Die Teilnehmer unserer Stadtteil-Check-Umfrage lassen eigentlich kaum ein gutes Haar an Beckinghausen. Trotzdem wollen die meisten Bewohner hier nicht weg. Stattdessen kommen eher neue dazu.

Lünen

, 22.03.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Beckinghausen ist das Stiefkind von Lünen“, lautet der Kommentar eines Teilnehmers in unserer Stadteil-Check-Umfrage. Eine Einschätzung, die Familie Steinfort unterschreiben würde: Es gibt keinen Supermarkt, keinen Arzt, keine Grundschule, keinen Sportverein. „Wer hier wohnt, muss mobil sein“, sagt Julia Steinfort (37). Als berufstätige Mutter von Alexander (8) und Lukas (2) weiß sie, was es bedeutet, beide Kinder jeden Morgen pünktlich an der Kita und an der Schule zu haben - vor allem dann, wenn sie um 8 Uhr morgens ein Meeting in ihrer Dortmunder Bank hat, oder Ehemann Ingo (44) eine 24-Stunden-Schicht bei der Berufsfeuerwehr schieben muss.

Aber Julia Steinforts Mutter Magdalene Kleinwegener (69), in Beckinghausen aufgewachsen, betont: „Positives haben wir hier auch.“ Zum Beispiel die Rückmeldung von Menschen, die ein Haus in Beckinghausen gekauft haben. Und das passiert häufig: „Es gibt hier viele Grünflächen und es ist ruhig. Man wohnt nicht so aufeinander und es ist ein idealer Platz, um Kinder großzuziehen,“ so Magdalene Kleinwegener. Problem: „Die Leute, die hierherziehen, müssen sich damit arrangieren, überall mit dem Auto hinzufahren.“ Und sich dabei in Richtung Innenstadt über die Kamener Straße zu quälen.

Und genau da liegt der Hase im Pfeffer, wie auch Werner Menzel, in Beckinghausen geboren, aufgewachsen und mehr als fest verwurzelt, feststellt: „Wir haben hier nichts mehr. Unser Stadtteil wurde von der Stadt vergessen.“ Konkret fest macht er diesen Eindruck an der Sauberkeit: „Die Putzkolonnen der Stadt kommen doch gar nicht mehr bis zu uns.“ Ein Eindruck, den die Stadtverwaltung nicht teilt: „Im Jahr 2018 gab es neun Beschwerden über Müll aus Beckinghausen. Das sind gut drei Prozent der gesamten Beschwerden über Müll im Jahr 2018“, sagt Stadtsprecher Benedikt Spangardt.

Was (noch) positiv bewertet wurde

Radfahren: „Man kann hier gleich zum Kanal und von da zum Beispiel zum Seepark weiterkommen“, sagt Julia Steinfort. Ehemann Ingo ergänzt: „Man ist auch schnell mit dem Fahrrad in der Stadt.“ Das ist vor allem dann von Vorteil, wenn sich auf der Kamener Straße der Verkehr staut - was zu den Stoßzeiten morgens und nachmittags eigentlich an jedem Werktag der Fall ist. Für Werner Menzel hat der Stadtteil Potenzial als Ausgangspunkt für Touren bis nach Cappenberg und weiter: „Ein Fahrradverleih am alten Sportplatz wäre eine großartige Sache.“

Beckinghausen: Tolle Radwege und Grünflächen, aber nichts für Kinder und Jugendliche

Beckinghausen von einer seiner schönsten Seiten: Rad- und Fußweg entlang des Datteln-Hamm-Kanals. © Daniel Claeßen

Grünflächen: Aus allen möglichen Stadtteilen ziehen Menschen nach Beckinghausen, hat Magdalene Kleinwegener beobachtet. „Die suchen einen Randbezirk, und hier ist es relativ weitläufig.“ Trotz der Nähe zu Städten wie Lünen oder Bergkamen hat man in Beckinghausen den Eindruck, eher ländlich zu wohnen. „Als Kinder haben wir in einem Wäldchen hier um die Ecke gespielt“, erinnert sich Julia Steinfort. Den Wald gibt es heute noch. „Nur gepflegt wird er von der Stadt nicht mehr, weshalb auch kein Kind mehr dort spielt.“

Das wurde negativ bewertet

Familienfreundlichkeit: Als Kind konnte Julia Steinfort zur Grundschule an der Kreuzstraße laufen. Heute befinden sich die nächstgelegenen Grundschulen in Horstmar, Niederaden und in der Innenstadt. Sohn Alexander besucht dort die Leoschule: „Beckinghausen ist für Kindergarten und Grundschule der Stadtmitte zugeordnet“, so die Mutter. Wobei die meisten Kinder aus Beckinghausen nach Horstmar zur Grundschule gehen. Die Leoschule passt jedoch besser ins familiäre Konzept: „So haben mein Mann und ich eher die Chance, ihn pünktlich zum Unterricht zu bringen, wenn wir zur Arbeit fahren.“ Danach bringen sie Lukas zur Tagesmutter nach Alstedde. Für ihn gab es bisher keinen Kita-Platz - und auch im Sommer geht er wieder leer aus, obwohl er dann drei Jahre alt ist und die Tagesmutter ihn dann nicht mehr betreut. „Eigentlich sollte ja im Sommer eine neue Kita an der alten Schule entstehen“, sagt Julia Steinfort. Bis jetzt sei da aber noch nichts passiert. „Wer gibt mir die Garantie, dass es zum nächsten Kita-Jahr auch wirklich klappt?“ Im Ernstfall müssen sich Steinforts auf die Großeltern Kleinwegener verlassen. Und ohne Auto geht es nicht. Genauer: Ohne zwei Autos. „Streng genommen sogar drei“, ergänzt Magdalena Kleinwegener.

Beckinghausen: Tolle Radwege und Grünflächen, aber nichts für Kinder und Jugendliche

Daten und Fakten zum Stadtteil Beckinghausen. © Hasken

Jugendliche: „Wir haben keinen einzigen Spielplatz in Beckinghausen“, beschwert sich Werner Menzel. Stimmt nicht ganz: Hinter der alten Schule steht zumindest eine funktionstüchtige Schaukel. Klar ist aber auch: Für einen Stadtteil ist das zu wenig. Früher war der Schulhof Treffpunkt der Jugendlichen: „Da waren wir bis zu 20 Jugendliche. Heute gibt es nichts mehr, zumal auch der Sportplatz gleich gegenüber dicht ist.“ Der Rasen gammelt seit fünf Jahren vor sich hin, sehr zum Ärger von Werner Menzel: „Hier hätten wir den Platz, etwas Neues für Kinder und Jugendliche zu machen.“ Die Stadt Lünen kann die Wertung grundsätzlich nachvollziehen, so Stadtsprecher Benedikt Spangardt. „Dazu ist aber zu sagen, dass es sich bei Beckinghausen um einen zahlenmäßig sehr kleinen Stadtteil handelt, der dazu einen hohen Altersdurchschnitt und eine unterdurchschnittliche Quote an Einwohnern unter 27 Jahren aufweist.“

Beckinghausen: Tolle Radwege und Grünflächen, aber nichts für Kinder und Jugendliche

Der alte Schulhof an der Kreuzstraße - früher Treffpunkt auch nach dem Unterricht, heute Symbol für das, was dem Stadtteil fehlt: Ein Angebot für Kinder und Jugendliche. © Daniel Claeßen

Nahversorgung: Dass in Beckinghausen immer mal wieder ein Haus zum Verkauf steht, hat einen Grund: „Die älteren Menschen verkleinern sich und suchen natürlich die Nähe zu Ärzten und Einkaufsmöglichkeiten“, sagt Ingo Steinfort. Und beides gibt es in Beckinghausen nicht - immerhin bietet Edeka Patzer einen Bringservice an. „Aber das sind auch wieder Mehrkosten“, so Ehefrau Julia, die sich genau wie Werner Menzel an die alten Zeiten erinnert: „Natürlich hatten wir Läden in Beckinghausen. Aber die konnten nicht mit dem Angebot und den Preisen der Supermärkte in der Stadt konkurrieren.“

Dass es in absehbarer Zeit einen neuen Supermarkt oder Discounter gibt, ist laut Stadtverwaltung unwahrscheinlich: „Eine Ansiedlung wäre eher schädlich, weil zwingend ein Großteil des Umsatzes von außerhalb kommen würde, also eine Umsatzumverteilung zu Lasten bestehender Nahversorgungstrukturen die Folge wäre“, so Benedikt Spangardt. Beckinghausen sei schlicht viel zu klein für eine eigenständige Nahversorgung: „Es gibt eine interkommunale Vereinbarung mit Bergkamen, dass Beckinghausen über den Stadtteil Oberaden mitversorgt wird.“

Beckinghausen: Tolle Radwege und Grünflächen, aber nichts für Kinder und Jugendliche

Ein Experte für Beckinghausen aus Beckinghausen: Werner Menzel. © Beate Rottgardt

Während junge Familien dank der Mobilität Einkäufe und Arztbesuche in der City oder in Horstmar erledigen können, gucken vor allem ältere Mitbürger in die Röhre. „Und jetzt hat man uns auch noch die Sparkasse dicht gemacht“, ärgert sich Werner Menzel. Zwar könne man sich nach wie vor mit Bargeld versorgen. Der Kundenkontakt, der gerade für Senioren jedoch wichtig sei, gehe verloren. „Außerdem war es immer kein Problem, das Treffen der Beckinghauser Vereine in der Sparkasse zu machen.“ Das geht nun auch nicht mehr, und die Beckinghauser müssen neue Lösungen finden. Eine Aufgabe, die in diesem Stadtteil zum Alltag gehört.

Historie

Vom Römerlager zum Lüner Stadtteil
Beckinghausen: Tolle Radwege und Grünflächen, aber nichts für Kinder und Jugendliche

Bild von der Kanal-Fähre in Beckinghausen um 1960: Im Hintergrund die Hammer Straße mit dem Wohnhaus Dürdoth, die Dame mit Rad war Frau Hartlapp. © Werner Menzel

Schon die alten Römer kannten diesen Ort: Angeblich gab es im 19. Jahrhundert nahe Beckinghausen entsprechende Funde in der Lippe. 1906 schließlich fand man im Bereich des Friedhofs Keramikscherben, die auf das 1. Jahrhundert nach Christus datiert wurden. In den Jahren 1911 bis 1914 fanden weitere Ausgrabungen statt, die schließlich die Existenz eines Römerlagers bei Beckinghausen - bekannt als „Uferkastell“, in unmittelbarer Nähe zum Römerlager Oberaden - bestätigten. Am 1. Oktober 1923 wurde die damals eigenständige Landgemeinde Beckinghausen zusammen mit Horstmar nach Lünen eingemeindet.
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