Seepferdchen und Schulschwimmen reichen häufig nicht aus, damit Kinder sicher schwimmen können. Auch in Lünen hapert es an der Schwimmfähigkeit - auch weil es zu wenig Möglichkeiten gibt.

von Kristina Gerstenmaier

Lünen

, 24.01.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Mit schnellen Schwimmstößen gleitet Charlotte schon ganz ohne Schwimmhilfe durch das Wasser im Lippe Bad. Schwimmlehrer Hans-Joachim Fischer hält sich dicht bei ihr. „Mein großer Bruder, der kann das, der geht schon zur Schule. Ich konnte erst nur mit Schwimmflügeln schwimmen“, sagt die Fünfjährige stolz strahlend, als sie aus dem Wasser klettert. Der Kurs hier sei „schööön“.

Die gleichaltrige Mila fürchtet sich ein wenig im tiefen Wasser; Fischer hält sie leicht an den Hüften und begleitet sie sicher durchs Becken. „Ich bin da, keine Angst“, ermutigt er sie. Im großen Becken in der Halle nebenan hat Moritz eben einen Ring vom Beckenboden ertaucht. Jetzt kann er sich an der Seepferdchenprüfung versuchen. „Man kann ja gar nicht früh genug Schwimmen lernen“, meint Moritz` Vater, der zuschaut, und ergänzt: „In der Schule gehen viele Kinder durch. Hier werden alle mitgenommen.“

In der Kita Grundlagen vermitteln

Mit hier meint der Vater den Schwimmkurs, der Teil des Angebotes der Kita Kinderhaus Lünen in Alstedde ist. Über zehn Stunden bekommen die Kinder, die im Sommer in die Schule kommen, Unterricht. „Schwimmen ist elementar, lebensnotwendig“, erklärt Kita-Leiterin Christine Merten, „die Gefahr ist groß, irgendwo ins Wasser zu fallen.

Und in der Schule später sind die Klassen groß, da wird es viel schwieriger, den Kindern das Schwimmen beizubringen.“ Die Alstedder Elterninitiative hat den Schwimmkurs für die Vorschulkinder, auch dank der Finanzierung durch den Rotary Club Lünen-Werne, nun schon im dritten Jahr im Programm. „Wenn die Kinder hier den Anfang haben und die Eltern dann am Ball bleiben, haben sie die besten Voraussetzungen, Schwimmen zu lernen“, sagt Kita-Leiterin Merten.

„Nur 20 Minuten im Wasser“

Wie wichtig es ist, Kindern früh Schwimmen beizubringen, darüber sind sich alle Experten einig. Auch darüber, dass der Schwimmunterricht in der Grundschule - der fest im NRW-Lehrplan verankert ist - die wenigsten Kinder zu sicheren Schwimmern macht. „Schulschwimmen ist dafür nicht ausreichend“, so Thomas Wiewiora von der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG), Kreisgruppe Lünen. „Mit Anreise und Umziehen bleiben vielleicht 20 Minuten im Wasser und das meist nur über ein halbes Jahr. Das reicht nicht, um aus Nichtschwimmern Schwimmer zu machen.“ Und: „Das Seepferdchenabzeichen macht noch keinen sicheren Schwimmer aus. Das bescheinigt lediglich, dass sich die Kinder über 25 Meter unter Idealbedingungen über Wasser halten können.“

Mehrheit der 10-Jährigen schwimmt nicht sicher

Eindeutig sind außerdem die Zahlen, die das Marktforschungsinstitut Forsa Mitte 2017 im Auftrag der DLRG veröffentlichte: 59 Prozent der 10-Jährigen sind keine sicheren Schwimmer, haben also höchstens das Seepferdchen und kein weiteres Schwimmabzeichen. „Die Schwimmfähigkeit der Kinder im Grundschulalter ist weiterhin ungenügend“, kommentierte damals Achim Haag, DLRG-Vizepräsident die Ergebnisse. Dabei sinkt die Zahl der „Schwimmfähigen“ seit Jahren: 2010 waren noch „nur“ 50 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer. Die Gründe hierfür lägen, laut DLRG, darin, dass Schulen ihrem gesetzlichen Auftrag nicht ausreichend nachkämen, in den Familien, die nicht genug förderten und schließlich darin, dass Bäder allerorts geschlossen werden.

Immer weniger Kinder können sicher schwimmen – Schulschwimmen reicht oft nicht aus

Polizisten stehen im August 2018 am Ufer eines Sees in Mecklenburg-Vorpommern, in dem Taucher der Bereitschaftspolizei kurz zuvor einen siebenjährigen Jungen leblos fanden. Er war Teilnehmer eines Ferienlagers. 26 Kinder im Vor- und Grundschulalter sind laut DLRG in den ersten acht Monaten des Jahres 2018 ertrunken. © dpa

In den ersten acht Monaten des Jahres 2018, ein Zeitraum, der den heißen und trockenen Sommer einschließt, ertranken laut DLRG mindestens 445 Menschen in Deutschland. Das ist der höchste Stand seit zehn Jahren. In der Altersgruppe der bis zu 10-jährigen Kinder waren 26 Todesopfer zu beklagen, 13 mehr als 2017. Bei den 11- bis 15-Jährigen gab es 13 Tote, 9 mehr als im Jahr zuvor. „Diese Zahlen sind das Ergebnis der Bäderschließungen und der damit verbundenen Ausfälle von Schwimmunterricht an den Schulen“, glaubt Achim Haag.

„Je früher, desto besser“

Sind die Rahmenbedingungen in der Lippestadt gegeben, um Kinder möglichst früh zu sicheren Schwimmern zu machen? Träger der Lüner Grundschulen ist die Stadt. Deren Sprecher Benedikt Spangardt erklärt: „Es gibt keine genaue Vorgabe, wie viel Schwimmunterricht angeboten werden muss. Der Lehrplan für Schulen schreibt Sportunterricht vor, und innerhalb des Sportunterrichts wird auch Schwimmen erwähnt. Die Schulen sollen also Schwimmunterricht anbieten. Das erfolgt in Lünen an allen Schulen.“

Allerdings laut Gabi Kubisch vom Schwimmverein Lünen 08 meistens erst im dritten Schuljahr und damit aus ihrer Sicht zu spät. „Je früher Kinder schwimmen lernen, desto besser ist das“, sagt die Trainerin.

Selbstorganisiert oder gebucht

Wie viele Einrichtungen Kurse anbieten, ist unklar. „Ab und an treffen sich Kitas im Rahmen der Öffentlichkeitszeiten in kleinen Gruppen zu selbstorganisierten Wassergewöhnungskursen. Gesonderte oder festgelegte Rahmenzeiten dafür gibt es nicht; die Kitas integrieren sich in den öffentlichen Betrieb und das funktioniert sehr gut,“ sagt Jasmin Teuteberg, Sprecherin der Stadtwerke. Die Stadtwerke betreiben über ihr Tocher-Unternehmen Bädergesellschaft Lünen das Lippe Bad.

Es sei auch möglich, so Teuteberg, einen geführten Wassergewöhnungskurs zu buchen. Dieser kostenpflichtige Kurs werde dann von geschultem Personal der Bädergesellschaft im Hubbodenbecken des Lippe Bades durchgeführt.

Aus vier mach eins

Seit 2011 mit der Neueröffnung des Lippe Bads vier Hallenbäder geschlossen wurden, gibt es in Lünen lediglich das eine. Das bekommen auch die Vereine zu spüren, die Schwimmkurse anbieten. Zwar wurden die Beckenzeiten unter allen Vereinen mit Eröffnung gerecht aufgeteilt. Zwar hat der „BäderReport“ 2013 das Lippe Bad im Deutschlandvergleich überdurchschnittlich gut eingeschätzt: Mit 835 Quadratmetern weist es fast das Doppelte an Fläche im Vergleich zum deutschen Bäder-Durchschnitt auf.

Immer weniger Kinder können sicher schwimmen – Schulschwimmen reicht oft nicht aus

Im Lippe Bad teilen sich Vereine, Schulen und Öffentlichkeit Wasserflächen und Öffnungszeiten. © Foto: Goldstein

Allerdings wird es schwierig sein, überhaupt freie Wasserzeiten im Lippe Bad, dem einzig verbliebenen Hallenbad der Stadt zu bekommen. Ein Blick auf den Beckenbelegungsplan zeigt: Montag bis Freitag sind Hubboden- und Bahnenbecken von 8 bis 16 Uhr größtenteils für Schulen reserviert, danach für die Vereine. Restliche Zeiten stehen der Öffentlichkeit zur Verfügung. Extra-Wasserzeiten zur freien Vergabe sind nicht vorgesehen.

Wartezeiten bis zu anderthalb Jahren

Aber die Wartezeiten auf Schwimmkurse haben sich seit Schließung der alten Bäder deutlich verlängert. Bei der DLRG beispielsweise warte man ein Jahr, beim SV Lünen 08 bis zu anderthalb Jahre. Während dem Verein vor Eröffnung des Lippe Bads als Träger der Kleinschwimmhalle Horstmar dort das Wasser uneingeschränkt zur Verfügung stand und zwei Schwimmkurse pro Woche angeboten werden konnten, muss man sich nun auf einen beschränken. Während der DLRG zuvor ein ganzer Tag Trainingszeit zur Verfügung stand, bleiben ihr nun drei Stunden.

„Das generelle Problem ist“, meint Gaby Kubisch, die seit 1973 Kindern das Schwimmen beibringt, „dass die Kinder beim Schulschwimmen häufig schon zu alt sind. Mit fünf Jahren Schwimmen zu lernen ist besser. Viele Eltern verlassen sich aber auf die Schule und das funktioniert so nicht.“

Rotary Club engagiert sich
  • „Wir wollen Kinder und Jugendliche in Lünen und Werne stärker und schlauer machen “, sagt Peter Fiedler, Präsident des Rotary Clubs Lünen-Werne.
  • Im Rahmen des zur Verfügung stehenden Budgets finanziert der Club Schwimmkurse für Kitas in Lünen und Werne.
  • Das Budget stammt aus den Spendenerlösen des Gutscheinheftes, das der Club seit drei Jahren herausgibt. Das Heft enthält Rabatte und Vergünstigungen von circa 50 Firmen in Lünen und Werne und wird gegen eine Spende von 10 Euro abgegeben.
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