Ein Blickfang: Die Alpaka-Herde mit Bruno in der Mitte. © Sylvia vom Hofe
Natur in Selm

Alpakas: Trend-Tiere sind sanft und süß, dürfen aber nicht naschen

Es kommt vor, dass Autos auf der Netteberger Straße Halt machen. Und zurücksetzen. Die Fahrer können nicht glauben, was sie gerade gesehen haben: Tiere mit Kulleraugen, die sie anlächeln.

Das Münsterland ist flach. Das Ruhrgebiet hat zwar Berg und Tal, dafür hat aber meistens der Steinkohlebergbau gesorgt mit seinen Halden und Bergsenkungen. Netteberge ist anders. Die Bauerschaft im Südosten der Stadt Selm, genau auf der Nahtstelle zwischen Münsterland und Ruhrgebiet, wirft natürliche Falten: sanfte Hügel mit schönen Ausblicken – nette Berge eben. Weit und breit gibt es keinen besseren Platz, um Tiere zu halten, die eigentlich in den Anden zu Hause sind. Bruno findet das auch.

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Alpakas in Netteberge ziehen alle Blicke auf sich

Nicht, dass sich Bruno an das Hochland von Peru erinnern würde. Da war der Sechsjährige selbst nie. Und was seine Vorväter dort erlebt haben, weiß er auch nicht. Alpakas haben es schließlich nicht so mit erzählter Geschichte. Dafür haben sie es mit weitem Weideland. Und mit abwechslungsreichem Gelände – ob in 3000 Metern über dem Meeresspiegel wie in Südamerika oder in 104 Metern wie auf dem Alpaka-Hof Brünemann.

Lebensbedrohliche Gefahr durch vermeintliche Leckereien

Bruno sticht heraus aus der Herde der Hengste. Weil er etwas größer ist als die anderen. Weil er als einziger braun ist. Und weil er der neugierigste ist. Seine weißen Artgenossen bleiben lieber auf Abstand, als er sich aus der Gruppe löst und dem Besuch entgegenschreitet. Wären Sabrina Beckmann und Benedikt Brünemann allein zum Offenstall hinten auf der Weide gegangen, hätten alle Tiere sie längst umringt. Wenn Fremde dabei sind, ist das aber anders. Bruno, die dunkellockige Vorhut, beschnuppert die Gäste vorsichtig. Dann wendet er seinen langen Hals Sabrina Beckmann zu und dem Futter, das sie dabei hat: das Zeichen für Rudi, Yakari und die drei anderen Hengste, auch zu kommen. Um sich einen Snack abzuholen und Streicheleinheiten.

Benedikt Brünemann und Sabrina Beckmann halten seit dem Frühjahr 2020 Alpakas: zurzeit elf Tiere. Im Sommer soll die Herde wachsen – um drei Fohlen. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Sabrina Beckmann lässt eine Hand immer wieder durch das dichte, weiche und gar nicht fettige Fell fahren. In der anderen hält sie die Schüssel mit dem Extra-Futter: eine selbst hergestellte Mischung aus Alpaka-Spezialfutter, Johanniskraut und Luzerne. Davon dürfen die Tiere ab und zu naschen zusätzlich zu ihrer täglichen Gras- und Heu-Kost. Alles andere ist aber Tabu: bloß kein trockenes Brot, Äpfel, Möhren, Getreide oder gar Zuckerwürfel. „Das würde sie sehr krank machen“, sagt Benedikt Brünemann, „und im schlimmsten Fall töten“.

Kleinkamele haben nur einen dreiteiligen Magen

Höckerlose Kleinkamele wie die Alpakas – aber auch die etwas größeren Lamas – kauen ihre Nahrung zwar wieder. Aber anders als Schafe oder Kühe haben sie einen dreigliedrigen und keinen viergliedrigen Magen. Dort spielt sich der mehr als 60 Stunden lange Verdauungsprozess ab. Das macht die Tiere zu guten Verwertern karger Kost. Zucker, quellendes Brot und andere vermeintliche Leckereien führen zu einer gefährlichen Verstimmung. Das junge Paar vom Hof Brünemann, die seit dem Frühjahr 2020 Alpakas halten, wissen das. Ihre Freunde und Nachbarn auch – viele Tierfreunde aber nicht. Meldungen über qualvoll verendete Alpakas und Lamas in Tierparks künden davon. Besucher hatten ihnen achtlos Naschereien gereicht.

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Flauschige Tiere

„Manchmal“, sagt Benedikt Brünemann, „halten Autos mitten auf der Straße“. Einige setzten sogar extra zurück. Was sie im Vorbeifahren flüchtig entdeckt hatten, wollen sie sich näher anschauen: diese wolligen, hochbeinigen Wesen mit verwegener Frisur, großen aufmerksamen Augen und scheinbar lächelndem Gesicht: das klassische Kindchenschema. Ein Grund, weshalb die von den Inka domestizierten und von den spanischen Eroberern, die ihre Schafe mitgebracht hatten, fast ausgerotteten Tiere seit einigen Jahren so beliebt sind. Im Internet, auf Grußkarten und T-Shirts und immer öfter auch auf Weiden.

Deutschland erlebt gerade einen Alpaka-Boom

„An die 20.000 Tiere“, sagt Fritz-Jürgen Hieke. So viele Alpakas lebten aktuell in Deutschland. Das sei aber nur eine vorsichtige Schätzung, ergänzt der Präsident des Deutschen Alpaka-Zuchtverbandes. Schließlich gebe es keine Statistik. Eines steht aber klar fest für den Mann aus dem Erzgebirge, der selbst seit 2004 Alpakas hält: inzwischen eine stolze Herde von rund 100 Tieren. „Die Zahl ist bundesweit stark gestiegen.“ Vor zehn Jahren sei es noch etwa die Hälfte gewesen. Tendenz weiter steigend. Hieke kann das gut verstehen. Und das hat weniger mit den lustigen Gesichtern der Tiere zu tun als vielmehr mit ihrer Wolle

„Es gibt nichts Besseres“, sagt der Sachse. Die Faser brauche nicht gefärbt zu werden, weil es sie schon in 22 verschiedenen Naturtönen gebe. Sie erhalte kein Wollfett, kratze nicht, sei schmutzabweisend, glänzend, langlebig und kostbarerer als Kaschmir-Wolle. Was Hieke besonders gefällt: „Sie ist temperaturregulierend.“ Wer unter einer Alpaka-Decke schlafe, schwitze nie.

Alpaka-Wolle hat eine außerordentliche Qualität

Für Spitzen-Zuchttiere mit besonders guter Wollqualität würden Preise bis 20.000 Euro gezahlt. Sonst lägen die Preise im unteren vierstelligen Bereich. Tiere für ein paar hundert Euro stammten oft von überforderten Hobby-Haltern. Und davon, sagt Hieke, gebe leider einige: Menschen, die Alpakas mit Kuscheltieren verwechselten. Die Hals über Kopf eines kauften und dann erst bemerkten, dass sich das Herdentier als Hund-Ersatz nicht eigne. Benedikt Brünemann und Sabrina Beckmann sind da anders vorgegangen.

Beide kennen Tierhaltung und Landwirtschaft von klein auf. Die Idee mit den Alpakas kam nicht aus einer Laune. Sie hat etwas mit Sabrina Beckmanns Weiterbildung zu tun. Die junge Frau, die als Fachkraft für tiergestützte Pädagogik in einem Altenberger Bewegungskindergarten arbeitet, will künftig auch tiergestützte Therapie anbieten können. Doch mit welchen Tieren? Mit Pferden kennt sie sich als Kutschen-Sportlerin sehr gut aus. „Aber Pferde wollen gefallen.“ Alpakas dagegen seien ungemein gelassen. „Sie strahlen Ruhe aus.“ Wer sie anfassen möchte, muss ebenfalls ruhig werden. Und dann diese Augen.

„Schau einem Alpaka nicht zu tief in die Augen, du könntest dich für immer verlieben.“

Sprichwort unter Alpaka-Züchtern

„Schau einem Alpaka nicht zu tief in die Augen, du könntest dich für immer verlieben“, heißt ein unter Züchtern oft zitierter Spruch. Auch Fritz-Jürgen Hieke, der Präsident des deutschen Züchterverbandes, kennt ihn. Die dunklen Augen unter den langen Wimpern spiegelten tatsächlich die Seele, sagt er. Schwer krank und vom Krebs gezeichnet sei er gewesen, als er die Tiere kennenlernte. Sie hätten ihm geholfen, Energie und Lebensfreude zurückzugewinnen. Als Therapeuten auf vier Ledersohlen – anders als Schafe und Pferde haben sie keine Hufe, sondern weiche Schwielen an der Fußunterseite mit zwei Zehennägeln – seien sie ideal, „weil sie dem Menschen einfach natürlich zugewandt sind“.

Therapeut auf ledernen Sohlen

Das sieht Sabrina Beckmann genauso. Die Alpakas sollten später in der Therapie nicht irgendetwas auf Befehl machen, sondern nur sie selbst sein. Zusammen mit ihr könnten ihre Klienten dann ganz natürlich Nähe, Wärme und Anerkennung erfahren. Das lernt sie gerade in ihrer Weiterbildung und möchte es später auf dem Hof auch anwenden.

Etwas müssen aber auch die Alpakas lernen: am Halfter gehen. Das übt sie mit Bruno, Rudi und den anderen regelmäßig im Auf und Ab in Netteberge. Die weiblichen Tiere, die zwar in Blicknähe, aber durch den von Sabrina Beckmann und Benedikt Brünemann selbst gesetzten Zaun klar getrennt auf einer anderen Weide stehen, wandern erst einmal nicht mit. Drei von ihnen erwarten Nachwuchs. Eine Stute hat bereits Nachwuchs. Und geselliger seien ohnehin die Jungs. Summen können beide Geschlechter. Spucken auch. Aber das bekommen in der Regel nur die Artgenossen ab.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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