Heute ist die Seseke ein ruhig dahinfließendes Gewässer, das von vielen zur Naherholung genutzt wird. Vor rund 190 Jahren aber wurde aus dem Flüsschen ein reißender Strom, der die Adener Mühle zerstörte und zehn Menschen das Leben nahm. © Peter Fiedler
Aus der Geschichte

Silvester-Tragödie 1833: Zehn Menschen ertrinken im Seseke-Hochwasser

Wer an der Seseke spazieren geht, entspannt. Es ist kaum vorstellbar, dass dieses Flüsschen vor rund 190 Jahren ein ganz anderes Gesicht präsentierte - ein mörderisches und zerstörerisches.

Man schrieb das Jahr 1833. Starke Regenfälle hatte es seit November gegeben und die Lippe sowie deren Nebenflüsse waren über die Ufer getreten. Auch die Seseke schwoll an – und zwar so stark, dass sie sich in einen reißenden Strom verwandelte. Überliefert ist dieses Hochwasser aus mehreren Gründen: Zum einen beschrieb es der damalige Lüner Chronist Pfarrer Dietrich Hermann Bremer, zum anderen kam es infolge des Hochwassers zu zwei tragischen Ereignissen: die Adener Mühle an der Stadtgrenze von Lünen-Niederaden und Bergkamen-Oberaden wurde laut deren Chronik durch den Hochwasser führenden Fluss zerstört – und in der Silvesternacht verloren zehn teils noch junge Menschen auf äußerst tragische Weise ihr Leben in den Fluten.

Im November fing es an zu regnen

Pfarrer Bremer schreibt in seinem Manuskript zur Chronik der Stadt Lünen: „Im Monat November fing es an zu regnen, welches unaufhörlich bis zu End des Jahres fortdauerte. Die Folge war eine große und lange anhaltende Wasserfluth durch Ueberschwemmung der Lippe und Sesecke. Am 18ten December tobte wieder ein furchtbarer Orkan, der den Dächern, besonders dem Kirchdache großen Schaden zufügte, Bäume zerknickte oder mit der Wurzel ausriß und herniederwarf.“

Niederschriften eines Zeitzeugen, die an Dramatik noch zunehmen sollten. So wissen sowohl Lünens Stadtarchivar Fredy Niklowitz als auch sein langjähriger Bergkamener Amtsbruder Martin Litzinger von den Ereignissen der damaligen Zeit, die die Menschen der Region tief berührten.

Die Adener Mühle war ursprünglich über die Seseke gebaut worden, damit das Wasser das Mühlrad antreiben konnte. Nach der Zerstörung durch das Hochwasser wurden die Hauptgebäude der Mühle an den beiden Uferseiten neu aufgebaut.
Die Adener Mühle war ursprünglich über die Seseke gebaut worden, damit das Wasser das Mühlrad antreiben konnte. Nach der Zerstörung durch das Hochwasser wurden die Hauptgebäude der Mühle an den beiden Uferseiten neu aufgebaut. © Addy © Addy

Adener Mühle durch Hochwasser zerstört

Genau ist nicht mehr zu rekonstruieren, wann der Hochwasser führende Fluss die Adener Mühle zerstörte. Aber Baupläne aus den Jahren davor und danach belegen, dass es nach diesem Hochwasser zu großen baulichen Veränderungen kam. Die Macht des Seseke-Hochwassers muss so gewaltig gewesen sein, dass das damalige Hauptgebäude der Adener Mühle, die an der heutigen Grenze von Nieder- zu Oberaden über den Fluss gebaut worden war, weggerissen wurde. Das heute noch stehende Haus der alten Mühle wurde danach neu gebaut. Allerdings nicht mehr wie vorher über dem Gewässer, sondern mit Gebäuden auf beiden Ufer-Seiten.

Seseke und Lippe traten weit über die Ufer

Der Gedanke, wie stark das Hochwasser gewesen sein muss, lässt auch das Ausmaß der Überschwemmungen erahnen. Seseke und Lippe waren weit über ihre Ufer getreten und hatten Wege, vor allem aber Brücken zum Teil unpassierbar gemacht. Doch sowohl Niklowitz als auch Litzinger können berichten, dass sich in der Silvesternacht 1833 den starken Regenfällen zum Trotz 30 überwiegend junge Katholiken aus Beckinghausen, Oberaden und Heil auf den Weg zum Jahresabschlussgottesdienst machten. Zu der damaligen Zeit gehörten die Dörfer noch zur St. Marien-Gemeinde in Altlünen, und in der Marienkirche in der Altstadt wurde gemeinsam die letzte Messe des Jahres 1833 gefeiert.

Hochwasser führt die Lippe auch heute noch doch der heutige Hochwasserschutz greift. In früheren Zeiten konnte ein Lippe-Hochwasser in Lünen aber schlimme Schäden anrichten. Das Bild zeigt den über die Ufer getretenen Fluss am Altstadt-Nordufer um das Jahr 1925 herum. Im Hintergrund ist die alte Brücke zu sehen. © Repro Volmer © Repro Volmer

Weg war unpassierbar

Zu später Stunde machten sich die Gottesdienstbesucher bei stürmischem Wetter auf den Heimweg. In tiefschwarzer Nacht mussten sie feststellen, dass die Lippe und Seseke in der Zwischenzeit noch weiter angestiegen waren und die Wassermassen ihren üblichen Weg gänzlich unpassierbar gemacht hatten. „Sie nahmen also einen Umweg“, schildert Martin Litzinger das Geschehen. Die jungen Katholiken wanderten über die Seelhuve zum Haus Schwansbell, denn sie hofften, die dortige Brücke über die Seseke nutzen zu können. Doch auch diese Brücke war nicht mehr passierbar.

Das Boot kenterte

Niklowitz weiß, wie es dann weiterging: Der Lüner Bürger Gisbert Hanebeck besaß ein Boot, genauer gesagt einen kleinen Nachen. Hanebeck wollte helfen und die Kirchgänger übersetzen, damit sie so sicher ans andere Ufer gelangen würden. Er ließ neun Kirchgänger einsteigen, die in dem Boot aufrecht stehen mussten. Doch der heftige Wind verfing sich in den Kleidern der Passagiere und ließ das Boot abdriften. Es wurde zu einer Anhöhe abgetrieben, wo das Regenwasser in starken Strömen herabfiel. Mit im Boot stand Wilhelm Schlüchter, der die Gefahr erkannte und sich durch einen Sprung auf den bald erreichten Weg retten wollte. Doch er fiel zurück ins Boot und brachte es so zum Kentern.

Augenzeugen konnten nichts tun

Unter den Augen der übrigen Gefährten fielen alle zehn Personen an Bord des Nachens in die Seseke und gingen sofort in den kalten Fluten unter. Die erschrockenen Augenzeugen konnten ihnen in keiner Weise Hilfe leisten. Das Wasser riss ihre Körper mit.

Es dauerte schließlich zehn Tage, bis alle Ertrunkenen geborgen waren. Sie wurden in einer Reihe auf dem Friedhof der St. Marien-Kirche beerdigt – bis auf Fährmann Giesbert Hanebeck. Weil er evangelischer Konfession war, fand er auf dem evangelischen Friedhof seine letzte Ruhe, denn zur damaligen Zeit wurde streng nach Konfession getrennt bestattet.

Trauerrede im Wortlaut erhalten

Die Trauerrede für die neun anderen Opfer der Silvester-Tragödie hielt der damalige Pfarrer Urban von Wieck – und seine Worte sind bis heute im Wortlaut erhalten. Im Sterberegister sind auch die Namen der Opfer bis heute nachzulesen: der Zimmermann Franz Köpe (33 Jahre alt) und seine Frau Wilhelmine Quadbeck (32) aus Oberaden, Bernhardine Deuter (43) geborene Pepershoff aus Beckinghausen, ihr Schwager, der Tagelöhner Franz Elberfeld (34) aus Münster, der Ackersmann Wilhelm Schlüchter aus Beckinghausen (29), der Holzschuhmacher Gottfried Borgmann aus Beckinghausen, der Ackerknecht Gerhard Heinrich Knepper (17) genannt Ostermann aus Heil, Maria Franziska Schöpping (50) genannt Allardt aus Heil und die Dienstmagd Sophie Schulz (20) aus Oberaden.

Geschichte

Das passierte mit der Adener Mühle

  • Nachdem das Hochwasser der Seseke das alte Mühlengebäude weggerissen hatte, wurden zwei neue Mühlengebäude gebaut.
  • Nördlich der Seseke entstand die Kornmühle, südlich des Flusses die Öl-und Sägemühle.
  • Wesentliche Teile davon sind im heutigen Mühlengebäude noch vorhanden.
  • 1984 wurde die Adener Mühle stillgelegt, nachdem der letzte Müller durch einen tragischen Unfall in der Seseke ertrunken war.

Kreuz auf dem Kirchhof erinnerte an das Unglück

Die Namen der Opfer fanden sich lange Zeit an besonderer Stelle: Auf dem Kirchhof der St. Marienkirche gab es sehr lange ein auffälliges großes Kreuz. Das erinnerte an das Geschehen. Auf der Vorderseite standen das Wort „Wachet!“ (Markus 13,37) und das Datum „1834 den 1. Januar“. Auf der Rückseite standen Vor- und Zunamen der Verunglückten.

Diese zehn Personen sind überdies nicht die einzigen, die im Laufe der Jahre in der Seseke den Tod fanden. Auch der letzte Müller der Adener Mühle ertrank im heimischen Fluss – allerdings erst 150 Jahre später.

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