Als Kind im Krieg

Zeitzeugen erzählen

Einschusslöcher. Einige symmetrisch rund, andere haben das Metall aufgerissen und zerfetzt wie menschliches Fleisch. Die Spuren aus dem Zweiten Weltkrieg auf Gleis 5 am Schwerter Bahnhof bemerkt kaum ein Passagier. Wilhelm Aufmhof kennt diese Spuren. Er trägt sie in sich. Eine Zeitzeugen-Geschichte.

SCHWERTE

27.04.2012, 20:14 Uhr / Lesedauer: 2 min
Zahlreiche Einschusslöcher sind noch in den Stahlträgern am Bahnhof auf Gleis 5 zu sehen. Wilhelm "Wilm" Aufmhof ist Jahrgang 1935 und hat den Krieg als Kind erlebt.

Zahlreiche Einschusslöcher sind noch in den Stahlträgern am Bahnhof auf Gleis 5 zu sehen. Wilhelm "Wilm" Aufmhof ist Jahrgang 1935 und hat den Krieg als Kind erlebt.

 Er erinnert sich an alles, sagt der Ur-Schwerter, Jahrgang 1935. An Namen von Menschen, die ums Leben kamen, und Sätze, die sein Vater sprach. Er hört noch die Sirenen, die kurz vor Luftangriffen in Schwerte heulten, die Flugzeuge, die kurz danach über die Häuser donnerten, die Geschosse, die hämmerten, die Menschen, die schrien. „Rette sich, wer kann, haben sie gerufen, wenn alle zu den Bunkern liefen.“ Wenn die Sirenen durch die Straßen jaulten, dröhnten die Kampfflugzeuge bereits über die Dächer.Auch an die zwei Bunker erinnert sich Wilm Aufmhof, in die er und seine Familie alle paar Stunden rannten, sich aneinanderkauerten und warteten. „Der Bunker war immer voll.“

 Die unterirdischen Räume lagen etwa dort, wo heute die Schwerter ihre Einkaufswagen schieben: in der Mitte des Parkplatzes von Rewe und Aldi. Um zu den Eingängen zu gelangen, mussten die Fliehenden über die Beckestraße durch das Tor der Wilhelmshütte. Auf dem Gelände waren die Stahltüren in einen Stollen getrieben. Die Erde wurde nach dem Krieg zum Teil abgetragen, doch noch heute sind die Spuren zu erkennen: Die Margot-Röttger-Rath-Straße – frühere Ladestraße – steigt an. Wilm Aufmhof und seine Familie wohnten fast gegenüber des Geländes, am Bahnhof. Ihr Haus stand dort, wo heute ebenfalls Autos parken. Einen Apfelbaum und an die 16 Birnbäume hatte die Familie. Sie verschwanden wie das Haus unter dem Bombenhagel. Einige Ahorn-Bäume auf dem Bahnhofsplatz haben die Zeit überlebt.

 Hatten die Bomber abgeladen, feuerten Kampfflugzeuge mit schweren Maschinengewehren im Tiefflug auf Menschen. Von diesen Angriffen tragen noch heute die Stahlpfeiler auf Gleis 5 des Bahnhofs mehr als fingerdicke Löcher und zentimeterlange Streifschüsse. Ränder der runden Einschüsse im Stahl biegen sich etwas – man kann sich vorstellen, aus welcher Richtung die Geschosse auf das Material klatschten. Die Hauptziele der alliierten Bomben schienen in Schwerte jedoch die Deutschen Nickelwerke als metallverarbeitende Industrie zu sein und der große Verschiebebahnhof in Geisecke. „Da haben Werte gestanden.“ Das Bombardement auf den Rangierbahnof war schwer. „Das hat so gekracht, da standen die Gleise senkrecht in den Himmel.“Er war „ein ganz neugieriger Kerl. Überall war ich zu finden, wo was war.“ Nach den Luftangriffen ist Wilm Aufmhof mit Freunden Bombensplitter sammeln gegangen. Im Spiel ging es darum, „wer die meisten gefunden hatte“. Obwohl Wilm Aufmhof bei diesem Satz lächelt, sagt er: „Das tut immer weh, wenn man drüber spricht.“Er meint auch das Leben abseits der Schüsse: Harte Winter, kein Holz zum Brennen, wenig Nahrung begleiten auch andere in seinem Alter. „Dass wir heute normal im Kopf sind, darüber muss man sich wundern.“

 Über manche Dinge redet er deshalb nicht, etwa über die Toten, zwischen denen er als Sieben-, Achtjähriger auf der Hörder Straße lief. Über seine Tante, die beim Bombenangriff auf die Nickelwerke am 31. Mai 1944 starb und die sein Vater aus den Trümmern geholt hat, während er auf abgesperrtem Gebiet nach Bombensplittern suchte.Es sind viele „böse Erinnerungen“ an den Krieg. Er endet mit Wilm Aufmhofs Kindheit. 

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