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Jürgen Boffen wechselte die Bretter

Das Sportporträt

Äußerlich hat er sich kaum verändert. Die Haare sind ein wenig kürzer und grauer, klar. Doch er kommt immer noch in Jeans und Pullover daher. So entspannt, wie Jürgen Boffen am Samstag auf der Spielerbank des BSV Wulfen saß, hätte ihn mancher wohl trotzdem nicht erkannt.

WULFEN

von Von Andreas Leistner

, 12.05.2014
Jürgen Boffen wechselte die Bretter

Entspannt wie wohl selten zuvor saß Jürgen Boffen am vergangenen Samstag auf der Bank des BSV Wulfen III und verfolgte das Spiel seiner früheren Schützlinge gegen Herten.

Als der gebürtige Gelsenkirchener bei Wulfens Basketballern noch als Trainer in Amt und Würden war, da hielt es ihn nur selten auf dem Hosenboden. Impulsiv und emotional begleitete er die Aktionen seiner Spieler und lebte das Spiel an der Seitenlinie intensiv mit.

1978 war Boffen erstmals zum BSV gekommen, der damals noch Abteilung des SC Blau-Weiß Wulfen war. Als Spielertrainer führte der frühere Erstliga-Spieler die Wulfener auf Anhieb in die Oberliga, ein Jahr später sogar in die damals noch eingleisige Regionalliga. Nachhaltig geprägt hat Jürgen Boffen den Verein vom Wittenbrink aber vor allem durch seine Arbeit mit dem Nachwuchs. Mit den Jungs der Jahrgänge 1963/64 wurde er 1980 nordrhein-westfälischer Vizemeister. Nur Bayer 04 Leverkusen war damals stärker, unter anderem dank eines gewissen Detlef Schrempf. Bei der Deutschen Meisterschaft reichte es für die Wulfener dann zu Platz vier, bis heute die beste Platzierung einer Wulfener Jugendmannschaft.

Lang, lang ist‘s her. Dass Jürgen Boffen seine Spieler nachhaltig mit dem Basketball-Virus infizierte, zeigen aber nicht nur die damaligen Erfolge. Boffens Methoden waren zwar zuweilen ebenso gewöhnungsbedürftig wie seine Lautstärke. Einen Spieler, der im Aufstiegsrennen einen Konzertbesuch einer Trainingseinheit vorzog, suspendierte der Trainer für vier Wochen. Doch der Lehrer Boffen war Psychologe genug, um zu wissen, dass der Spieler wiederkommen würde und beim Aufstieg half. Und nicht nur dieser Akteur blieb dem Basketball bis heute treu. Der Stamm von Boffens ehemaligen Teams ist für den BSV noch immer in der dritten Mannschaft am Ball. Mittlerweile zum Großteil schon jenseits der 50. Zu ihrem runden Geburtstag hatten Frank Berkel, Detlef Sauer und Thomas Leistner im Oktober auch ihren früheren Trainer eingeladen. Doch Boffen musste absagen. Genau wie die 40-Jahr-Feier des BSV Wulfen im Jahr 2004. Damals war er in Afrika, diesmal auf Cuba.

„Ich bin vor drei Jahren in den Vorruhestand gegangen und bereise seitdem mit meiner Freundin ein wenig die Welt“, erzählte der mittlerweile 63-Jährige am Samstag, als er seinen Besuch in Wulfen nachholte und sich das Spiel des BSV III gegen Herten ansah. Für ihn das erste Basketballspiel seit fünf Jahren. Seine letzte Trainerstation hatte er im Jahr 2000 beim damaligen Zweitligisten TV Salzkotten. „Das einzige Jahr, in dem ich als Trainer richtig verdient habe“, erinnerte er sich. Seitdem habe er „vielleicht zehn Spiele“ gesehen. Ans Spielen war wegen einer Fußarthrose ohnehin nicht mehr zu denken, und ein Trainerposten reizte ihn, der dem BSV Wulfen 1988 den Rücken kehrte, weil ihm die Perspektive auf einen Zweitliga-Aufstieg fehlte, irgendwann auch nicht mehr.

Dafür rückte eine andere Sportart in den Fokus, die Boffen schon immer als Hobby betrieben hatte: Schach. „Brett vorm Kopp“ heißt der Duisburger Verein, für den er mittlerweile in der Bezirksliga spielt. Die größte Herausforderung dabei: „Bei zwei Stunden Bedenkzeit für jeden Spieler kann eine Partie schon mal vier Stunden dauern.“ Vier Stunden still sitzen? Wer Jürgen Boffen in den 80er-Jahren als Trainer des BSV Wulfen erlebt hat, der kann sich das eigentlich nicht vorstellen.