Vier kleine Kinder - da ist jede helfende Hand willkommen. Deshalb hat Familie Schulze Wethmar Au-Pairs. Ihre Heimat ist fast 6000 Kilometer entfernt von ihrem Zuhause auf Zeit.

Lünen

, 08.04.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Justus (5) und Anton (3) sind in der Kita St. Gottfried. Ihre jüngeren Geschwister, die Zwillinge Oscar und Frieda (1) haben ihre Mama Katharina Schulze Wethmar und die Au-Pairs Akmaral und Nurziia an diesem Vormittag ganz für sich. Im Sandkasten, auf Schaukel und Rutsche toben sich die quirligen Zwillinge aus. Immer wieder sucht Oscar die Nähe von Akmaral Matsatber Cyzy (23), während sein Schwesterchen sich von Nurziia Daniiarova (19) schaukeln lässt.

Katharina Schulze Wethmar freut sich, dass sich ihre Kinder so gut mit den beiden jungen Kirgisinnen verstehen,

Au-Pairs sind als „große Schwester“ oder „großer Bruder“ auf Zeit in den Gastfamilien, wohnen dort, werden verpflegt und bekommen ein Taschengeld, dessen Höhe wie auch die Zahl der Arbeitsstunden sich nach den Bestimmungen des jeweiligen Gastlandes richten. Der Begriff Au-Pair stammt aus dem Französischen und bedeutet „auf Gegenseitigkeit“.

Infos zu Auslandsaufenthalten

Jugendbildungsmesse

  • Infos über Au-pair und andere Möglichkeiten für junge Leute, ins Ausland zu gehen, bietet die Jugendbildungsmesse des unabhängigen Bildungsberatungsdiensts Weltweiser.
  • Nach eigenen Angaben ist es die bundesweit größte Spezial-Messe zum Thema Schule, Reisen, Lernen und Leben im Ausland. Die nächste Jubi findet am Samstag, 15. Juni, von 10 bis 16 Uhr im Dortmunder Leibniz-Gymnasium, Kreuzstr 163, statt. Eintritt ist frei.

„Wir haben uns an eine Au-Pair-Vermittlerin in Coesfeld gewandt. Unser erstes Au Pair kam auch aus Kirgisistan und hatte erst in Lingen ein Landwirtschafts-Praktikum in einem großen Milchvieh-Betrieb gemacht.“ Dann kam die junge Frau auf den Biohof in Wethmar. Da erwarteten Katharina und Vitus Schulze Wethmar gerade ihre Zwillinge, „Justus und Anton konnten sich zwei Monate lang an unser Au-Pair gewöhnen, bevor die Zwillinge kamen, das hat uns schon viel geholfen.“ Ein Jahr lang war die junge Kirgisin in Lünen, mittlerweile ist sie wieder in ihrer Heimat. „Aber der Kontakt besteht weiter, über Whats app und Skype, sie staunt, wie groß die Zwillinge mittlerweile sind“, so die vierfache Mutter.

Schwester ist Deutschlehrerin in Kirgisistan

Nach den guten Erfahrungen beschlossen Vitus und Katharina Schulze Wethmar, ein weiteres Au-Pair für ein Jahr in der Familie aufzunehmen. Akmaral kannte ihre Vorgängerin von der Uni, sie haben zusammen Deutsch gelernt. „Meine Schwester war auch als Au-Pair in Deutschland und in Österreich. Sie ist in Kirgisistan Deutschlehrerin“, erzählt die 23-Jährige. Allerdings sei es leichter, als Landwirtschafts-Praktkantin nach Deutschland zu kommen als als Au-Pair.

Au-Pairs aus Kirgisistan: Familienmitglied auf Zeit auf dem Lüner Bio-Bauernhof

Die Zwillinge, hier Oscar, hängen sehr an ihrem Au-Pair Akmaral Maksatber Cyzy. © Beate Rottgardt

Die Länder, aus denen Au-Pairs nach Deutschland kommen, werden immer exotischer, sagt Katharina Gast, Geschäftsführerin der Au Pair Society, des Bundesverbandes für Au-Pair-Agenturen, Gastfamilien und Au-Pairs in Deutschland. Au-Pairs kommen aus Madagaskar und Indonesien, dagegen nehmen die Zahlen der Au-Pairs aus Russland, der Ukraine oder Kirgisistan schon wieder ab. „Das liegt wohl auch an der Visumsbeschränkung“, vermutet Katharina Gast. Wenn sich junge Leute aus EU-Ländern für eine Au-Pair-Stelle melden, seien dies eher Studenten, die eine Weile überbrücken wollen. „Früher waren oft Au-Pairs aus Frankreich und Italien in Deutschland, aber die wollen heute nicht mehr hierher, höchstens noch nach München oder Berlin“, so die Geschäftsführerin.

Meistens werden von den Familien Frauen als Au-Pair angefragt: „Die Gastfamilien trauen offenbar Männern nicht so zu, mit Kindern umgehen zu können. Vor 20 Jahren lag der Männeranteil bei einem Prozent, heute sind es zwar mehr, aber auch nur geschätzt vier bis fünf Prozent aller Au-Pairs.“

Au-Pairs aus Kirgisistan: Familienmitglied auf Zeit auf dem Lüner Bio-Bauernhof

Die Au-Pairs Akmaral (l.) und Nurziia (r.) mit Katharina Schulze Wethmar und den Zwillingen Oscar und Frieda. © Beate Rottgardt

Akmarals Vater war Landwirt, ihre Mutter ist Buchhalterin. Nurziia ist seit einem Jahr in Deutschland. Auch die 19-Jährige hat ein landwirtschaftliches Praktikum absolviert, in Schwäbisch-Hall. Seit Ende März ist sie in Lünen, wird bis September als Au-Pair bleiben. Danach will sie in ihrer Heimat Landwirtschaft studieren, sie kennt Akmaral durch deren Schwester, bei der sie Deutsch gelernt hat und hat sie auch schon im vergangenen Jahr bei den Schulze Wethmars besucht. „Wir wollen ab September auf jeden Fall wieder ein Au-Pair für ein Jahr“, so Katharina Schulze Wethmar. Weil die Familie Nurziia schon kannte, kann sie bei ihr auch die kürzere Zeit als Au-Pair arbeiten. Entlastung für die Eltern, die beruflich im Frühjahr und Sommer stark eingespannt sind - wegen der Spargel- und Möhrenernte.

Akmarals Mutter war zu Besuch in Lünen

Spargel kannten die beiden jungen Au-Pairs aus ihrer Heimat gar nicht. In dem 5970 Kilometer entfernten Land in Zentralasien sind nur 20 Prozent der Fläche landwirtschaftlich nutzbar. „Bei uns ist es sehr gebirgig“, erzählt Akmaral. Zehn Stunden Flug über Moskau oder Istanbul ist die Heimat der beiden jungen Frauen von Deutschland entfernt. Akmarals Mutter war im vergangenen Jahr in Lünen für 14 Tage zu Besuch, ist mit ihrer Tochter dann nach Hamburg, Frankfurt, Paris, Luxemburg, Belgien und Amsterdam gereist.

Nurziia war in Berlin bei der Landwirtschaftsausstellung „Grüne Woche“. Wie ihre Vorgängerin wird auch sie mit der Lüner Familie in den Urlaub an der Nordsee fahren. Solange die Beiden gemeinsam als Au-Pairs in Lünen leben, sprechen sie auch mal Kirgisisch miteinander. Mit den Kindern und den Eltern reden sie natürlich Deutsch.

Au-Pairs aus Kirgisistan: Familienmitglied auf Zeit auf dem Lüner Bio-Bauernhof

Nurziia Daniiarova ist erst seit kurzem bei der Familie Schulze Wethmar und wird bis September dort leben. © Beate Rottgardt

Die beliebtesten Gastländer deutscher Au-Pairs waren 2017 die USA, Großbritannien, Spanien und Australien. Aber auch Irland, Frankreich und Neuseeland waren bei jungen Deutschen als Au-Pair-Gastländer beliebt, so Cordula Walter-Bolhöfer von der Gütegemeinschaft Au Pair in Neunkirchen-Seelscheid, einem Zusammenschluss deutscher Au-pair-Agenturen.

Offenheit für andere Kulturen als Voraussetzung

Sie rät jungen Leuten, die überlegen, als Au-Pair zu arbeiten, diesen Plan am besten mit einer zertifizierten Agentur umzusetzen. „Denn die arbeiten mit Partneragenturen vor Ort zusammen, suchen die Gastfamilien und sind auch im Ausland Ansprechpartner.“ Wer in die USA will, müsse ohnehin eine Agentur einschalten. Voraussetzungen, um als Au-Pair die Welt zu erkunden, seien natürlich, dass man Kinder mag, Offenheit für andere Kulturen, Neugier auf das andere Land. In einigen Ländern wie in Skandinavien komme man gut mit Englisch weiter, in den USA ist ein Sprachtest Vorschrift genau so wie der Nachweis, dass man 200 Stunden lang bereits Erfahrung mit Kinderbetreuung hat.

Dass Akmaral und Nurziia gut mit Kindern umgehen können, zeigen sie täglich im Umgang mit Justus, Anton und den Zwillingen. Akmaral möchte gerne in Deutschland bleiben, wenn die Au-Pair-Zeit im Mai zu Ende ist. Katharina und Vitus Schulze Wethmar wollen sie unterstützen: „Erst wollte sie eine Ausbildung im Hotel machen, aber wir haben darüber gesprochen und jetzt will sie ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren, um sich Zeit zu nehmen, den richtigen beruflichen Weg zu finden“, so Katharina Schulze Wethmar.

Lesen Sie jetzt