Aufsteiger SG Selm geht mit viel Selbstvertrauen, aber auch einer Portion Demut in die Kreisliga-Spielzeit. Das liegt an Erfahrungen der letzten zwei Jahre, wie Trainer Deniz Sahin erzählt.

Selm

, 20.08.2019, 14:31 Uhr / Lesedauer: 5 min

Turbulente Jahre liegen hinter Trainer Deniz Sahin. Der 42-Jährige geht in sein drittes Jahr bei der SG Selm. Im ersten war er abgestiegen, im zweiten direkt wieder aufgestiegen. Nun ist die SG Selm zurück in der Fußball-Kreisliga A, die am Sonntag für die SG mit einem Heimspiel gegen den SV Herbern II beginnt (15 Uhr, Sparkassen-Arena, Sandforter Weg, Selm). Im Interview sprach Sahin über die Vorbereitung, wie er Daniel Ulrich nach dessen Kreuzbandriss ersetzen will und die harte Zeit nach dem Umbruch vor zwei Jahren.

Herr Sahin, unser Foto stammt aus dem Pokalspiel gegen Telgte, das die SG Selm gewann - warum der ernste Blick? Sie hatten doch gar keinen Grund?

Das stimmt zwar, es gab aber auch Phasen, in denen es nicht so toll gelaufen ist. Es mag sein, dass ich in dem Augenblick ernster geguckt habe. Ansonsten kann ich eigentlich ganz zufrieden sein.

Deniz Sahin im Interview: „So schwer wie ich hatte es noch nie ein Trainer in Selm“

Deniz Sahin beim gewonnenen Pokalspiel: ernster Blick trotz guter Leistung © Jura Weitzel

Zufrieden auch mit der Vorbereitung Ihrer Mannschaft?

Größtenteils ja. Wir haben gute Ergebnisse erzielt und die Mannschaft hat gut trainiert. Was schade ist: Ausfälle, Urlaube, Feiern, jetzt das Schützenfest. So hat man nie den kompletten Kader zusammen, sondern meistens 12 bis 14 Spieler. 16 Spieler beim Training sind schon ganz gut. Das wünscht man sich als Trainer dann manchmal anders. Aber das ist auch bei anderen Vereinen so. Da wollen wir mal nicht klagen.

Muss ein Trainer denn Verständnis haben, wenn Spieler wegen des Schützenfestes absagen?

(lacht) das Verständnis ist etwas schwierig, ich bin aber auch nicht im Schützenverein. Deswegen ist das für mich nicht von großer Bedeutung. Für ein paar Jungs aber schon, weil sie damit aufgewachsen sind. Ich glaube schon, dass man dafür Verständnis zeigen kann.
Trotzdem: Sie haben eine professionelle Fußballerausbildung beim BVB genossen. Wie gehen Sie damit um, Spieler zu trainieren, die das nicht mitbringen?

Es ist schon schwierig. Es gibt auch noch Unterschiede zwischen einer ersten und zweiten Mannschaft. Das muss man auch sagen. Man kann mit den Jungs aber gut arbeiten. Die haben auch etwas drauf. Jeder weiß aber, dass es nicht das höchste Niveau ist, auf dem wir spielen. Umgehen kann ich damit sehr gut, weil ich den Jungs noch einiges mitgeben kann und viele Jungs etwas mitnehmen. Man darf aber nicht vergessen, dass es Kreisliga-Fußball ist.

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Welches Saisonziel haben Sie?

Wir haben nicht das Ziel gefasst, dass wir unter die ersten Fünf kommen müssen. Ich und die Mannschaft wollen gut mitspielen und nichts mit dem Abstieg zu tun bekommen. Nur als Aufsteiger kann man schwer sagen, um den Aufstieg mitspielen zu wollen. Wir wollen eine gute Rolle spielen, wenn möglich, unter die ersten Zehn kommen. Das muss unser Ziel sein.

Ein normaler Aufsteiger ist die SG Selm aber nicht. Andere Teams müssten nur nach unten gucken. Der Anspruch der SG Selm ist das nicht.

Klar! Man muss aber vorsichtig sein. Im Jahr davor sind wir in dieser Liga abgestiegen. Damit hat am Anfang und gerade nach der Hinrunde auch keiner gerechnet. Jetzt haben wir aber andere Charaktere in der Mannschaft: einige junge Spieler, die ehrgeizig sind, und ein paar erfahrenere Spieler - insgesamt eine gute Mischung. Das Schöne ist, dass das Team größtenteils zusammengeblieben ist. Verstecken müssen wir uns nicht. Und man sieht ja auch in den Ergebnissen gegen andere Mannschaften: Wir haben immer das Potenzial, Spiele zu gewinnen - auch gegen eine Mannschaft, die ein bisschen höher spielt.

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Hat es Sie überrascht, dass Sie Trainer bei der SG bleiben durften nach dem Abstieg vor einem Jahr?

Der Verein hat mitbekommen, was in der Saison abgelaufen ist. Es war eine schwierige Situation. Es war aber Vergangenheit und ist kein Thema mehr. Für den Verein und für mich als Trainer war es eine Katastrophe. Zu sehen, wie sich einige Spieler verhalten, ist traurig gewesen. Vielleicht muss man so eine Erfahrung aber auch mal machen. Und für den Verein war es vielleicht auch nicht verkehrt, mal einen anderen Weg einzuschlagen.

Deniz Sahin im Interview: „So schwer wie ich hatte es noch nie ein Trainer in Selm“

Deniz Sahin © Reith

„Der Verein hat mitbekommen, was in der Saison abgelaufen ist. Es war eine schwierige Situation. Es war aber Vergangenheit und ist kein Thema mehr.“
Deniz Sahin

Würden Sie bestätigen, dass es die turbulentesten Jahre als Trainer für Sie gewesen sind?

Auf jeden Fall. Der Aufstieg in der letzten Saison machte natürlich Spaß. Wenn man erfolgreich ist, ist alles etwas leichter. Davor war es schwierig. Manchmal habe ich mir gesagt: Das kann doch von einigen Charakteren nicht sein! Der komplette Neuanfang vor zwei Jahren war hart. Ich bin der erste Trainer bei der SG Selm gewesen, der einen Komplettumbruch erlebt hat. Aus der alten Mannschaft waren vier Spieler übrig geblieben, die nicht mal Stammspieler waren. So schwer wie ich hatte es noch nie ein Trainer in Selm gehabt. Nach der Abstiegssaison haben wir aber gute Arbeit geleistet. Dass wir die Jugend eingebunden haben, hat sich ausgezahlt. Jetzt wollen wir uns darauf aber nicht ausruhen.

Wie bewerten Sie das Auftaktprogramm?

Das kann man schlecht einschätzen. Ich kann mir vorstellen, dass Herbern ein schwerer Gegner wird. Herbern hatte immer eine gute eigene Jugend - die können Fußball spielen. Und die erste Mannschaft hat einen riesengroßen Kader und spielt schon Samstag. Die können Spieler runter geben. Das ist noch einmal ein Riesenunterschied.

Daniel Ulrich hat sich in der Vorbereitung das Kreuzband gerissen. Wie kompensieren Sie den Ausfall?

Einen Daniel Ulrich zu ersetzen, ist schwierig. Er hat unheimlich Qualität nach vorne hin und Tempo mit dabei. Fabian Konietzni ist zudem nach Olfen gewechselt. Zusammen mit Daniel Ulrich waren das unsere beiden Außenspieler. Die fallen weg. Aber wir haben immer noch Spieler dabei, die die Position auch spielen können und Daniel vielleicht nicht gleichwertig, aber von der Spielweise her anders ersetzen können. Natürlich müssen wir uns umstellen und erstmal ohne Daniel planen, aber wir haben gute Alternativen. Abhängig von einem Spieler sind wir nicht.

Deniz Sahin im Interview: „So schwer wie ich hatte es noch nie ein Trainer in Selm“

Deniz Sahin (l.) und Co-Trainer Tobias Lütjann © Sebastian Reith

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Erwägen Sie eine Systemumstellung?

Vorerst nicht. Alexander Schwegler und Dennis Dias können die Positionen spielen, Jan Rabitsch hat sie in Nordkirchen gespielt. Optionen haben wir genug.
Alexander Schwegler war in der Vorsaison aber auch lange angeschlagen.

Er ist auch jetzt nicht bei hundert Prozent, ist aber auf einem guten Weg. Ich habe den Eindruck, dass er sich von Training zu Training und von Spiel zu Spiel die Fitness holt. Ich bin sicher, dass er topfit wird.

Wie ist es um Niklas Neumann bestellt?

Es ist sehr schade. Er hat sich leider in der Vorbereitung etwas schwerer verletzt. Im Sprunggelenk hatte er sich zwei Außenbänder gerissen - und es gab einen kleinen Bruch am Knochen. Das dauert seine Zeit. Er ist bestimmt schon vier Wochen raus. Ich würde ihm wünschen, dass er bald wieder trainieren kann. Es braucht auch Zeit, wieder fit zu werden. Die Spieler helfen uns deswegen nicht sofort weiter. Langfristig brauchen wir ihn aber.

Deniz Sahin im Interview: „So schwer wie ich hatte es noch nie ein Trainer in Selm“

Deniz Sahin © Sebastian Reith

„Ich bin sowieso ein Trainer, der sagt, dass die Defensive immer stehen muss. Auch wenn wir über die schnellen Spieler nach vorne gehen, brauchen wir eine Absicherung.“
Deniz Sahin

Sie hatten in der vergangenen Saison die wenigsten Gegentore der Liga, vorne hat die SG Selm großes Offensivpotenzial. Was ist nun das Prunkstück der SG Selm?

Es ist eine Mischung. Die Defensive ist zusammengeblieben und hat in der letzten Saison gut funktioniert. Jetzt spielen wir aber eine Liga höher. Da hat man schon über die Spieltage hinweg ein gutes Niveau bei den Gegnern. Da ist die Defensive noch mehr gefragt. Es muss auch unser Ziel sein, so wenig Gegentore zu bekommen wie möglich. Ich bin sowieso ein Trainer, der sagt, dass die Defensive immer stehen muss. Auch wenn wir über die schnellen Spieler nach vorne gehen, brauchen wir eine Absicherung. In der neuen Saison fängt man wieder bei Null an.

Wenn der Vorstand der SG Selm heute mit Ihnen vorzeitig verlängern wollte, was würden Sie antworten?

Das würde ich jetzt nicht machen, aber nicht, weil ich mir unsicher wäre, sondern ich die Tätigkeit generell von Saison zu Saison sehe. Man muss auch das private Umfeld sehen - da muss auch alles passen. Daher würde ich sagen: Lasst uns erstmal die Hinrunde spielen und dann weitersehen.

Könnten Sie sich denn vorstellen, länger Trainer bei der SG Selm zu bleiben?

Ja, wir verstehen uns alle sehr gut. Mir macht es Spaß mit den Jungs. Wir haben einen guten Draht. Ich habe daher keine Ambitionen, woanders Trainer zu werden.

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