Kopfnicken war nicht Horst Weischenbergs Lieblingsbewegung. Am Freitag gibt der 75-jährige DFB-Kritiker die Leitung des Fußballkreises Unna-Hamm ab. Ein leiser Abschied ist es nicht.

Selm, Lünen, Werne

, 15.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Nach 18 Jahren gibt Horst Weischenberg den Chefposten im Fußballkreis Unna-Hamm ab. Von Wehmut fehlt beim 75-jährigen Oberadener jede Spur. Zum Abschied macht Weischenberg das, was er gerne macht und damit gelegentlich aneckt: Im Interview am Donnerstag mit Sportredakteur Sebastian Reith sagt er seine Meinung. Dabei kommen DFB und der gesamte Profifußball nicht gut weg.

Werden Sie den Job als Kreisvorsitzender vermissen?

Nein, ganz bestimmt nicht. Die letzten Tage habe ich öfter gesagt: Schade, dass heute nicht schon Freitag ist. Dann wäre ich schon weg. Ich werde mich aber weiter um Fußball kümmern, bleibe Staffelleiter und kümmere mich um Freundschaftsspiele.

Was lief nicht gut?

Es war sicherlich nicht alles schlecht, aber die Zusammenarbeit mit dem Verband hier in Kaiserau war schlecht, woran ich aber auch schuld bin. Normalerweise wird da immer nur abgenickt. Aber ich sage schon mal „Stop“. Das kommt nicht gut an. Ich finde, dass sich viele Vorsitzende nicht genügend für ihre Vereine einsetzen. Und von denen sind sie gewählt worden. Da muss man mehr erwarten.

Was ärgert Sie am deutschen Fußball?

Der Fokus liegt nur auf den 36 Profivereinen der beiden Bundesligen in Deutschland. Das ärgert mich sehr. Ich habe irgendwann mal mit dem Profifußball ganz abgeschlossen. Ich habe mich mit DFB-Präsident Zwanziger vor Jahren mal angelegt. Wir kamen zu einer Tagung, es ging um die Sonntagsspiele, die damals eingeführt wurden. Dann fing er an, alles schönzureden. Er redete von der Nationalmannschaft und von der Bundesliga. Wie schön das doch alles wäre. Da habe ich ihn natürlich unterbrochen und ihm gesagt, dass wir eine Einladung bekommen haben, um uns über Amateure zu unterhalten. Da wurde er schon krötig.

Und dann?

Er sagte, dass er ja eine Einführungsrede halten müsse. Ich habe ihm gesagt, dass mich die gar nicht interessiert. Es ging eigentlich gar nicht um die Amateure. Es ist mir aber auch völlig logisch und klar, dass das Sonntagsspiel kommen würde.

Dann wurden das Freitagsspiel eingeführt und die Sonntagsspiele ausgedehnt. Seit dieser Saison wird auch montags gespielt.

Ja, demnächst wird auch Dienstag, Mittwoch und Donnerstag gespielt. Und wenn es nicht die erste Liga ist! Man sieht ja auch an den Zuschauerzahlen, was da passiert ist: Die Kreisliga spielt vielleicht noch vor 20 bis 30 Zuschauern. Wenn Dortmund oder Schalke spielen, fährt der Bus vor und dann ist der Sportplatz hier leer. Was in München oder Dortmund passiert, das ist doch irre.

Beobachten Sie, dass die Spaltung zwischen Profi- und Amateurfußball voranschreitet?

Die wird von Mal zu Mal größer. In der Bundesliga wird viel Zirkus veranstaltet. Die Zuschauer wollen natürlich Action haben. Und die Bundesliga nimmt uns die Zuschauer weg. Im Endeffekt geht es schon sonntagmorgens los. Da spielt die A-Jugend von Borussia Dortmund um 11 Uhr vor über 1.000 Zuschauern. Das wäre früher undenkbar gewesen.

Tun die Amateurvereine denn nicht auch zu wenig, um dem entgegenzuwirken? Schon Überdachungen und kreative Aktionen wären ja denkbar.

Die Vereine haben, glaube ich, aufgegeben. In den letzten drei Jahrzehnten haben im Kreis Unna-Hamm über 30 Vereine den Laden dicht gemacht. Etliche davon haben fusioniert. Natürlich sind auch neue hinzugekommen. Aber manche sind völlig von der Landkarte verschwunden.

Zurück zur Frage: Sind die Amateurvereine zu einem Teil selbst schuld?

Die können den großen Vereinen nicht die Stirn bieten. Natürlich könnten sich die Vereine attraktiver machen. Aber die Vereine sind aus meiner Sicht gar nicht fähig, irgendwo gegenzuhalten. Die Basis ist eigentlich das Wichtigste für den Fußball. Und das sind über 24.000 Vereine in Deutschland. Die sind der Übermacht der 54 Vereine in den obersten drei Ligen unterlegen. Keine Chance.

Fühlen Sie sich im Stich gelassen?

Es wird immer nur erzählt und nichts getan. Davon wird ein Verein nicht mehr Zuschauer bekommen. Wir haben in Westdeutschland 745 A- und B-Jugendmannschaften verloren. Die Tendenz geht weiter.

Horst Weischenberg: „Der DFB hat sich verkauft“

Horst Weischenberg war 17 Jahre lang Kreisvorsitzender. © Teimann

Kannibalisiert sich der Fußball selbst?
Ja, ich habe den Eindruck, dass der Fußball sich gerade selbst abschießt.

Wann haben Sie mit dem Profifußball gebrochen?

Das muss 1989 gewesen sein. Ich wollte einfach nicht mehr. Mit Gründung der Bundesliga hätte ich Ihnen jeden Torschützen und jede Auswechslung nennen können. Heute weiß ich gar nicht mehr, welcher Spieler wo spielt. Noch schlimmer wurde es dann mit der Gründung der DFL (Deutsche Fußball-Liga), die die Interessen der Profiklubs vertritt. Der DFB hat sich verkauft. Sehr gerne gucke ich heute Biathlon. Das ist unheimlich spannend. Die hat man mir im Fußball geklaut.

Aber das ist doch eine weltweite Entwicklung: Die Uefa führt einen dritten Klubwettbewerb ein, während die europäischen Topvereine ihrerseits eine eigene Liga gründen wollen. Und die Fifa dehnt die Klubweltmeisterschaft aus.

Der DFB ist dabei mit führend. Der bringt das mit auf den Weg, während die Profivereine das teilweise selbst gar nicht wollen. Es wird alles zu viel. Das ist Kommerz. Wenn ich gegen eine Milliarden-Zahlung in Katar ein Turnier ausrichten soll, wird das gemacht. Haben Sie die „Spiegel“-Berichte über Lustreisen beim DFB gelesen? Sagt doch alles, oder? Oben hui, unten pfui. Da qualmt es überall. Da wird gefudelt, gefuscht und abgezockt.

Stört Sie der Videobeweis?

Der gefällt mir auch nicht. Es ist ja nicht mehr der Fußball, der er einmal war. Man wurde mal bevorteilt, dann benachteiligt. Ich halte vom Videobeweis nichts, aber man wird damit leben müssen, dass er in den Ligen immer weiter nach unten eingeführt wird.

Ist es nicht gut, dass man Schiedsrichtern ihr Handwerk erleichtert?

Ja, das ist gut. Er wird aus der Verantwortung genommen. Dank der Digitalisierung wissen wir aber heute zusätzlich, wer wie viele Meter gelaufen ist und wer wie viele Pässe geschlagen hat. Wer aufpasst, sieht das aber auch ohne diese ganzen Statistiken.

Zur Person

Das ist Horst Weischenberg

Horst Weischenberg (75) kam gebürtig aus Kaiserau und wuchs am Gelände des heutigen Sportcentrums auf. Als Kind kam er nach Oberaden. Selbst Fußball spielte Horst Weischenberg die meiste Zeit beim SuS Oberaden. Ein Jahr spielte er auch beim Lüner SV. Die höchste Liga war die Bezirksliga. Bevor Weischenberg 2001 die Kreisgeschäfte übernahm, war er sechs Jahre Kreiskassierer. Bis zu seiner Rente war Weischenberg Controller bei Thyssen.

Sind Sie vielleicht Neuerungen nicht aufgeschlossen genug?

Mag sich so anhören (grinst), stimmt aber nicht. Man kann sich nicht allem verwehren. Aber viele Einführungen machen den Fußball kaputt. Sie nehmen ihm den Überraschungsmoment.

Ecken Sie mit Ihrer Meinung oft an?

Ich habe mich nie bewusst mit jemandem angelegt. Beim DFB-Bundestag habe ich mich auf Diskussionen eingelassen und wurde irgendwann gefragt, ob ich mich nicht etwas zurückhalten möchte. Ich sage, was ich denke, und lasse mir den Mund nicht verbieten. Ob das jemandem passt oder nicht, ist mir egal.

Dann gehen Sie jetzt, ohne Ihre Ziele erreicht zu haben?

Richtig. Zufriedenstellend war es eigentlich nie in den Jahren. Ich habe festgestellt, dass man für die Amateure zu wenig macht. Die Amateure werden als Ballast wahrgenommen.

Was war damals Ihr Antrieb?

Ich habe mir viel versprochen. Ich wollte dem Amateurfußball helfen, für ihn geradestehen und für ihn eintreten, weil ich mich richtig in den Amateurfußball verliebt habe. Aber ich bin damit fast alleine. Ich hoffe nur, dass sich mein Nachfolger auch wehrt.

Lesen Sie jetzt