Die Innenstadt in Corona-Zeiten: War die Schutzmaske zu Beginn der Pandemie noch die Ausnahme (das Foto zeigt eine Szene vom 1. April), geht heute ohne Mundschutz überhaupt nichts mehr. © Goldstein (A)
Pandemie

Ein Jahr Corona in Lünen: Was haben wir uns nur gedacht?

Vor einem Jahr, am 12. März 2020, wurde in Lünen der erste Corona-Fall registriert. Im Rückblick erinnert sich unser Autor an Online-Turnstunden, Masken-Premieren und viel Naivität.

Am Anfang war alles noch unwirklich. Man hatte von diesem Virus gehört, irgendwo in China gab es das, in den USA ist es auch aufgetreten und wohl auch in einigen europäischen Ländern. Aber deswegen musste man keine Angst haben, schließlich hatten wir das mit Vogelgrippe und Schweinepest auch überstanden. „Lass uns noch schnell in der Kneipe ein Bier trinken gehen, bevor wir das wegen Corona nicht mehr dürfen“, war ein beliebter Spruch nach dem Training in der Umkleidekabine. Ein Witz, natürlich. Was haben wir gelacht.

Dieses Lachen ist mir heute vergangen. Aus dem Witz ist eine bittere Wirklichkeit geworden, mein letztes Bier in einer Kneipe habe ich tatsächlich am 20. März 2020 getrunken – einem Freitag. Eine Woche zuvor war in Lünen der erste Corona-Fall registriert worden, das Info-Telefon des Kreises Unna war permanent überlastet. Am 22. März wurde der erste Lockdown in NRW offiziell. Wenn ich seitdem an einem Tresen gestanden habe, war die Person auf der anderen Seite durch Plexiglas oder Folie von mir getrennt und wollte beziehungsweise durfte mir definitiv kein frisch gezapftes Bier verkaufen.

Bunte Regenbogen und Alba-Turnstunde

Aber selbst da war mir noch nicht klar, was das wirklich bedeutet. Es war eher ein Abenteuer: Mit bunten Regenbogen an den Fenstern und der Alba-Turnstunde auf Youtube ließ sich die Zeit bis zu den Osterferien ganz gut rumkriegen, und dann stand ja erstmal Urlaub auf dem Plan. Danach würde sich die Sache schon wieder erledigt haben.

Hatte sie natürlich nicht, aber davon haben wir erstmal nichts gemerkt. Schule lief, wenn auch eingeschränkt, weiter. Und in der Innenstadt von Lünen habe ich vorsichtshalber eine Stoffmaske aufgesetzt – auch wenn ich damit die Ausnahme war und mich die seltsamen Blicke, für die ich vollstes Verständnis hatte, schon verunsicherten. Am Ende siegte aber das Gefühl der Vernunft. „Ich bin schon gespannt, wie wir im Sommer auf die ganze Sache zurückblicken werden“, dachte ich im Mai und kaufte spontan ein Stand-up-Paddle-Board für die großen Ferien in Holland. War gerade in einem Lüner Geschäft im Angebot.

Das Board kam nicht zum Einsatz, was vor allem an der rauen See lag. Ansonsten bewunderte ich die Niederländer, wie easy und locker die mit der Pandemie umgingen. Bisschen Abstand hier, ein Hinweisschild da, und immer schön die Hände waschen. Die Zahlen stagnierten schon seit längerem, in Lünens Nachbarstädten gab es teilweise wochenlang keine Neuinfektion. Was die Experten da von zweiter Welle faselten – lächerlich. Ich freute mich auf das nächste Training und auf das Bier danach, in der Kneipe natürlich.

Sowas wie Normalität am Horizont

Darauf freue ich mich heute immer noch, wobei ich mittlerweile nicht mehr den Fehler mache, mir das Ganze in naher Zukunft vorzustellen. Im Oktober wurde nämlich klar, dass an dieser zweiten Welle auch in Lünen möglicherweise doch was dran war. Die Infektionszahlen stiegen bis November so hoch wie nie zuvor, und wenn der Chef des Robert-Koch-Instituts heute von einer dritten Welle spricht, ist mir das nicht mehr so egal wie vor sechs Monaten.

Wir haben zwar dazu gelernt, der zweite Lockdown hat uns klargemacht, dass es sich nicht um ein Abenteuer handelt, das man mit Homeschooling und Lieferservice überstehen kann. Allerdings scheinen Geduld und Vernunft der Menschen, auch bei mir, eng miteinander verknüpft zu sein. Wir nehmen die dritte Welle gerne in Kauf, wenn es als Belohnung Lockerungen gibt.

Gleichwohl fühlt sich die Hoffnung, das am Ende alles gut wird, nicht mehr so naiv an. Der Impfstoff könnte dazu führen, dass wir am Horizont so etwas wie Normalität erkennen können. Dieses vergangene Jahr mit rund 3800 Infektionen und 108 Toten allein in Lünen bedeutet allerdings auch, dass diese Normalität eine ganz andere sein wird.

Was die Pandemie seit dem 12. März 2020 für das Klinikum Lünen/Werne bedeutet hat und wie die Experten die weitere Entwicklung bewerten, erfahren Sie in unserem Video-Interview mit Dr. Berthold Lenfers:

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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