Die Tage in seinem Büro im Amtshaus Bork sind gezählt. Der 2. November ist offiziell Mario Löhrs erster Arbeitstag im Kreishaus als Landrat. © Sylvia vom Hofe
Abschied von Selm

Bürgermeister und Landrat Löhr über Erfolge, Hetze und die Banane

Elf Jahre an der Spitze der Stadt: Mario Löhr hat in dieser Zeit Selm verändert. Welche Projekte er gerne beendet hätte und womit er im Kreis Unna anfangen will, sagt der neue Landrat hier.

Für Wehmut hat Mario Löhr noch keine Zeit gehabt. Der 49-Jährige hat zu tun: Beenden, was er während des Wahlkampfes zurückgestellt hatte. Gespräche führen mit Bürgerinnen und Bürgern, dem Stadtplanungsteam, das das Neubaugebiet am Lidl entwirft, den Architekten, die die Dreifachhalle am Campus umplanen zu einem Veranstaltungszentrum, und manches mehr. Viel Zeit bleibt nicht mehr.

Im November tritt Löhr sein neues Amt an: Landrat des Kreises Unna – ein weiterer Karrieresprung für den gebürtigen Werner, der zunächst eine Ausbildung als Industriemechaniker im Bergbau gemacht hatte, bevor er sich für den Beruf des Bürokaufmanns entschied, kaufmännischer Leiter wurde und später Prokurist bei Remondis. Und dann 2009 Bürgermeister und Verwaltungschef von Selm. Vom Malocher zum Macher.

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Abschied vom Amtshaus

Die Fotos seiner Amtsvorgänger hängen im Flur des Obergeschosses des mehr als 100 Jahre alten Borker Amtshauses: da, wo demnächst auch sein Porträt zu finden sein wird. An der Wand wird er sich nahtlos einfügen in die Reihe seiner Vorgänger. Tatsächlich hat er aber eine Zäsur gemacht: Eine Zahl, die Löhr in diesem Zusammenhang gerne nennt: „Mehr als 600 Millionen Euro.“

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Mario Löhr und seine Vorgänger

So groß sei die Summe der Investitionen in seiner Amtszeit: öffentliche wie private. Selm hat mit Löhr gelernt, große Sprünge zu machen. Sein Motto: „Geht nicht, gibt‘s nicht.“

73,2 Prozent Zustimmung von der Wählerschaft in Selm

Ein neues Zentrum schaffen, neue Arbeitsplätze – neues Selbstbewusstsein für eine seit der Zechenschließung 1926 und ihren verheerenden Folgen immer wieder von Krisen geschüttelte Stadt: Manch einem war etwas zu viel Neues auf einmal in Selm. Das Tempo zu hoch, das Risiko der vielen Investitionen auf Pump ebenfalls: alles Kritik an Löhr, die er zum Abschied aber relativiert sieht.

In keiner anderen Stadt als Selm hat Löhr bei seiner Landratswahl so hohe Zustimmungswerte erhalten wie in Selm: 73,2 Prozent der Wählerinnen und Wähler aus Selm machten bei der Stichwahl ihr Kreuzchen für Löhr. In allen 16 Stimmbezirken lag der SPD-Mann vor seinem Konkurrenten Pufke von der CDU – und das in einer Stadt, in der sich CDU und SPD traditionell und auch in diesem Jahr eher ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Dieses eindeutige Bekenntnis zu ihm habe ihn „tatsächlich sehr bewegt“, sagt Löhr. „Das eine oder andere Mal“, ergänzt er, hätte er diese Zustimmung auch gerne vorher gehabt.

Manche haben „das Hassbild Löhr gepflegt“

Gegenwind zu bekommen, das gehöre in der Politik dazu, sagt Löhr, auch wenn es einem nicht gefalle. Er räumt ein, darauf mitunter zu dünnhäutig reagiert zu haben und auch, manche Entscheidungen nicht transparent genug gemacht zu haben. Die Schmähungen, die er auf Facebook erfahren habe, hätten aber mit Kritik an der Sache nichts zu tun gehabt. „Jedes Projekt, das ich angegangen bin, wurde da gleich in der Luft zerrissen.“ Er hat einen Personenkreis ausgemacht, „der das Hassbild Löhr pflegt“. Dessen Mitglieder hätten gezielt Hetze im Netz gemacht gegen ihn. Sie hätten auch nicht davor zurückgeschreckt, ihm kriminelle Machenschaften vorzuwerfen – selbst dann noch, als die Staatsanwaltschaft alle Anschuldigungen für gegenstandslos erklärt hatte. Das sei ihm alles nahe gegangen. „Aber jeder Erfolg hat das wieder wettgemacht.“ Und davon, sagt er selbstbewusst, gab es einige.

In seiner ersten Amtsperiode stand die Haushaltskonsolidierung im Vordergrund. Mitglied im Stärkungspakt überschuldeter Kommunen zu werden, sei dabei ein Schlüsselmoment gewesen, die Teilnahme am Strukturförderprojekt Regionale 2016 ein anderer: die Chance, trotz der aufgehäuften Kassenkredite kräftig zu investieren und selbst den überfälligen Aufschwung zu gestalten – etwas, das in seiner zweiten Amtszeit dann für alle erkennbar geworden sei, insbesondere auf dem Campus und im Auenpark.

Auenpark als sichtbares Symbol für den Aufschwung

Der Hügel mit der bunten Kuppel gilt inzwischen als Symbol für die neue Attraktivität der Stadt, die Unternehmen und Neubürger anlockt, die die Arbeitslosigkeit bekämpft hat, die Gewerbesteuereinnahmen und den kommunalen Anteil an der Einkommenssteuer nach oben katapultiert hat und Selm seit 2016 wieder ausgeglichene Haushalte beschert – und das bei einem deutlich höheren Haushaltsvolumen: fast 79 statt anfangs 47 Millionen Euro. Es gibt aber auch eine Kehrseite.

Der Berg der Kassenkredite ist so massiv wie eh und je. Und dazu hat sich ein neuer Berg an Investitionskrediten gesellt. Angesichts des zurückliegenden Investitionsstaus seien diese neuen Ausgaben in Infrastruktur aber bitter nötig gewesen, sagt Löhr. Und sie seien es noch, ergänzt er mit Blick auf laufende Projekte. Nur so lasse sich der von ihm eingeschlagene Weg einer Gesundung aus eigener Kraft fortsetzen. „In Selm muss der Aufschwung weiter gelebt werden.“ Er freue sich deshalb, dass sein Nachfolger Thomas Orlowski das genauso sehe, und auch der Rat im überparteilichen Konsens dahinter stehe. Bergauf – das ist die Richtung, die er jetzt auch dem Kreis Unna geben möchte.

Löhr setzt auf neues Personalkonzept und neue Marke

„Ich habe ein klares Konzept, wie ich in das Kreishaus reingehe.“ In der dritten Januarwoche werde er sein Personalkonzept präsentieren – nicht nur für die Kreisverwaltung selbst, sondern auch für die kreiseigenen Gesellschaften. Der Zuschnitt von Dezernaten und Aufgaben ist für ihn aber kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung dafür, seine Ziele zu verwirklichen. Eines, das ihm besonders wichtig ist: die Marke Kreis Unna prägen.

„Wir sind mehr als die Banane.“ Bekanntlich legt sich der Kreis um den Osten der Stadt Dortmund wie eine Banane. Sich vom Rand aus zu definieren mit Blick auf die Größeren – das war aber noch nie Löhrs Sache. Er möchte, dass die Nachbarn – Dortmund, Münster und der Kreis Recklinghausen – Unna auf Augenhöhe wahrnehmen: „Wir sind hier schließlich die Mitte.“

„Meine Kinder werden in Selm zur Kita und zur Schule gehen.“

Nach Feierabend in der Chefetage des Kreishauses Unna wird Löhr nach Selm fahren. „Hier wohne ich und hier bleibe ich.“ Er wolle, dass seine Kinder in Selm in die Kita und zur Schule gehen. „Diese Stadt hatte mir schon 2001 so gut gefallen, dass ich hierhin gezogen bin“, sagt er. Jetzt, wo sich Selm derart gemacht habe, umso so mehr. Beruflich wird es ihn auch immer wieder mal zurückziehen an seine bisherige Wirkungsstätte. „Vielleicht auch zum ersten Spatenstich für die Ansiedlung von Cordes und Graefe an der Werner Straße“.

Die Ansiedlung des Sanitärgroßhändlers hätte er gerne noch als Bürgermeister erlebt. „Aber so große Projekte brauchen eben ihre Zeit.“ Von einem neuen Arbeitgeber, der im ersten Schritt 200 Arbeitsplätze schafft, könne aber nicht nur Selm, sondern der ganze Kreis profitieren. Es gibt noch ein Projekt, das er gerne in seiner Amtszeit beendet hätte.

Die Wirtschaftsbetriebe Selm gibt es zurzeit nur auf dem Papier. Schon 2012 hatte Selm beschlossen, die Trinkwasserversorgung in die Hände der stadteigenen Gesellschaft zu legen – genauso wie die anderen Versorgungsaufgaben. Dabei hatte sie aber die Rechnung ohne den bisherigen Wasserversorger Gelsenwasser gemacht. Die Folge: ein andauernder Rechtsstreit. Löhr: „Ich bin davon überzeugt, dass wir das zu einem guten Ende bringen werden.“

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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