Wie autoritär sind die Trainer in den lokalen Vereinen?

dzTrainer und Autorität

Aufreger beim FC Chelsea: Torwart Kepa untergräbt die Autorität seines Trainers und ließ sich nicht auswechseln. Wie steht’s eigentlich um die Autorität der heimischen Trainer?

Werne, Lünen, Selm

, 01.03.2019 / Lesedauer: 8 min

Es passierte in der 119. Minute des englischen Fußball-Ligacup-Finals zwischen dem FC Chelsea und Manchester City: Im ausverkauften Wembley Stadion will Chelsea-Trainer Maurizio Sarri beim Stand von 0:0 kurz vor dem Elfmeterschießen nochmal wechseln und Ersatztorwart Willy Caballero für Keeper Kepa Arrizabalaga bringen.

Bis hierhin alles noch ganz normal. Wäre da nicht Kepa Arrizabalaga, derzeit teuerster Torhüter der Welt. Der will sich nämlich nicht auswechseln lassen, winkt kurz ab und bleibt einfach auf dem Feld. Sein Trainer Sarri kriegt am Spielfeldrand einen Wutausbruch, Chelsea verliert das anschließende Elfmeterschießen 3:4.

Danach flammt in den sozialen Netzwerken eine Diskussion um Respekt und die Autorität des Trainers auf. Die aktuelle Diskussion - verständlich. Das Thema - heikel. Trainertypen gibt es nämlich wie Sand am Meer.

Von einem Otto Rehagel, den die Spieler siezen mussten bis hin zu Kumpel-Typen, die nach dem Spiel gerne noch das ein oder andere Bier mittrinken gehen. Auch in der lokalen Sportwelt finden sich so einige Exoten unter den Trainertypen. Wir haben mal ein paar zusammengefasst.

Der Autoritäre

Das Wort Autorität wird laut Westfalia Wethmar-Trainer Andreas Przybilla unterschiedlich interpretiert. Dass er von außen allgemein als autoritär angesehen wird, bestätigt der 39-jährige Fußball-Trainer nur teilweise: „Ich gehe immer auf Spieler und Menschen ein, meine Meinung ist nicht in Stein gemeißelt“, erklärt Przybilla. Aber: „Ich gehe als Chef mit meinem Trainer-Team voran.“

„Ich bin noch von der alten Schule.“
Andreas Przybilla

Den Respekt innerhalb einer Mannschaft müsse sich jeder Trainer erst verdienen, weiß Przybilla, bei dem es nicht anders war: „Die Jungs merken aber schnell, ob Fachkompetenz da ist oder nicht. Die versuchen am Anfang erst auszutesten, wo die Grenzen sind.“ Auf die seien die Bezirksliga-Kicker von Westfalia Wethmar bei ihm aber auch schnell gestoßen. Przybilla weiß aber auch, dass Respekt keine Einbahnstraße ist: „Das ist einfach ein Geben und ein Nehmen.“

Seine Spieler dürfen den 39-Jährigen duzen, die meisten würden einfach „Coach“ zu ihm sagen. Natürlich gibt es auch bei Wethmar mal Momente, in denen Spieler anderer Meinung sind als Przybilla: „Andere Meinungen gab es schonmal, das haben wir dann aber in der Halbzeit oder nach dem Spiel besprochen und vernünftig gelöst.

Bei aller Menschlichkeit: Fußball und Privates trennt Wethmars Trainer aber doch. „Ich bin noch von der alten Schule, es sollte immer eine gewisse Distanz da sein. Ich bin beim Mannschaftsabend zum Beispiel nie dabei“, so Przybilla. Das ein oder andere Bierchen trinke er sich aber doch mit seinen Spielern - dann aber nur am Platz nach dem Spiel. „Wenn die Jungs dann weiterziehen, bin ich nicht dabei.“ Als Choleriker am Spielfeldrand würde der 39-Jährige sich nicht beschreiben. Zwar sei er früher noch deutlich ruhiger gewesen als heute, er würde sich jetzt aber eher als „leidenschaftlich“ beschreiben.

Wie autoritär sind die Trainer in den lokalen Vereinen?

Westfalia Wethmar-Trainer Andreas Przybilla ist nach eigenen Angaben noch „von der alten Schule“. © Weitzel

Der Erzieher

Wie verhält man sich als Trainer, wenn man vor sich keine Erwachsenen hat, sondern 12- bis 13-jährige Kinder, die kurz vor der Pubertät stehen, und die unter Kontrolle bringen muss? Diese Frage kann Nadim Karsifi vom VfL Brambauer ganz genau beantworten - der 30-Jährige trainiert nämlich neben der ersten Herren-Mannschaft auch die D-Jugend-Handballer.

„Kinder sind manchmal schwierig.“
Nadim Karsifi

Wer denkt, dass Trainer von Jugend-Mannschaften einzig und allein wegen des Altersunterschieds von vorn herein Respekt von den Kindern bekommen würden, liegt laut Karsifi gewaltig daneben: „Der Respekt ist nicht von Anfang an da, Kinder reflektieren sehr schnell und merken, ob man vertrauenswürdig ist oder nicht“, erklärt der 30-Jährige.

Respekt und Vertrauen gewinne man dadurch, dass man als Trainer das umsetzt, was man selbst vorgegeben hat. „Wir haben mit den Kindern zusammen eine Mind Map gemacht, auf der steht, was wir wie erreichen wollen.“ So etwas habe für die Kinder Hand und Fuß und sorge dann für Vertrauen.

Karsifi, der nach eigenen Angaben an der Seitenlinie der Landesliga-Herren eher ein „HB-Männchen“ ist, nimmt sich bei den Kindern eher zurück. „Wenn meine Spieler nicht das machen, was ich ihnen sage, machen sie das, glaube ich, nicht mutwillig. Es sind halt Kinder, die wissen manchmal noch nicht, wie sie mit manchen Ansagen umgehen sollen“, erklärt Karsifi.

Deshalb ist er auch in der Halbzeitpause gelassen - selbst wenn das Spiel seiner Jungs bis dahin für den Eimer war: Karsifi erwähne dann in der Kabine nur eine Schwachstelle im Spiel seiner Jungs. „Dazu biete ich dann praktisch direkt eine Lösung an, indem ich auf das eingehe, was wir gut gemacht haben.“ Da müsse man als Trainer Fingerspitzengefühl haben, Kinder seien manchmal eben schwierig.

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Handball-Trainer Nadim Karsifi weiß, dass er mit seinen D-Jugendlichen nicht so umgehen kann. wie mit der ersten Herrenmannschaft des VfL Brambauer. © Günther Goldstein


Der Ex-Profi

Auch Lars Müller, Ex-Bundesligaspieler und aktuell Trainer der Landesliga-Fußballer des Werner SC, hat den Kepa-Eklat beim FC Chelsea mitbekommen: „Die Sache wurde meiner Meinung nach ein bisschen falsch dargestellt. Aber dass ein Spieler sich nicht auswechseln lässt, geht grundsätzlich natürlich gar nicht“, erklärt der 42-Jährige. Müller sei der Letzte, mit dem man nicht reden könne, „aber nicht während der 90 Minuten auf dem Platz.“

Auch wenn es mal zu Diskussionen komme, entscheide am Ende er als Trainer, das sei nunmal so. „Bis jetzt ist noch jeder, den ich ausgewechselt habe, dann auch vom Platz gekommen“, sagt Müller und lacht. Aber Spaß bei Seite - wie ist es denn so, wenn man selbst in der höchst-möglichen Liga gespielt hat? Ist die Beziehung als Trainer zu den Spielern da anders?

„Ich glaube, dass ich ganz umgänglich bin.“
Lars Müller

„Die Spieler nennen mich Trainer oder Coach, auf jeden Fall nicht Herr Müller. Die siezen mich nicht und das ist auch gut so“, stellt der WSC-Coach klar. Für ihn sei die Anrede nicht entscheidend, die Autorität und den Respekt hole man sich über Kompetenz. Trotz seiner Profi-Erfahrung, geht Lars Müller mit seinen Spielern um, wie jeder andere Trainer der Umgebung.

„Als ich die Mannschaft übernommen habe, war es vielleicht schon ein bisschen anders, ich habe vielleicht auch höhere Ansprüche, vielleicht hat es auch was mit meiner Karriere zu tun - aber ich glaube, dass ich ganz umgänglich bin und viel mit Humor arbeite“, erklärt er. Das mit dem Humor hätten dann mittlerweile auch alle Werner Spieler verstanden. Insgesamt gebe es beim WSC wenige Diskussionen mit dem Trainer, das könne eventuell etwas mit seiner Karriere zu tun haben, vermutet Müller.

Der Ex-BVB-Spieler trennt wider Erwarten Fußball und Privates nicht: „Die Jungs haben zwar auch ihre eigene Whatsapp-Gruppe, in der ich nicht drin bin, aber ich hätte keine Hemmungen, was Privates zu erzählen, die Grenzen sind da fließend.“ Er wolle auf keinen Fall unantastbar sein, so Müller. „Vor allem in den unteren Ligen geht es ja auch eher darum, ein Team zu sein.“

Wenn Müller sein Temperament als Trainer selbst einschätzen müsste, würde sein Urteil zwiegespalten ausfallen: „Also ich kann mich abhängig vom Spielverlauf schon aufregen, aber ich gebe mir Mühe, es sachlich zu machen.“ Davon, einen seiner Spieler während einer Partie „zusammenzufalten“, halte Müller gar nichts. „Aber bei der ein oder anderen strittigen Schiedsrichterentscheidung, fällt es mir dann doch schwer, ruhig zu bleiben“, erklärt Müller.

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Ex-Profi Lars Müller arbeitet im Training beim Werner SC vor allem mit Humor. © Helga Felgenträger

Der Frauenversteher

Tim Mantei hat es nicht leicht: Während so manch einer schon zuhause bei der besseren Hälfte unter dem Pantoffel steht, muss der 36-Jährige beim wöchentlichen Training gleich eine ganze Mannschaft von Frauen bändigen. Mantei coacht nämlich die Landesliga-Basketballerinnen der LippeBaskets Werne - und weiß um die Besonderheit seines Trainerjobs: „Frauen ticken einfach anders als Männer“, erklärt er.

„Wenn zwei Männer ein Problem haben, dann sagen sie sich nach dem Spiel unter der Dusche die Meinung und das war es dann. Frauen sprechen oft nicht darüber und sind dann drei Wochen sauer aufeinander.“ Aber gerade weil er sich dessen bewusst ist, weiß der Coach, worauf er besonders achten muss: „Es gibt meiner Meinung nach in Frauen-Mannschaften erhöhten Redebedarf, den man als Trainer auch anbieten muss.“

„Frauen ticken einfach anders als Männer.“
Tim Mantei

Außerdem müsse Mantei genau aufpassen, wie er sich ausdrückt, damit nichts falsch verstanden wird, denn: Man verliere Autorität ganz schnell, wenn man nicht hält, was man sagt. Heißt im Umkehrschluss: Über Vertrauenswürdigkeit holt man sich dann eben den Respekt. Deshalb ist es Mantei auch nicht wichtig, wie seine Spielerinnen ihn anreden. Die meisten nennen ihn „Coach“ oder einfach beim Vornamen.

Nicht nur mit seiner Art, sondern auch bei Privatem hält Mantei es locker: „Ich spreche mit meinen Spielerinnen auch über Privates, wir machen unseren Saisonabschluss auch bei mir im Garten.“ Auch mal ein Bier trinken mit Spielerinnen sei für Mantei absolut in Ordnung. Das einzige, was der 36-Jährige nicht macht: Mit einer Spielerin alleine ein kritisches Einzelgespräch in der Kabine führen: „Das würde ich niemals ohne meine Kapitänin machen“, erklärt Mantei.

An der Seitenlinie sei er in der Regel eher der ruhige Typ: „Am Anfang haben mir die Mädels gesagt, dass sie auf dem Feld angeschrien werden müssen.“ Seine Erfahrung habe mittlerweile aber gezeigt, dass es bei seiner Frauen-Mannschaft mit einer gelasseneren Art besser funktioniere...

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Tim Mantei muss im Umgang mit seiner Damen-Mannschaft Fingerspitzengefühl beweisen. © Helga Felgenträger

Der Junge

Beim Lüner Pascal Harder, Trainer von Fußball-A-Ligist GS Cappenberg, liegt ein kleiner Spezialfall vor - der Grund: Harder ist erst 31 Jahre alt, hat mit einigen seiner Spieler noch selbst zusammengespielt. Da sollte es mit dem Thema Autorität eher schwierig sein - könnte man annehmen. Das Grundproblem mit dem Alter sieht auch Harder.

„In der Kabine fliegt auch schonmal eine Taktiktafel durch die Gegend.“
Pascal Harder

„Das Alter spielt ein ganz große Rolle beim Thema Autorität gegenüber dem Trainer.“ Genau aus dem Grund lässt Harder sich von seinen Spielern auch mit „Trainer“ oder „Coach“ ansprechen. „Und weil ich es aus meiner Zeit als Spieler nicht anders kenne, das hat für mich einfach was mit Respekt zu tun.“ Das war zu Beginn vor allem für seine früheren Mannschaftkollegen komisch, dem ein oder anderen sei zu Beginn öfter mal ein „Kalle“ rausgerutscht.

„Das hat dann ganz schnell aufgehört, weil das fünf Euro in die Mannschaftskasse gekostet hat“, erklärt Harder. Außerhalb des Fußballplatzes dürfen ihn seine Spieler aber beim Vornamen nennen. Mittlerweile hat sich das „Trainer“ aber so in die Köpfe der Spieler gesetzt, dass Harder „80 Prozent der Zeit mit Trainer und 20 Prozent mit meinem Namen angesprochen werde“.

Auf die Frage, ob Harder eher ein Choleriker oder von der ruhigeren Sorte sei, antwortet der 31-Jährige: „Ich glaube ich bin im Mittelbereich, aber meine Spieler würden bestimmt sagen, dass ich etwas lauter bin. Wenn ich lauter werde, dann soll das motivierend sein, meine Jungs brauchen das manchmal.“ Beim „Lauterwerden“ können in der Cappenberger Kabine auch schonmal Taktiktafeln oder Kekse durch die Kabine fliegen, so Harder. „Aber nochmal“, betont er, ein Choleriker sei er nicht.

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Cappenberg-Trainer Pascal Harder (l.) versteht sich neben dem Platz sehr gut mit seinen Spielern, auf dem Platz müssen sie ihn aber „Trainer“ nennen. © Sebastian Reith

Der Spielertrainer

Als Trainer muss man seinen eigenen Stil finden. Was aber, wenn man gleichzeitig auch noch auf dem Feld steht? Mit dieser Frage muss sich Randolf Mertmann, Spielertrainer der Kreisliga-Handballer des SuS Olfen, beschäftigen: „Es ist viel schwieriger Spielertrainer zu sein, als nur Trainer“, gibt der 46-Jährige zu. Das habe auch einen ganz einfach Grund: „Weil du einfach nicht den gleichen Überblick hast, wie wenn du einfach neben dem Platz stehst.“

Außerdem müsse man laut Mertmann noch etwas mitbringen, wenn man ein Team coacht und gleichzeitig selbst als Spieler zum Einsatz kommt: „Du musst meiner Meinung nach mindestens zwei Ligen höher gespielt haben, als deine Jungs, sonst schaffst du das einfach nicht.“

„Du musst als Spielertrainer mindestens zwei Ligen höher gespielt haben.“
Randolf Mertmann

Was gar nicht so schwierig sei, wie man von außen vielleicht vermuten könnte: Bei einer schlechten eigenen Leistung in der Halbzeit oder nach dem Spiel in der Kabine eine Ansage zu machen. Das sei für Mertmann kein Problem: „Im letzten Spiel gegen Scherlebeck hatte ich überhaupt keinen Zugriff auf das Spiel, das habe ich dann auch in der Halbzeit ganz klar gesagt - und mich dann auch nicht mehr eingewechselt“, erklärt Mertmann, der Selbstkritik für eine der wichtigsten Eigenschaften eines Spielertrainers hält.

Ansonsten hält der 46-Jährige es locker mit seinen Mitspielern und Schützlingen: „Alle nennen mich beim Vornamen, manche sagen auch Coach. Wenn ich etwas ernst meine, dann merken die das schon so.“ Auch privat verkehrt der Olfen-Trainer mit seinen Jungs, ist im September auf die Hochzeit eines Spielers eingeladen und war auch schon auf Geburtstagsfeiern.

Mit seinen Spielern in die Kneipe gehen, das würde Mertmann aber nicht unbedingt: „Ein Bier in der Kabine trinke ich aber schon mit. Wenn meine Lebensgefährtin mit zu Spielen fährt und mich zurückfahren kann, trinke ich auch schonmal ein, zwei oder drei Bier mehr“, gibt der Handballer zu und lacht.

Cholerisch sei er an der Seitenlinie übrigens nicht, Mertmann würde es eher als „emotionsgetrieben“ beschreiben. „Ich bin einfach voll dabei und wenn wir ein Tor machen, feier das dann einfach.“

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Randolf Mertmann weiß, dass seine Aufgabe als Spielertrainer beim SuS Olfen keine leichte ist. © Sebastian Reith

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