Unmut der Schalke-Fans wächst - „Das kannst du dir nur noch schöntrinken!“

dzFußball

Schalkes Image hat in den letzten Wochen enorm gelitten. Sportliche wie abseits des Platzes gibt der Verein kein gutes Bild ab. Die Fans gehen vielfach auf Distanz.

Selm

, 20.06.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Telefonat beendete Norbert Hanning mit einem herzlichen „Glückauf“. Zuvor hatte der bekennende Schalke-Fan 15 Minuten aufgezählt, was alles schiefläuft bei seinem Herzensverein und in der Fußballwelt. Und nicht nur er ist sauer: Der Ärger bei vielen Anhängern ist in den vergangenen Wochen nach peinlichen Aktionen des Bundesligavereins gewachsen.

„Ich bin immer realistisch gewesen und habe auch gut abgeschnitten in den Tipprunden. Aber dieses Jahr läuft es nicht. Ich habe auch die letzten 13 Spieltage auf einen Schalker Sieg getippt“, sagt Norbert Hanning. Die Vorfreude auf den Bundesliga-Spieltag habe nicht nur wegen der Misere von 14 Spielen ohne Erfolgserlebnis nachgelassen. Es liegt was im Argen in der königsblauen Fußballwelt.

Skandale haben dem Image des klammen Vereins in den vergangenen Jahren zugesetzt. Vor einem Jahr kosteten Rassismus-Vorwürfe Klubboss Clemens Tönnies fast den Chefposten. Jetzt steht das Unternehmen des Fleischfabrikanten in Rheda-Wiedenbrück, genauer gesagt die Lebensbedingungen der Arbeiter, nach einem Ausbruch des Coronavirus in der Kritik. Preisabsprachen und krumme Cum-Ex-Geschäfte aus der Vergangenheit werfen ebenfalls kein gutes Licht auf den Aufsichtsratsvorsitzenden.

Ärger unter den Fans wegen Ticket-Rückerstattung

Und dann herrscht noch dicke Luft in der Anhängerschaft über den Umgang mit Ticket-Rückerstattungen, die durch Bekanntwerden der Entlassung von langjährigen Busfahrern, um die Aufträge an Fremdfirmen zu vergeben, noch fast getoppt wurde. Jetzt kommt auch der Absturz in der Tabelle hinzu.

In der Hinrunde war sportlich wenigstens noch alles in Ordnung. „Wir haben tollen Fußball gespielt“, sagt Norbert Hanning, Sportliche Leiter der SG Selm, der eine Dauerkarte besitzt und so gut wie kein Heimspiel verpasst. „Zur Halbserie haben wir ja den Beweis geliefert, dass wir erfolgreich sein können.“ Hart kritisiert er den Systemwechsel des Trainers. „Das ist nicht nachvollziehbar.“ Für Hanning die verkehrte Entscheidung, der schlechten Fußball nach sich zieht: „Das kannst du dir ja jetzt nur noch schöntrinken!“

Spaß am Spiel geht verloren, wenn Schalke so weitermacht

Erweitert Hanning die Perspektive, sieht er gravierende Mängel im System Profifußball. „Es kann ja nicht sein, dass so viele Vereine in Schieflage geraten. Man muss für Rücklagen sorgen. Das hat der Profifußball offenbar nicht verstanden“, sagt Hanning. Dass die auf 450-Euro-Basis bezahlten Busfahrer gehen mussten, dass Fans Restbeträge von 200 Euro nicht zurückerstattet werden und der Verein gleichzeitig die Profis weiterfinanziert, sorge für ein Ungleichgewicht - und bei den Fans für Unmut. „Das nimmt einem den Spaß am Spiel. Der Kleinste vom Kleinen soll das jetzt wieder geradebügeln?“, so Hanning.

Bei Reinhard Behlert, Chef des Capeller Schalke-Fanclubs, lässt das Interesse an Profifußball schon seit ein paar Jahren nach. Zwar freut sich Behlert an jedem Spieltag auf die Partie, aber es ist nicht mehr so, wie es früher einmal war. „Es fing damit an, dass Höwedes auf Schalke nicht mehr gewollt wurde. Er war Fußball-Weltmeister und sicherlich kein Mitläufer, er war Leit- und Gallionsfigur. Er hatte Herzblut. Und so einen schickt man weg?“, sagte Behlert.

Gesellschaftlich läuft was schief, nicht nur bei Schalke

Die Ideale, der Behlert als Fußballtrainer beim SC Capelle in der Kreisliga noch lebt, seien in der Profiwelt, die immer mehr einem Managerspiel gleiche, nicht mehr möglich. Die jüngsten Auftritte seiner S04-Mannschaft bezeichnete er als „leblos“ und „blutleer“.

Reinhard Behlert, Trainer des SC Capelle, trug beim Interview vor ein paar Jahren einen Schalke-Pullover.

Reinhard Behlert, Trainer des SC Capelle, trug beim Interview vor ein paar Jahren einen Schalke-Pullover. © Helga Felgenträger

Outsourcing von Arbeitsplätzen sei für Behlert generell ein „Scheiß-Thema“ und komme längst nicht mehr nur bei Schalke vor. Und auch bei Vorgängen an den Schlachthöfen von Clemens Tönnies verweist Behlert auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge: „Ich will Tönnies nicht schützen. Aber wer ist denn bereit, nur noch ein Mal pro Woche Fleisch zu essen? Da müssen sich alle mal an die eigene Nase packen!“

Schlechte Außendarstellung

Markus Marott, Vorsitzender der Olfener Steverknappen, sagte: „Leidensfähig sind wir Schalker schon immer gewesen. Die Außendarstellung des Vereins hat zuletzt vieles kaputt gemacht. Kumpel und Maloche - da stimmt irgendetwas nicht mehr.“ Vor allem die Art und Weise der Ticketrückerstattung hätten viele Fans nicht verstanden. „Wenn man das Geld zurückhaben möchte, muss man als Fan die Hosen runter lassen“, sagte Marott. Konkret hatte der Verein bei Rückerstattungen eine „Härtefall“-Begründung eingefordert.

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Das Verhalten wie auch die sportliche Entwicklung nannte Marott „enttäuschend.“ Allerdings sei die Gemeinschaft der Schalker immer noch vorhanden. Die Unterstützung sei riesengroß. Die Steverknappen veranstalten am Samstag beispielsweise ein gemeinsames Frühstück. Und Norbert Hanning hat an diesem Spieltag wieder getippt: „Es wird schwer, aber wir gewinnen 2:1 gegen Wolfsburg!“ Glückauf.

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