Weil sie einen Betrüger ihr Konto nutzen ließ, saß eine Lünerin nun selbst auf der Anklagebank im Amtsgericht. © Sylvia Mönnig
Gerichtsprozesse

Diebstahl, Körperverletzung, Raub: 26-Jähriger in Lünen 17 Mal angeklagt

Vielfacher Diebstahl und Vorwürfe von Gewalt gegen die Ehefrau brachten einen 26-Jährigen aus Lünen vor Gericht. Es folgte ein stundenlanger Prozess über 17 Anklagepunkte.

Der Lockdown macht sich auch in den Gerichten bemerkbar. So gibt es nur noch äußerst selten Prozesse. Doch einige Verfahren können nicht auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

So auch im Falle eines 26 Jahre alten Lüners. Der Mann musste sich im Amtsgericht Lünen gleich 29 Vorwürfen stellen. Durchgezogen wurde der Prozess, weil der Mann lange untergetaucht war und daher die Zeit bis zur Verhandlung – mehrere Wochen- in U-Haft verbracht hatte.

Dem Grundsatz des fairen Verfahrens folgend, war eine Verschiebung seines Prozesses und der damit einhergehenden Verlängerung seines Haftaufenthaltes nicht vertretbar. Und so fand die Sitzung vor dem Schöffengericht unter strengen Hygienevorschriften statt.

Anklage mit langer Liste an Diebstählen in mehreren Städten

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft brauchte bei der Verlesung der 17 Anklageschriften mit den 29 Vorwürfen einen langen Atem. Der 26-Jährige soll 25 Diebstahlstaten in Lünen, Selm, Bergkamen und Dortmund begangen haben.

„Ich hatte kein Geld, habe bei meinem Bruder gelebt“, erklärte der Angeklagte.

Meist hatte der 26-Jährige größere Mengen Energydrinks im Wert von 20 bis knapp 100 Euro, Süßigkeiten für 30 und knapp 70 Euro, sowie Parfüm für über 100 Euro eingesteckt. Kurios war seine Beute in einigen Fällen, in denen er Kaugummi gestohlen hatte. In einem Fall für fast 200 Euro.

Aber auch Kopfhörer im Actionmarkt in Lünen und eine Jeans gehörten zu seiner Beute. Zudem beging er in einem Geschäft in Dortmund eine Sachbeschädigung, als er beim Entfernen des Sicherheitsetiketts eine Hose beschädigte.

Das Diebesgut wollte der Angeklagte verkaufen. Den Großteil der Vorwürfe räumte der Angeklagte ein. Anfang 2019 soll er im Saturn in Lünen eine Fernbedienung gestohlen haben.

Das und ein ihm vorgeworfener Diebstahl von 254 Packung Kaugummi und Parfüm für insgesamt 433,50 Euro stritt 26-Jährige allerdings ab. Diese Vorwürfe stellte das Gericht ein.

26-Jähriger streitet Gewalt im Ehebett ab

So leicht die Aufklärung der oben genannten Taten war, so schwierig gestaltete sich die Beweisaufnahme bezüglich eines Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung, einer Körperverletzung, einer Bedrohung und eines versuchten Raubes.

Alle Taten soll der Mann von Februar bis Mai 2019 in Lünen und Hamm begangen haben. Opfer soll jeweils seine Ehefrau gewesen sein. Der Angeklagte führte aus, seine Frau aus dem Iran nach Deutschland geholt und sie hier nach iranischem Gesetz geheiratet zu haben.

Nach diesem Gesetz, sei die Frau dazu verpflichtet, Sex mit ihrem Mann zu haben. Das habe die 29-Jährige allerdings nicht gewollt.

Für einen Iraner sei es wichtig, so der 26-Jährige, dass seine Frau jungfräulich in die Ehe gehe. Da die 29-Jährige nicht mit ihm habe schlafen wollen, sei ihm der Verdacht gekommen, dass sie keine Jungfrau mehr war. Ein Besuch beim Frauenarzt belehrte ihn jedoch eines Besseren. Und so habe er nach dem Arztbesuch in der gemeinsamen Wohnung in Lünen erneut versucht, mit ihr zu schlafen. Abermals habe sie das verweigert. Laut Vorwurf hatte der 26-Jährige darauf mit Würgen und Faustschlägen reagiert. Das stritt der Angeklagte ab: „Ich lebe in Deutschland und weiß, dass man hier keine Frauen schlägt.“

Widersprüchliche Aussagen der Ehefrau

Nachdem seine Frau, für ihn aus unerklärlichen Gründen, ausgezogen war, habe er sie später an einer Bushaltestelle in Hamm getroffen. Dort habe er versucht, seinen Schlüssel aus ihrer Handtasche zu entnehmen. Strafrechtlich könnte das einen versuchten Raub darstellen.

Bei einer dritten Gelegenheit soll er der 29-Jährigen vor einem Asylbewerberheim, in das sie geflohen sein soll, aufgelauert und gedroht haben, ihr Gesicht mit Säure zu übergießen und sie mit dem Messer umzubringen. Auch das stritt der Mann ab.

Etwa anderthalb Stunden dauerte die anschließende Zeugenvernehmung der Ehefrau. Sie verstrickte sich teilweise in Widersprüche, machte andere Angaben als bei der Polizei.

So erwähnte sie das Würgen, das für sie bei der polizeilichen Vernehmung noch im Fokus gestanden hatte, im Gericht gar nicht mehr. Und auch bezüglich eventueller Schläge kamen keine nachvollziehbaren Aussagen. Die Todesdrohungen konnte sie anhand einer Sprachnachricht beweisen.

Freispruch in Gewaltdelikten, Bewährung für Diebstähle

Das Verhalten der Frau führte letztlich dazu, dass das Gericht den Angeklagten sowohl was die Körperverletzungen als auch den versuchten Raub anging, freisprach. Denn auch sieben weitere Zeugen konnten die Zweifel des Gerichts an der Verwirklichung der Taten nicht beseitigen.

Für den Rest kassierte der einmal wegen Diebstahls vorbestrafte 26-Jährige ein Jahr und drei Monate Haft auf Bewährung. Als Auflage muss er 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit ableisten und mit einem Bewährungshelfer zusammenarbeiten. Das Urteil ist bereits rechtskräftig.

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