Alles begann vor Jahren bei einem Brauseminar. Inzwischen stellen Vater Andreas Fricke (53) und Sohn Florian (29) ihr eigenes Bier her. Bald gibt es das auch zu kaufen.

Olfen, Nordkirchen

, 13.09.2019, 16:16 Uhr / Lesedauer: 5 min

Andreas Fricke (53) steht unter dem geöffneten Garagentor, als wir eintreffen. Auf dem Tisch vor ihm stehen ein paar Flaschen Bier. An den Wänden hängen Schilder zum Thema Bier. Nichts Ungewöhnliches eigentlich. Das findet man schon mal an Orten, wo sich vorwiegend Männer aufhalten: in Umkleiden, Spinden, Werkstätten, Studenten-WGs, Herrenzimmern.

Doch hinter den geklinkerten Mauern an der Hafenstraße in Olfen schrauben Andreas Fricke und sein Sohn Florian (29) weder an Oldtimern herum noch ist das hier eine Kabine, in der sich das Amateurfußballteam des FC Nordkirchen umzieht, für das Florian Fricke spielt. „Hier entsteht eine kleine Brauerei“, sagt Florian Fricke.

Das Olfener Bier kommt aus der Braumanufaktur „Hafen 23“

„Hafen 23“ heißt die Braumanufaktur, benannt nach der Adresse: Hafenstraße 23. Im Vorraum befinden sich ein Kühlschrank und Tische. Ein paar Kästen stapeln sich. Den Brauraum, das Herzstück der Brauerei, betritt man nach wenigen Metern durch eine Tür. Edelstahlregale prägen hier das Bild, Metallbottiche für mehr als 100 Liter, Schläuche und noch mehr Kästen und Bügelflaschen stehen in den Regalen. Die Wände sind mit weißem Kunststoffpaneel ausgestattet, der Boden grau gefliest.

Florian und Andreas Fricke brauen ein echtes Olfener Bier

Der Vorrat für das Pale Ale von Florian Fricke und seinem Vater Andreas ist jetzt erstmal aufgebraucht. Bald müssen die beiden neues Bier brauen und dürfen es dann auch verkaufen. © Sebastian Reith

Die Frickes, Vater und Sohn, haben sich das gleiche T-Shirt mit dem Logo bedrucken lassen. Das ziert die Silhouette des Wahrzeichens der Stadt, die Drei-Bogen-Brücke der Alten Fahrt über die Stever, im Sonnenuntergang. Umrankt ist die Szene mit Hopfenranken. „Ich trinke Bier aus Olfen“ steht auf dem T-Shirt.

Andreas und Florian Fricke bauen selbst Hopfen an

Und das passt auch. Denn einmal im Jahr können die Frickes sogar Bier mit Olfener Hopfen brauen. Vier Pflanzen stehen in den Privatgärten. Das reicht etwa für zehn Kästen Bier. Mehr Olfener Bier mit rein Olfener Hopfen geht nicht. Den Rest kaufen die Frickes in Online-Shops dazu. „Wir versuchen, lokal zu bleiben und die Region abzuklappern“, sagt Florian Fricke. Das Malz holt er beispielsweise aus Gelsenkirchen bei einem Händler ab.

Florian und Andreas Fricke brauen ein echtes Olfener Bier

Am Haus von Florian Fricke und seiner Frau wachsen zwei Hopfenpflanzen für die eigene Bierproduktion. Bis zum Brauraum sind es dann nur wenige Meter. © Fricke

Angefangen hat alles vor ein paar Jahren. „Ich habe mit einem Freund Bier für seinen Geburtstag gebraut“, erzählt Andreas Fricke. Was als Spaßseminar begann, entwickelte eine Eigendynamik. „Da habe ich immer von erzählt. Als wir das dann noch einmal machen wollten, war der Kurs auf Jahre ausgebucht. Wir haben uns dann gesagt: Wir machen es einfach selber“, sagt Andreas Fricke. So fing alles an.

Die Frickes bildeten sich im Selbststudium weiter

Etliche durchblätterte Fachzeitschriften und durchforstete Foreneinträge später fingen die Frickes an zu experimentieren. Im März 2018 füllten die Frickes, die damals noch im Keller kleine Mengen von 12 bis 20 Litern brauten, das erste selbst gebraute Bier für den Eigenbedarf ab. Viele weitere Kreationen sollten folgen. „Bis jetzt hat uns alles geschmeckt“, sagt Florian Fricke.

Im Frühjahr 2019 intensivierten die Frickes dann ihre Bemühungen um eine Lizenz und bauten die Garage aus. Vor sieben Jahren war nebenan das Wohn- und Geschäftshaus und das Lager der Firma Prott ausgebrannt. Jetzt entsteht hier etwas völlig Neues.

Ab 200 Liter fällt die Biersteuer an - Verkauf nur mit Genehmigung

Darf in Deutschland jeder Bier brauen? Ja, antwortet Marc-Oliver Huhnholz, Pressesprecher des Deutschen Brauer-Bundes. Wer in Deutschland maximal 200 Liter pro Jahr erzeugt, ist steuerbefreit. Wer diese Menge überschreitet, muss bei den Zollbehörden eine Biersteuer abführen. Zudem muss der Hobbybrauer ein Lebensmittelgewerbe anmelden und die Hygienevorschriften einhalten, wenn er es nicht nur für den Eigenbedarf produzieren will.

Florian und Andreas Fricke brauen ein echtes Olfener Bier

So sieht das Logo der Braumanufaktur aus. © Florian Fricke

Das haben auch die Frickes machen müssen. „Wir haben die Rahmenbedingen abgesprochen, um die Erlaubnis zu kriegen. Rechtlich müssen wir da auf der sicheren Seite sein“, sagt Florian Fricke. Die finale Abnahme erfolgt Ende September, die Brauerlaubnis liegt schon vor. Das Bier, das die Familie ab sofort braut, darf nun endlich auf den Markt gehen. Einen Meistertitel brauchen die Frickes dafür nicht. „Anfang November, schätzen wir, ist das erste Bier fertig“, sagt Florian Fricke. Spätestens im Dezember, wenn der Weihnachtsmarkt beginnt, wollen beide die Olfener mit ihren Bieren begeistern.

Neue Geschmäcker und neue Bierstile - in kleinen Mengen

Vom Weizenbier über dunkle Stouts und Indian Pale Ale bis zum Maracuja-Bier haben die Frickes schon jede Menge ausprobiert. „Wir werden es nicht hinkriegen, dass unsere Biere an unterschiedlichen Brautagen gleich schmecken“, sagt Fricke, „und wollen das auch gar nicht. Wir wollen die Leute an neue Geschmäcker und neue Bierstile heranführen.“

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Florian Fricke vor der kleinen Brauerei-Anlage

Pro Brautag können Andreas und Florian Fricke einen Hektoliter brauen. Zum Vergleich: Die Krombacher-Brauerei in Kreuztal produziert etwa das 15.000-fache. Zwei Brautage à acht Stunden pro Monat wollen die beiden berufstätigen Hobbybrauer einlegen. Dafür bleibt ihnen eigentlich nur der Samstag. Schaffen sie zwei Brautage beständig pro Monat, entstehen etwa 2400 Liter Olfener Bier pro Jahr. Das deckt zwar nicht ansatzweise den Pro-Kopf-Verbrauch eines Durchschnittsdeutschen (ca. 130 Liter pro Jahr), soll es aber auch gar nicht.

Florian Fricke und sein Vater sind Bier-Genießer

Denn die Frickes verstehen sich als Bier-Genießer. „Wir wollen Qualität vor Quantität produzieren. Seit wir uns damit beschäftigen, trinken wir nicht mehr Bier als früher, aber höherklassiges. Das ist auch der Trend in der Gesellschaft, dass man zu einem besonderen Anlass ein besonderes Bier trinkt“, sagt der gelernte Maschinenbau-Ingenieur Florian Fricke. Mit prognostizierten 2 Euro pro 0,33-Liter-Flasche ist der Preis des Hafenbieres auch entsprechend. „Im Gegensatz zu anderen Craftbiersorten ist das aber noch günstig“, sagt Andreas Fricke.

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Hafen 23 liegt damit voll im Trend in Deutschland. „Wir erleben eine Welle von Heim- und Hobbybrauern“, sagt Huhnholz vom Brauer-Bund. Seit 2006 ist die Zahl der Braustätten von jahrelang konstanten 1280 auf 1540 angestiegen. Vor allem in den letzten vier bis fünf Jahren gab es ein sattes Plus, das der Verband trotz sinkendem Absatz begrüßt: „Es ist eine Bereicherung. Zu den alteingesessenen Brauereien ist das keine große Konkurrenz, bereichert aber die Marken- und Biervielfalt“, sagt Huhnholz. In Nordrhein-Westfalen gab es 2018 bei der letzten Erhebung mit 155 mehr Brauereien als noch vor 20 Jahren mit 114.

Und was ist mit dem Deutschen Reinheitsgebot? Schließlich enthalten die Fricke-Biere nicht immer nur die vier Grundzutaten, die im Jahre 1516 schriftlich in der Bayrischen Landesordnung festgehalten wurden. „Wir verstehen uns als Kreativbrauer und fühlen uns dem Natürlichkeitsgebot verpflichtet“, antwortet Andreas Fricke - ein Seitenhieb auf die Industrie.

Frickes brauen nicht im industriellen Maßstab - also ohne Plastik

Denn lange galt das deutsche Reinheitsgebot als unantastbares Gut. Wasser, Hopfen, Hefe, Malz - mehr braucht man nicht für ein Bier. Es war verpönt, Biere beim Brauen mit anderen Zutaten zu mischen. Dabei macht die Industrie das längst, indem sie beispielsweise Plastik beimischt - und das völlig legal. Das ist im Deutschen Biergesetz geregelt.

Andreas Fricke dazu: „Wenn ich mir durch den Kopf gehen lasse, dass alle deutschen Großbrauereien ihr Bier mit PVPP, einem Kunststoff, klären... Während die ihr Plastik ins Bier packen, dürften wir theoretisch keine Orangenschalen nehmen, um ein gutes Witbier zu machen.“ Eine weitere Zutat dafür ist Koriander - in Belgien ist das längst eine Spezialität. Dass Vater und Sohn mit den Gesetzen nicht einverstanden sind, wird an den Sprüchen an der Wand gut sichtbar.

Florian und Andreas Fricke brauen ein echtes Olfener Bier

Dass die Frickes gegen Plastikrückstände in Bieren sind, wird an den Schildern an der Wand deutlich. © Sebastian Reith

Fruchtiges Aroma, Hopfennote, fester Schaum

Florian Fricke hat in der Zwischenzeit eine Flasche geöffnet, die gewaltig ploppt. Dann gießt er das Bier in drei Gläser zum Verkosten ein. „Das ist ein Pale Ale. Es enthält eine Hopfennote und hat eine gewisse Bitternote“, sagt Fricke, trinkt einen Schluck aus dem Glas und betrachtet es dann: „Der Schaum ist schön stabil. Die Bitterkeit kommt durch, aber der Geruch ist noch recht fruchtig.“

Bei der Frage nach dem Lieblingsbier sind sich beide schnell einig: „Wir haben mal ein schönes Sweet Stout gemacht. Das war tatsächlich das beste Bier bis jetzt. Es hatte schöne Röstaromen aus Kaffee und dunkler Schokolade, war sehr cremig“, sagt Florian Fricke. Das wollen beide auch auf dem Weihnachtsmarkt anbieten. Zu bekommen sein wird es auch über die Firma Prott an Schlosserstraße 24 in Olfen. Seit dieser Woche ist auch die Facebook-Seite online, über die man die Brauerei kontaktieren kann.

In der Brauerei steckt schon viel eigenes Geld

Dass beide ihre Jobs für das neuentdeckte Hobby kündigen, können sie sich dann aber auch nicht vorstellen, obwohl sie in den Ausbau und das Inventar kräftig investiert haben. Rund 8.000 Euro, schätzt Andreas Fricke, sind bisher in die kleine Brauerei geflossen. Erst kürzlich kamen 2000 Flaschen im Lager an.

Dass Florian Fricke am Sonntag mit dem FC Nordkirchen im Bezirksliga-Derby auf den Verein in seiner Heimatstadt Olfen trifft, macht es zu einem besonderen Spiel für ihn. „Ich habe kurz in Olfen gespielt, sollte aber als Heißblutstürmer in die Verteidigung gehen. Das hat mir nicht gefallen“, sagt Fricke, der Sonntag auf welcher Position spielt? Innenverteidiger. „Im Senioren-Bereich habe ich jedenfalls noch nie gegen Olfen gespielt. Es fühlt sich an wie ein Heimspiel“, sagt er. Dass er bei einem Sieg dann demnächst mit selbstgebrautem Bier eine Runde geben muss, dürfte wahrscheinlich sein.

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