Für Dr. Arne Krüger sollten nun junge Menschen im Fokus der Impfkampagne stehen. © dpa
Coronavirus

Delta-Variante: Lüner Ärztesprecher fordert Schutz für Jugendliche

Die Delta-Variante des Coronavirus ist auf dem Vormarsch. Lünens Ärztesprecher Dr. Arne Krüger spricht über eine vierte Welle, die Rolle der Jugendlichen und die Probleme einer Drittimpfung.

Die Corona-Pandemie scheint sich in Deutschland immer weiter zu entspannen. Am Samstag (19.6.) lag die Inzidenz im Kreis Unna laut Robert-Koch-Institut (RKI) bei 6,3 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen. Für Lünen bedeutet das weitreichende Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen: keine Maskenpflicht in der Innenstadt, keine Testpflicht in Geschäften oder der Gastronomie.

Doch durch die sich verbreitende Delta-Variante aus Indien droht erneut eine Zunahme der Fallzahlen. In der letzten Mai-Woche habe der Anteil dieser Variante bei 3,7 Prozent gelegen, so heißt es in einem Bericht des RKI. In der ersten Juni-Woche habe der Anteil schon 6,2 Prozent betragen. Denn die Mutation sei wesentlich ansteckender als die Alpha- oder Beta-Variante.

Dr. Arne Krüger ist neuer Vorsitzender des Lüner Ärztevereins. Die Corona-Impfung bezeichnete er als große Herausforderung für die Ärzte.
Dr. Arne Krüger ist neuer Vorsitzender des Lüner Ärztevereins. Die Corona-Impfung bezeichnete er als große Herausforderung für die Ärzte. © Quiring-Lategahn © Quiring-Lategahn

Dr. Arne Krüger hat deshalb eine klare Vorstellung, wie eine vierte Welle verhindert werden kann. Sonst drohe auch in Lünen ein Szenario mit steigenden Fallzahlen wie im vergangenen Herbst. „Es ist nicht die Frage, ob sich die Delta-Variante verbreitet, sondern wann sie zuschlägt“, ist sich der Mediziner sicher. Förderlich für eine rasche Verbreitung seien die Reisebewegung in den Sommerferien (in NRW vom 5.7. bis 17.8.).

Ärztesprecher sieht hohe Ansteckungsgefahr in Schulen

Um einen erneut starken Anstieg der Corona-Infektionen zu vermeiden, müssten besonders die Menschen vorrangig geimpft werden, die regelmäßig in größeren Gruppen zusammen sind. „Das sind in erster Linie die Kinder und Jugendlichen in den Schulen“, führt Krüger aus. Vor diesem Hintergrund sei es unumgänglich, bis zum Schulstart so viele Schülerinnen und Schüler wie möglich zu impfen.

„Die Personengruppe ist aktuell besonders von einer Infektion gefährdet. Daher sollte jetzt die Jugend im Fokus der Impfkampagne stehen – so wie es die alten Menschen zu Beginn der Pandemie waren“, meint Krüger mit Blick auf die aufkommende Diskussion einer dritten Corona-Impfdosis für die ersten vollständig Geimpften.

Wie das Gesundheitsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) gegenüber unserer Redaktion mitteilte, sei nach derzeitigem Kenntnisstand davon auszugehen, „dass für mindestens sechs bis acht Monate nach Impfung ein Impfschutz besteht.“ Demnach müssten die ersten Menschen bereits im Juni ihre dritte Impfung zur Auffrischung bekommen. Die erste Impfdosis in Deutschland wurde am 26.12.2020 verabreicht.

Dritte Impfung: Es fehlen aussagekräftige Daten

Dem Gesundheitsministerium würden jedoch keine ausreichenden Daten vorliegen, um „die Notwendigkeit und den Zeitpunkt einer Auffrischungsimpfung beurteilen zu können.“ Dr. Berthold Lenfers, Leiter des Covid-19-Krisenstabes Lünen/Werne, geht ebenfalls davon aus, dass die Qualität des Impfschutzes nachlässt. „Ich glaube aber nicht, dass wir hier von einem so kurzen Zeitraum von nur sechs bis acht Monaten ausgehen müssen“, sagt er.

Beobachtungen von Ärztesprecher Dr. Arne Krüger sprechen für diese These. Immer wieder kämen frühzeitig geimpfte Menschen in seine Praxis, um ihren Antikörperstatus überprüfen zu lassen. „Dabei haben wir festgestellt, dass der Impfschutz noch ausreichend ist. Für einen Gesamtüberblick fehlen uns allerdings valide Daten“, fasst er zusammen. Jede Mutation könne aber gefährlich werden, indem sie sich dem Impfschutz entziehe, fügt Lenfers an.

Dritte Impfung bringt mehrere Probleme

Krüger erwartet daher, dass eine dritte Impfung nötig sein werde. Er sieht jedoch zwei Probleme. Erstens: Der Impfstoff fehlt. Im Juni stehe dem Impfzentrum des Kreises Unna kaum Impfstoff für eine Erstimpfung zur Verfügung.

Zweitens: Es müsse frühzeitig geschaut werden, wer welchen Impfstoff bekommt und wie die Vakzine der verschiedenen Hersteller miteinander reagieren. Einer Studie der Universität des Saarlandes zufolge, würden Menschen mit einem kombinierten Impfstoff einen besseren Schutz aufweisen. Demnach führe eine Kombination des Astrazeneca- und Biontech-Wirkstoffes zu zehnmal mehr Antikörpern im Blut, als eine doppelte Astrazeneca-Impfung.

Dabei war die Kombination dieser Impfstoffe nur eine improvisierte Lösung. Sie resultierte daraus, dass junge Menschen mit einer ersten Astrazeneca-Dosis die vorgesehene zweite Dosis nicht bekamen. Denn besonders bei jungen Frauen kam es vermehrt zu Hirnvenenthrombosen. Aufgrund dessen empfahl die Ständige Impfkommission (STIKO) das Vakzin nur für Menschen über 60 Jahren. Das sorgte für eine ungleichmäßige Verteilung der Wirkstoffe. Das Biontech-Vakzin war begehrt, der Astrazeneca-Wirkstoff lag oft ungenutzt herum.

Krüger sieht die Regierung in der Verantwortung, Klarheit zu schaffen. „Geschieht das nicht, werden wir in Sachen Drittimpfungen wieder bei null anfangen“, sagt er – so wie zu beginn der Impfkampagne. Bis dahin könnte die Delta-Variante in Deutschland dominieren. Es droht ein Jo-Jo-Effekt in Lünen – so wie im vergangenen Herbst.

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