Beschwerde wegen Gebetsruf: Muezzin ruft wieder nur freitags in Lünen

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In der Coronazeit erklangen nicht nur regelmäßig die Kirchenglocken. Auch der Muezzin ließ an zwei Orten den Gebetsruf über Lautsprecher ertönen. Das ist nun wieder vorbei. Mit einer Ausnahme.

Lünen

, 29.07.2020, 21:25 Uhr / Lesedauer: 2 min

In der vergangenen Woche (21. Juli) veröffentliche das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ unter der Überschrift „Gott ist laut“ (Spiegel+) einen Text über muslimische Gemeinden in Deutschland, die gerne den Gebetsruf des Muezzins über Lautsprechern erschallen lassen wollen. Zu dem Text stellte der „Spiegel“ eine Grafik mit 100 deutschen Städten, in denen ein solcher Gebetsruf befristet oder regelmäßig erlaubt ist. Mit dabei: Lünen.

Die Grafik ist korrekt: Von der Ulu-Moschee an der Heinrichstraße in Brambauer aus darf der Muezzin jeden Freitag zum Gebet rufen. „Die Genehmigung dazu stammt noch aus der Zeit von Bürgermeister Hans Wilhelm Stodollick“, erklärt Alexander Dziedeck, stellvertretender Pressesprecher der Stadt Lünen, auf Anfrage.

Ausnahmegenehmigung für Solidaritätsaktion

Dass muslimische Gemeinden freitags den Gebetsruf aussenden, ist in Deutschland die Regel. Es geht auch anders, wie der „Spiegel“ in seinem Text am Beispiel Düren zeigt: Die Gemeinde dort lässt den Muezzin dreimal täglich rufen.

In Lünen habe laut Alexander Dziedeck aktuell keine muslimische Gemeinde eine Genehmigung für einen täglichen Gebetsruf.

Es gab allerdings eine Ausnahme zwischen dem 23. März und dem 23. Mai, dem Ende des Fastenmontas Ramadan. Da durften sowohl die Ulu-Moschee als auch die Moschee an der Roonstraße täglich am Abend den Muezzin rufen lassen. „Wir haben die Ausnahmegenehmigung damals erteilt, um die interreligiöse Solidaritätsaktion der Kirchen und Moscheen zu unterstützen“, so der Stadtsprecher.

In den Lüner Kirchen läuteten während der Corona-Krise abends die Glocken, bei den Moscheen ertönte der Gebetsruf. Das lief allerdings nicht ganz reibungslos: „Es hat sich jemand bei der Stadt beschwert, dass ihm das zu laut sei“, sagt Halil Ibrahim Kayacan von der Ulu-Moschee im Gespräch mit der Redaktion.

Wo beginnt die Grenze zur „negativen Religionsfreiheit“?

Die Stadt habe sich daraufhin an die Gemeinde gewandt. „Wir haben den täglichen Gebetsruf dann eingestellt.“ Freitags sei der Muezzin hingegen weiterhin zu hören. Alexander Dziedeck kann eine Beschwerde für die Ulu-Moschee hingegen nicht bestätigen, stattdessen habe es Ärger an der Roonstraße gegeben - auch dort war es einem Anwohner offenbar zu laut.

Doch die Lautstärke ist nur das eine Problem. Wie der „Spiegel“ schreibt, steht der Muezzin-Ruf streng genommen unter dem Schutz der Religionsfreiheit - genau wie das Läuten der Kirchenglocken auch. Dieses Grundrecht kann aus Lärmschutzgründen eingeschränkt werden. Die Frage ist aber auch, wo die Grenze zur negativen Religionsfreiheit beginne - also dem Recht darauf, „nicht von einer Glaubensrichtung behelligt zu werden“.

Auch gemäßigte Kritiker

Denn der Gebetsruf ist zugleich ein Glaubensbekenntnis, das Allah als einzigen Gott und Mohammed als seinen Propheten anpreist. Man stelle sich also zum Vergleich vor, dass in christlichen Gemeinden anstatt des Glockengeläuts die örtlichen Pfarrer jeden Abend per Lautsprecher das Glaubensbekenntnis, Luthers Thesen oder die päpstliche Enzyklika „Dominus Jesus“, die unter anderem die katholische Kirche als die einzig wahre und gültige Kirche bezeichnet, über Lünen erschallen ließen.

Eine Beschwerde über den Muezzin-Ruf muss also nicht automatisch dem Weltbild jener Rechtsausleger entspringen, die um eine Islamisierung des Abendlandes fürchten. Allerdings gibt es auch gemäßigte Kritiker, die in dem Gebetsruf die Aufforderung erkennen, den Islam als einzig wahre Religion durchzusetzen - eine Position, die laut „Spiegel“-Text auch von vielen Mitgliedern der türkischen Regierungspartei AKP vertreten wird. Die wiederum pflegt eine Nähe zum Ditib-Verband, dem die Moscheen an der Roonstraße und in Brambauer angehören.

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