Zu medizinischen Zwecken kann Cannabis legal angebaut werden. Für einen Lüner ist ein Cannabis-Medikament das einzige, das hilft. Dafür zog er bis vor Gericht. © picture alliance/dpa
Krankenkasse

Schwerkranker Lüner will Cannabis auf Rezept: Sieg vor Gericht

Tropfen eines Cannabis-Medikamentes sind es, die Horst-Günter Jansen die Schmerzen nehmen. Um sie zu bekommen, zog er bis vors Landessozialgericht. Die Kasse wollte die Arznei nicht zahlen.

Was Horst-Günter Jansen (71) aus Lünen-Süd mitmacht, wünscht er keinem. Ständige Schmerzen gehören seit 43 Jahren zu seinem Leben. Für das einzige Mittel, das ihm hilft, musste er kämpfen: Es ist Dronabinol, ein Cannabis-Medikament. Seine Krankenkasse AOK wollte die Behandlung nicht länger zahlen. Für Jansen, ein Grund vor Gericht zu ziehen.

Dass er schwer krank ist, zeigt die Liste seiner Leiden von fast zwei DIN-A4-Seiten. Nach einem Unfall auf der Jägerstraße hat sich sein Leben verändert, mit schmerzhaften Folgen bis heute. Sie rühren auch von einer Polyneuropathie, einem Nervenleiden.

Jansen spricht von tauben Beinen und einer Spastik, durch die er schlecht Luft bekommt. Dazu kommen viele andere Beschwerden. Zahlreiche Therapien hat er hinter sich und unzählige Schmerzmittel ausprobiert. Die meisten konnte er nicht vertragen, sondern reagierte allergisch. Noch schlimmer: sein Zustand verschlechterte sich.

Einzige Hilfe durch Cannabis

Bis er vor drei Jahren Dronabinol bekam, ein Cannabis-Medikament. Seitdem kann er besser laufen und hat weniger Schmerzen. Für Horst-Günter Jansen ein Lichtblick.

Doch nach zwei Jahren wollte ihm die Krankenkasse die Genehmigung für die Behandlung mit Dronabinol entziehen. Aus Sicht der AOK sollte Jansen wieder eine multimodale Schmerztherapie machen und noch einmal alle anderen Medikamente testen.

Grund dafür, so hatte es die AOK im August 2020 gegenüber dieser Redaktion erklärt, sei die Ablehnung durch den Medizinischen Dienst (MD) gewesen: „Nach Einschätzung des MD wäre beispielsweise eine Therapie mit hochdosierten Schmerzmedikamenten (Opiode), deren Anwendung in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie empfohlen werde, möglich.“

Für Horst-Günter Jansen war das ein Schlag. „Ich weiß doch schon, was da auf mich zukommt. Wieso muss ich mich nochmal damit abquälen“, hatte er im August 2020 in einem Gespräch mit der Redaktion gesagt.

Horst-Günter Jansen sagt: „Kämpfen lohnt sich.“
Horst-Günter Jansen sagt: „Kämpfen lohnt sich.“ © Peter Fiedler (A) © Peter Fiedler (A)

Gute Nachricht vor Weihnachten

Im Februar 2020 hatte das Sozialgericht seine Klage abgewiesen. Doch Jansen gab nicht auf. Der Sozialverband Deutschland (SoVD) unterstützte ihn und legte beim Landessozialgericht Einspruch ein.

Vor Weihnachten kam dann die erlösende Nachricht: Das Gericht stellte sich auf Jansens Seite, die Krankenkasse musste daraufhin den Anspruch auf Versorgung mit dem Cannabis-Medikament anerkennen.

„Natürlich habe ich mich darüber gefreut“, sagt Jansen. Und dass er glaubt, dass der Artikel der Redaktion zu dem Erfolg beigetragen habe. Mit seiner Erfahrung will er anderen Mut machen: Kämpfen lohnt sich, ist seine Botschaft.

Rezept darf nicht per Post kommen

Inzwischen hat der 71-Jährige die erste etwa 400 Euro teure Flasche Dronabinol im Kühlschrank. Das Betäubungsmittel-Rezept muss eigens beim Arzt abgeholt werden, es darf nicht per Post geschickt werden.

Morgens und abends nimmt er jeweils zehn Tropfen. „Morgens darf mich keiner ansprechen“, sagt Jansen, wegen der Schmerzen. Dann nimmt er Dronabinol. Nach anderthalb Stunden spüre er die Wirkung „und kann in den Tag starten.“ Abhängig könne er davon nicht werden, erläutert Jansen. „Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mal so ein Drogenzeug nehmen muss“, meint er.

Die zweite Flasche hat er schon im Kühlschrank. Dass die Krankenkasse nach dem Gerichtsurteil die einzige für ihn wirksame Therapie nun bezahlt, nimmt dem Frührentner eine große Sorge.

Doch letztlich ist er auch enttäuscht, dass der Medizinische Dienst von ihm eine erneute Schmerztherapie verlangt habe. „Menschen, die krank sind, noch mehr zu quälen, finde ich grausam.“

Über die Autorin
Redaktion Lünen
Lünen ist eine Stadt mit unterschiedlichen Facetten. Nah dran zu sein an den lokalen Themen, ist eine spannende Aufgabe. Obwohl ich schon lange in Lünen arbeite, gibt es immer noch viel zu entdecken.
Zur Autorenseite
Magdalene Quiring-Lategahn

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.