Der Gang zum Friseur ist im Lockdown nicht möglich. Mehrere Friseurmeister in Lünen werben vor allem für Solidarität von Kunden und auch Kollegen. © picture alliance/dpa
Wirtschaft

Druck auf Friseure wächst: Lüner Meisterin wirbt „Zeigen Sie Matte“

Die Haare wachsen und eine Öffnung von Friseurläden ist nicht absehbar. Manche Kunden wollen trotzdem einen Haarschnitt. Lüner Friseure werben für Solidarität und bemängeln staatliche Hilfe.

Die Friseure in Dortmund und Lünen geraten zunehmend unter Druck. „Meine Kolleginnen und Kollegen berichten in den vergangenen Tagen immer häufiger von Anrufen, in denen sie gebeten werden, die Haare ‚mal eben schnell‘ privat oder illegal in den Salons zu schneiden.“, sagt Obermeister Frank Kulig zu der schwierigen Situation.

„Persönlich habe ich das jetzt noch nicht erlebt“, sagt Christiane Belz, Inhaberin von Frisör Belz auf der Borker Straße. Lediglich eine Kundin habe mal einen Haustermin angefragt. Auf den Hinweis, dass das unter aktuelle Bedingungen genauso wenig erlaubt sei, wie ein Besuch im Salon habe die allerdings mit Verständnis reagiert.

Auch Werner Middel, der seit 1981 den gleichnamigen Salon betreibt, sagt: „Ich werde wohl von Kunden angerufen, die Fragen, ‚wie lange müsst ihr noch geschlossen haben?‘“. Dass es auch andere Fälle gebe, sei aber nicht unbekannt.

Solidarität und Matte, statt Neid

Denn den ein oder andere frischen Haarschnitt sehe man schließlich nicht nur bei Fußballstars, sondern auch in Lünen auf der Straße. Ob hier in allen Fällen zu Hause selbst Hand an die Schere gelegt wurde oder doch illegal ein Profi am Werk war, lässt sich natürlich nur schwerlich nachweisen.

Neid oder Schuldzuweisungen wollen Middel und Belz aber nicht verbreiten. Sie werben für Verständnis und Solidarität. Unter allen Friseuren und von Kundenseite. „Auch meine Haare werden immer länger“, erklärt Middel, der die Zeit des geschlossenen Ladens, wie schon im ersten Lockdown, für Renovierungsarbeiten nutzt.

„Zeigen Sie Matte“, pflichtet Belz bei. „Wer weiß? Vielleicht ergeben sich daraus auch ganz neue Looks.“

Kritik an Hilfen und fehlenden Zahlungen für Kurzarbeit

Deutlich weniger optimistisch sieht die wirtschaftliche Situation für die Friseure aus. Während angestellte Mitarbeiter über Kurzarbeitergeld noch einen Ausgleich bekommen, wenn auch weniger als das normale Gehalt, gehen die Inhaber der Friseur-Salons aktuell leer aus.

Nicht zuletzt auch, weil sie sich bei der komplizierten Beantragung von Hilfen, zurückhalten. Die Erfahrung im Frühjahr 2020 war manchem eine bittere Lehre. Denn von 9000 Euro Soforthilfe, „die innerhalb weniger Tage da waren“, wie Middel lobend einwirft, mussten viele große Beträge wieder zurückzahlen. Die Wiedereröffnung im Mai hatte für einen Kundenansturm und somit viele Einnahmen gesorgt. Und eben diese Einnahmen wurden dann gegen die Soforthilfe gerechnet. „Bis auf 2000 Euro musste ich alles wieder zurückzahlen“, erklärt Belz. Trotz erhöhter Ausgaben für den Infektionsschutz.

Auch die Gelder für die Kurzarbeit müssen Friseure als Arbeitgeber zunächst selbst vorstrecken und bekommen sie dann von der Agentur für Arbeit zurück, wie Dirk Twieling, Inhaber von Intercoiffure Twieling an der Lange Straße erklärt.

„Das ist aber noch nicht passiert. Jedenfalls habe ich noch kein Geld für Dezember bekommen“, erklärt er. Drei Vollzeitkräfte, eine Teilzeitkraft und eine 450-Euro-Kraft – die ohnehin ganz leer ausgeht – arbeiten eigentlich in seinem Salon. „Das sind effektiv drei Wochen, für die das Geld fehlt.“

Fixkosten laufen trotz Lockdown weiter

Nur ein Posten auf der Liste. Denn auch die Fixkosten laufen natürlich weiter. Dabei sei er noch in einer „recht komfortablen Situation“, so Twieling weiter. „Wir haben das Geschäft schon sehr lange und können gut mit unserer Bank, der Sparkasse, reden. Das wird anderen aber anderes ergehen.“

Belz wird, je nach Entwicklung der Lage, wohl ein Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) nehmen. „Das muss ich natürlich auch wieder zurückzahlen.“

Und auch Middel rät seinen Kollegen: „Man sollte sich dann auch an den Vermieter wenden, um Stundungen zu ermöglichen.“

Und noch eins bleibt: Die Vorfreude, die Kunden wieder glücklich zu machen, sobald das wieder erlaubt ist. „Auch wir freuen uns über einen schönes Ergebnis. Das fehlt also auf beiden Seiten“, sagt Middel.

Über den Autor
Beruflicher Quereinsteiger und Liebhaber von tief schwarzem Humor. Manchmal mit sehr eigenem Blick auf das Geschehen. Großer Hang zu Zahlen, Statistiken und Datenbanken, wenn sie denn aussagekräftig sind. Ein Überbleibsel aus meinem Leben als Laborant und Techniker. Immer für ein gutes und/oder kritisches Gespräch zu haben.
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Matthias Stachelhaus

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