Abitur und Corona: Tillmann aus Lünen spielt sich Frust von der Seele

dzAbitur in der Corona-Krise

So hat sich Tillmann Sancken (17) seine Abitur-Zeit nicht vorgestellt. Lockdown statt Mottowoche und ein dickes Fragezeichen, ob es einen Abiball geben wird. Aber er macht das Beste daraus.

Lünen

, 16.05.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Diesen letzten Schultag wird Tillmann Sancken wohl so schnell nicht vergessen. Ausgerechnet an einem Freitag, dem 13., war es. „Wir hatten noch morgens in der Schule besprochen, wie die Mottowoche werden soll, wie wir uns verkleiden“, erzählt der 17-jährige Lüner. Am Abend dieses 13. März war dann klar - eine Mottowoche wird es für die Abiturienten des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums nicht geben. Für alle anderen auch nicht. Denn damals begann der Lockdown wegen Corona.

„Wenn ich morgens gewusst hätte, dass das eigentlich mein letzter Schultag ist, hätte ich mich noch von den Lehrern und Freunden verabschieden können“, überlegt der Abiturient.

Inzwischen hat Tillmann schon zwei Abiturklausuren hinter sich. Am Dienstag (12.5.) Physik, am Mittwoch (13.5.) Deutsch. „Nächste Woche Freitag dann noch Mathe“, erzählt der Lüner. Termine für die mündliche Prüfung gibt es zwar schon, aber wie die genau ablaufen wird, welche Auflagen man beachten muss, das ist noch nicht klar.

Tillmann Sancken mach sich Sorgen um die Schüler der Q1

Das gilt auch für Abiturfeier, die Zeugnis-Vergabe und den Abi-Ball. „Das sind besondere Erlebnisse, die man nur einmal im Leben hat. Keine Ahnung, ob es die für uns überhaupt gibt.“ Tillmann denkt aber auch an die Schüler, die erst nächstes Jahr Abitur machen sollen.

„Der Q1 fehlen ja wichtige Inhalte, Unterrichtszeit und auch Klausuren. Das war ja alles wegen Corona nicht möglich.“ Natürlich seien die Umstände für seine Mit-Abiturienten und ihn „auch irgendwie ärgerlich“, aber noch mehr Gedanken macht er sich um die nachfolgenden Schüler. „Ich bin gespannt, wie es mit dem Abitur 2021 werden wird.“

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Er selbst hofft, dass er trotz Corona ab Herbst wie geplant ein Freiwilliges Soziales Jahr an der Musikschule Bochum absolvieren kann. „Musik werde ich wohl mein ganzes Leben lang machen, ob es auch mein Beruf wird, werden wir sehen.“

Ist eine Musiker-Karriere möglich?

Auf jeden Fall möchte er sich 2021 an verschiedenen Hochschulen bewerben, um Musik zu studieren. „Wenn ich hoffentlich mit Mitte 20 meinen Bachelor in der Tasche habe und dann merke, dass ich doch nicht von der Musik leben kann, bin ich immer noch jung genug, um was anderes anzufangen.“ Vielleicht Lehrer, wie seine Eltern, oder Physiotherapeut - das könnte sich Tillmann auch vorstellen.

Momentan spielt aber - neben dem Abi - die Musik die Hauptrolle. Tillmanns Lieblingsinstrument ist ganz klar das Saxofon. Er spielt Sopran-, Alt- und Tenor-Saxofon, hat mit sechs Jahren damit begonnen. Auch Klavierunterricht nimmt der junge Lüner, bereitet sich auf sein geplanten Musikstudium vor.

Finger waren zu kurz

„Schuld“ daran ist seine Mutter, die ihn und seine beiden Geschwister zur musikalischen Früherziehung in die Lüner Musikschule schickte. Lehrerin Barbara Reher ließ Tillmann versuchen, aus einem Gartenschlauch mit Trichter Töne hervorzubringen. „Das klappte und dann schlug sie vor, ich sollte es mit dem Saxofon probieren.“

Mit sechs Jahren waren seine Finger noch zu kurz selbst für das kleinste Saxofon, dann fielen auch noch die beiden Milchschneidezähne aus und er musste mit der Lippe spielen.

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All das hielt ihn aber nicht davon ab, weiter zu machen. Viele Jahre hatte er Unterricht bei Catrin Groth an der Lüner Musikschule, inzwischen probt er an der Jazzakademie in Dortmund, spielt zudem erfolgreich in einem Jazz-Orchester, das auch schon Preise gewonnen hat.

Um in der Corona-Krise anderen Menschen mit der Musik eine Freude zu machen, begann der Abiturient am 23. März, im heimischen Garten ein kleines Konzert zu geben. Seitdem spielt er jeden Tag, erfüllt auch Musikwünsche der Nachbarn. „Nur wenn es regnet, fällt das Konzert aus.“ Catrin Groth unterstützt ihn mit Musikvorschlägen und Halb-Playback.

Tillmann Sancken bei einem Konzert mit dem Jazz-Orchester, in dem er seit längerem aktiv ist.

Tillmann Sancken bei einem Konzert mit dem Jazz-Orchester, in dem er seit längerem aktiv ist. © Sancken

„Durch den Lockdown ist bei mir vieles weg gebrochen. Man wusste zuerst nicht, wie es weitergeht. Würde es überhaupt mit den Abiturprüfungen klappen oder nicht?“ Tillmann trainierte bis zum Lockdown im Fitnessstudio und im Taek Won Do-Verein. Auch die Treffen mit Freunden fielen danach flach.

Deshalb überlegte er, doch mal was für die Nachbarn in der nördlichen Innenstadt zu tun. Vor allem Jazz, Blues und Swing spielt Tillmann Sancken jeden Abend auf der elterlichen Terrasse. „Ich hab mir dafür eine ganze Menge neuer Titel beigebracht.“

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Auch am Seniorenhaus Wethmar Mark hat der 17-Jährige ein Konzert gegeben, organisiert von Kulturbüro und Koordinierungsstelle Altenarbeit.

Zwischendurch hat er für die Abiturprüfungen gelernt. Und abends zu seinen Saxofonen gegriffen. „Das ist toll. Einige Nachbarn stellen sich dann mit einem Glas Rotwein auf Balkon oder Terrasse und hören zu.“

Fester Termin für Nachbarn

Es gibt viele Nachbarn, die sich bei dem jungen Musiker bedanken, die sich jeden Abend auf das kleine Konzert freuen. „Es ist ein richtig fester Termin geworden“, sagt Tillmann. Auch für ihn nicht nur eine gute Gelegenheit, sein Talent zu zeigen und sein Repertoire zu erweitern, sondern auch in unruhigen Zeiten dem Tag Struktur zu geben.

„Viele Zuhörer verabschieden sich abends mit einem ,bis morgen´ oder sagen mir, welche Titel sie gerne hören wollen.“ Tillmann freut sich aber auch, dass er auf diesem Wege mit Nachbarn ins Gespräch kommt. Das wäre in „normalen Zeiten“ wahrscheinlich nicht der Fall gewesen. Trotz der Klausuren und der mündlichen Prüfung will der Abiturient weiter machen mit den Konzerten.

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