtefälle, ob ein Geschwisterkind die Schule besucht und die Entfernung des Wohnortes zur Schule.“ Auch Dziedeck betont, dass Eltern in Lünen die freie Wahl hätten, an welcher Schule sie ihr Kind anmelden – aber: „Die genannten Kriterien entscheiden dann darüber, ob ein Kind aufgenommen werden kann oder nicht.“

Womit die Wahl dann vielleicht doch nicht so frei ist. Eltern wie Martina Hoffmann fragen sich mittlerweile, wie es überhaupt so weit kommen konnte: „Es gab bereits zu wenig Kita-Plätze, als der aktuelle Jahrgang 2015 geboren wurde. Das Ganze zieht sich die Jahre hindurch, ohne dass sich etwas gebessert hätte.“

Geburtenzahlen dienen nicht als Prognose-Basis

Warum also haben Politik und Verwaltung nicht rechtzeitig gegengesteuert und dort für mehr Räume gesorgt, wo seit Jahren ein steigender Bedarf absehbar war? „Basierend auf den allgemeinen Geburtenzahlen ist es kaum zu prognostizieren, wo Eltern ihre Kinder anmelden werden“, antwortet dazu Alexander Dziedeck. Da spiele eben unter anderem die freie Schulwahl eine Rolle, genauso wie Zu- oder Wegzüge, die sich nicht vorhersehen lassen. „Kapazitäten in dieser kurzen Frist zu erhöhen würde außerdem bedeuten, zum Beispiel neue Räume anzubauen“, so Dziedeck. „Das ist vor dem Hintergrund vager Prognosen nicht umsetzbar, weil hierbei viele verschiedene Faktoren berücksichtigt werden müssen – etwa der Denkmalschutz bei einigen Schulgebäuden.“

Eine kurzfristige Lösung ist also nicht in Sicht – die betroffenen Lüner Familien werden also in vielen Fällen längere Wege auf sich nehmen müssen. Martina Hoffmann sieht bereits weitere Probleme auf sich und andere Eltern zukommen: „Wie wird es denn künftig im Offenen Ganztag aussehen?“

Die unruhigen Nächte werden also vorerst unruhig bleiben – ein Termin für die erste Sitzung des Ausschusses für Bildung in Sport in der neuen Legislaturperiode steht noch nicht fest. Erst wenn die Politikerinnen und Politiker dort der Platzvergabe zugestimmt haben, geht die Post an alle Eltern raus. Dann haben auch Hoffmanns Gewissheit, ob der Schulweg 2,8 Kilometer beträgt – oder deutlich mehr.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Textes hatten wir geschrieben, dass die Kardinal-von-Galen-Schule keine städtische Einrichtung wäre. Das ist nicht korrekt: Die Schule ist war katholisch, aber auch städtisch. Wir haben die Passage korrigiert.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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