Angst und Zuversicht: Lüner Wirte und Händler reagieren auf Corona

dzCorona in Lünen

Das Coronairus trifft die Geschäftswelt in Lünen hart. Die Reaktionen sind unterschiedlich: Viele haben Angst, einige stellen ihr Geschäftsmodell um, wieder andere entdecken das Internet neu.

Lünen

, 03.04.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Bei Apothekern, Lebensmittelhändlern oder Drogisten werden vermutlich die Kassen in diesen Zeiten ordentlich klingeln. Anders sieht es hingegen bei Einzelhändlern und Gastronomen aus, die ihre Läden aufgrund der Bestimmungen schließen mussten. Keine Frage: Die Situation ist für alle existenzbedrohend. Doch im Gespräch mit den Unternehmern zeigen sich viele unterschiedliche Stimmungen.

La Taverna: „Ich gebe niemals auf!“

„Viele fürchten um ihre Existenz, ich aber nicht. Ich gebe niemals auf“, sagt Gino Mandala, Inhaber des Restaurants La Taverna. Eine solche Situation hat er zwar noch nie erlebt - aber er habe noch immer das Beste aus jeder Situation gemacht, mit der er konfrontiert war: „Vor 39 Jahren kam ich nach Deutschland ohne ein Wort Deutsch zu können“, erzählt der heute 60-Jährige. „Schon nach 14 Monaten habe ich meine erste Pizzeria in Castrop-Rauxel aufgemacht.“

Nach einer kurzen Episode mit fünf Pizzerien im Umkreis verkaufte er alle und eröffnete vor zweieinhalb Jahren La Taverna in Lünen. „Klein aber fein“ sollte es sein, nur am Abend geöffnet, damit Mandala kürzer treten könnte. Daraus wird jetzt wohl erst einmal nichts, denn seit zwei Wochen kocht Gino Mandala auch Mittags. Zusätzlich bietet er - völlig neu - einen Lieferservice mit angepasster Speisekarte an.

Coronazeit ist Pizzazeit - und kommst du nicht zur Pizza, kommt die Pizza zu dir: Das "La Taverna" hat auf Lieferdienst umgestellt.

Coronazeit ist Pizzazeit - und kommst du nicht zur Pizza, kommt die Pizza zu dir: Das "La Taverna" hat auf Lieferdienst umgestellt. © Goldstein

„Corona-Zeit ist Pizza-Zeit“, lautet seine Devise. Und: „Kannst du nicht zur Pizza kommen, kommt die Pizza eben zu dir.“ Noch reichen die Umsätze nicht aus, um sein Personal halten zu können. Von seinen vier Mitarbeitern musste er die beiden Kellner freistellen. Sie bekommen dank des Kurzarbeitergeldes weiterhin 60 Prozent ihres Gehalts.

Seine Speisen fährt Gino Mandala selbst aus. „Ich bin jetzt schon so lange in Lünen und kenne mich aus“, sagt er. „Da geht das dann ganz schnell.“ Sich neu aufstellen, kreativ sein, neue Wege finden, lautet sein Motto. „Nur diejenigen, die Ideen haben, werden durchhalten“, prophezeit er, denn die Konkurrenz sei groß und der Kampf ums Überleben hart. „Ich habe noch einige Ideen, um die Umsätze zu steigern“, sagt er. Welche genau, will er noch nicht verraten. Aber: „Ich bin sehr zuversichtlich.“

Asia Pearl: „Jeder hat Angst, ich auch“

Weniger zuversichtlich ist Frau Ye, Chefin des Restaurants Asia Perl. „Wegen der Gefahr, die für alle besteht, haben wir komplett geschlossen“, sagt sie. Die Mitarbeiter bleiben zu Hause, Soforthilfe ist beantragt. „Wenn dieser Zustand noch länger als bis zum 30. April anhält, wird uns das vor große existentielle Probleme stellen.“ Dann wird auch sie über einen Lieferservice nachdenken. „Ich glaube, dass jeder Angst hat, und ich auch.“

Das „Asia Pearl“ wurde erst im Juni 2019 renoviert. Jetzt bedroht die Corona-Krise die Existenz des Buffet-Restaurants.

Das „Asia Pearl“ wurde erst im Juni 2019 renoviert. Jetzt bedroht die Corona-Krise die Existenz des Buffet-Restaurants. © Schulz-Gahmen (A)

Babyhaus Mönninghoff: „Alles hängt davon ab, wie lange das Kapital reicht“

Sigrid Wiese, Inhaberin des Babyhauses Mönninghoff, hat die Sozialen Medien für sich entdeckt: „Wir sind jetzt auf Instagram, WhatsApp und Facebook unterwegs, und das wird auch sehr gut angenommen“, erzählt sie. Über Telefon, Facebook oder Instagram berät sie ihre Kunden, auch wenn es um ganz praktische Fragen wie beispielsweise den Einbau des neuen Kindersitzes ins Auto geht.

Bilder des aktuellen Sortiments werden eingestellt, die Videokamera wird eingesetzt. Kunden können dann bestellte Ware im Geschäft abholen. Neuerdings versendet Wiese ihre Ware auch oder liefert sie im kleinen Umkreis selbst aus. Und auch die Schaufenster werden ständig neu gestaltet, um sich für diejenigen, die noch in der Stadt unterwegs sind, sichtbar zu machen.

Das Babyhaus Möninghoff ist in der Corona-Krise über WhatsApp, Facebook und Instagram zu erreichen - und nutzt die aufgezwungene Geschäftspause für Reparaturarbeiten.

Das Babyhaus Möninghoff ist in der Corona-Krise über WhatsApp, Facebook und Instagram zu erreichen - und nutzt die aufgezwungene Geschäftspause für Reparaturarbeiten. © Goldstein

Aber: „Zu denken, dass auf diese Weise die üblichen Umsätze erreicht werden können, das greift nicht“, sagt Sigrid Wiese. „Ich denke, die Situation ist existenzbedrohend. Es hängt alles davon ab, wie lange mein Kapital noch reicht und auch, ob ich danach noch welches habe, um neu zu investieren.“ Probleme machen ihr auch die Versandunternehmen, die permanent überlastet scheinen. Neue Ware komme nicht wie gewünscht an.

Für ihre vier Mitarbeiter hat Sigrid Wiese Kurzarbeitergeld beantragt, um auch in der Zeit danach noch liquide zu sein. Meistens ist eine der Mitarbeiterinnen mit ihr gemeinsam im Laden. „Zunächst denkt man immer positiv“, sagt sie, „aber natürlich ist die ganze Situation sehr bedrückend. Noch habe ich aber keine Existenzängste. Uns gibt es seit 100 Jahren, warum sollte es nicht auch auf neuen Wegen funktionieren?“

Blumen Völkel: „Wie in einem Science-Fiction-Film“

„Aus Verantwortung den Mitarbeitern gegenüber habe ich mich entschlossen, Blumen Völkel zu schließen“, sagt Thomas Hoffmann, der das Blumengeschäft erst im vergangenen Jahr übernommen hat. Lediglich die Trauerfloristik betreibt er noch, das jedoch sehr abgespeckt: In den letzten zwei Wochen stattete er zwei Beerdigungen aus. „Um ein bisschen Trost zu spenden, machen wir das“, sagt der 42-Jährige. „Aber Blumen sind ja auch ganz klar ein Luxusartikel.“

Thomas Hoffmann von "Blumen Völkel" musste sein Geschäft schließen.

Thomas Hoffmann von "Blumen Völkel" musste sein Geschäft schließen. © Quiring-Lategahn (A)

Einen Lieferservice kann er sich nicht vorstellen. Das sei mit dieser frischen Ware so schwierig, dass er ein Minusgeschäft dahinter vermutet. Ressourcen, um zwei oder drei Monate in diesem Ausnahmezustand zu überbrücken, hat Hoffmann noch. „Für mich fühlt es sich immer noch unwirklich an, wie in einem schlechten Science-Fiction-Film, der Wirklichkeit geworden ist“, sagt er. „Aber wir müssen alle das Beste daraus machen und versuchen einen kühlen Kopf zu bewahren.“

Megalastminute24: „Das ist der absolute Super-Gau“

Auch wenn Thomas Neidt, Inhaber des Reisebüros Megalastminute24, sich sehr um eine ähnliche Einstellung bemüht, stehe ihm das Wasser jedoch bis zum Hals: „Wir kämpfen jeden Tag ums Überleben, mit voller Kraft und vollem Einsatz“, beschreibt er die Situation. Das Geschäft ist geschlossen, die Mitarbeiter aber sieben Tage rund um die Uhr aus dem Home-Office für Fragen und Wünsche der Kunden da. Neuerdings auch über WhatsApp. „Wir sind ja jetzt aber in der Situation, dass man gar nichts mehr vorausplanen kann. Alle Reisen sind bis zum 30. April abgesagt. Das ist der absolute Super-Gau. Wir haben um die 90 Prozent Verluste.“

Daran, dass ab Mai wieder alles gut wird, glaubt er nicht: Hotels auf Mallorca haben bis zum 1. Juni geschlossen, und auch andere Hauptreiseziele wie Italien, Großbritannien oder Spanien seien von Corona am stärksten betroffen. „Ich rechne damit, dass die Saison frühestens im Juli starten kann und dann ist ja eigentlich schon alles gelaufen“, sagt Neidt. „Außerdem haben die Leute dann andere Sorgen. Das Geld wird knapp sein und sie wollen lieber feiern und grillen, anstatt zu verreisen. Wir waren die ersten, die gebeutelt waren, und werden die letzten sein, die sich erholen.“

Dabei tut der Betriebswirt alles, um seinen Mitarbeitern nicht kündigen zu müssen. „Eher gehe ich ohne Gehalt raus“, sagt er. Soforthilfe und Kurzarbeit ist beantragt, seine Lebens- und die Rentenversicherung hat er gekündigt und zuletzt sogar für sich selbst Arbeitslosengeld beantragt. „Das ist mir als Studierter sehr unangenehm. In den 17 Jahren, seit es das Reisebüro gibt, habe ich mir auch einen guten Namen gemacht.“

Und über all dem schwebt zusätzlich eine bestimmte Furcht: Für bereits gebuchte Reisen zahlten die Reiseveranstalter dem Reisebüro Provisionen. Bei all den Stornierungen droht Neidt jetzt, diese zurückzahlen zu müssen.

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