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Tobi Voss holt sich den Feinschliff

Kampfsport

Ein harter Schlag mit Links, ein Haken mit Rechts. Zwei gezielte Tritte, dann ein Hieb mit dem Knie. Fußwechsel. Wieder Tritte, wieder donnern kräftige Schläge auf den Sandsack ein. Über das Gesicht von Tobi Voss rinnen erste Schweißperlen – Regenerationstraining.

DORSTEN

von Von Tobias Nordmann

, 24.04.2012
Tobi Voss holt sich den Feinschliff

otale Anspannung: Boxer Tobi Voss beim Pratzentraining mit seinem Coach Emile Ripassa.

Montagabend, 19.30 Uhr. Im Boxraum der Workers Hall riecht es nach Schweiß, nach ehrlicher Arbeit. In der hinteren Ecke des Raumes wird laut geschrien – nur einer ist ganz ruhig: Tobi Voss. Für den 20-Jährigen ist das Gruppentraining eine lockere Einheit. Er will sich nicht mehr auspowern. Nein, er darf sich nicht mehr auspowern. Anweisung der Trainer. Am Samstag steigt er in den Ring, kämpft gegen den Berliner Femi Dadzie um die Deutsche Meisterschaft im K1 – einer Kampfklasse im Thai-Boxen. „Bis Samstag müssen Tobis Akkus voll aufgeladen sein“, sagt Sebastian Louven. Er ist einer der Coaches des jungen Dorsteners. Er hat das Box-Talent seit sieben Jahren in seiner Obhut, er hat aus ihm einen echten Kämpfer gemacht. Einen Kämpfer, der nun seine Profi-Laufbahn vorantreiben will. Ein erster wichtiger Schritt soll der Sieg gegen den amtierenden Titelträger aus Berlin sein. Tobi legt eine kurze Trainingspause ein. Zu viele harte Schläge will er nicht ausüben, nur noch bestehende Bewegungsmuster automatisieren, bloß nicht verletzen. Er greift zur Wasserflasche, wischt sich den Schweiß vom Gesicht, zieht sich gepolsterte Schienbeinschoner über. Zwei Männer sitzen an der Kante des Ringes, sie rufen ihm etwas zu. Er geht zu ihnen, ein kurzes Gespräch, ein Lächeln, dann wieder Konzentration.

Trainer Emile Ripassa gibt Anweisungen: Zwei Kämpfer stehen sich gegenüber, sie trainieren Angriffs- und Verteidigungstechniken – nach einem klar vorgegebenen Ablauf. Tobi schnappt sich einen Partner. Konzentriert führt er seine Bewegungen aus, jeder Muskel ist angespannt. Eine Nachlässigkeit gibt es nicht, nicht im Training, nicht vor so einem wichtigen Kampf. Aber natürlich schlägt er nicht voll zu. Die Ansage lautet schließlich: Kräfte sparen. In diesen Tagen ist alles auf den großen Kampf als Höhepunkt der Fight Night ausgerichtet. Selbst die Universität rückt etwas in den Hintergrund. „Diese Woche bleibe ich zuhause“, sagt Tobi. Seit Oktober studiert er an der Universität Duisburg/Essen Politikwissenschaften. Das Studium soll Grundlage für ein zweites Standbein werden, neben dem Profisport. Seine ersten Schritte im Boxen hat der 20-Jährige bereits im Alter von zwölf Jahren gemacht, in der Workers Hall. Seine Mutter hatte ihm dazu geraten. Im Ring wollte sie ihren Sohn damals aber nicht kämpfen sehen. „Erst als ich 17 war, ist ihr Widerstand gebrochen“, sagt Tobi. Seitdem sind seine Eltern immer dabei, wenn ihr Junge boxt. Seitdem leiden sie bei jedem Duell gewaltig mit. „Jeder Schlag der mich trifft, trifft auch meine Eltern“, sagt er.

Mittlerweile ist es fast halb neun. Die Boxer ziehen ihre Handschuhe aus. Zum Abschluss der Einheit gibt es noch ein paar Konditionsübungen: Sprünge, Liegestütze, Sit-Ups. Feierabend. Nur Tobi hat noch nicht genug. Mit seinem Trainer geht er noch einmal in den Ring, schlägt vier, fünf Runden auf die Pratze ein. Dann hat auch er genug – Feinschliff für die Fäuste. Einmal wird er diese Woche noch in den Workers Hall gehen und seine Sportklamotten anziehen, wieder seine Bewegungen simulieren, die besprochenen Abläufe für den Kampf automatisieren. Ansonsten gilt: Abnehmen. Etwa zwei Kilo muss der Dorstener noch verlieren, ehe es am Freitag zum offiziellen Wiegen geht. 86,2 Kilo darf er dann maximal auf die Waage bringen. Wie er das schaffen will? „Wir haben unsere kleinen, aber legalen Tricks“, verrät Trainer Sebastian Louven. Heiß duschen, zum Beispiel. Beim Wiegen werden sich die Konkurrenten übrigens zum ersten Mal treffen. Es wird ein kurzes Treffen. Das nächste Wiedersehen gibt es dann erst im Ring. Mit dem Wiegen steigt bei den Boxern, aber auch den Trainern endgültig die Anspannung. Noch, so sagt Tobi, sei er einigermaßen ruhig, könne sich gut ablenken. „Aber wenn ich abends im Bett liege und an den Kampf denke, dann kann ich nicht schlafen.“ Dann steigt das Adrenalin in den Körper, dann will er kämpfen. Ein harter Schlag mit Links, ein Haken mit Rechts... 

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