Die SG Selm feiert ein kleines Jubiläum. Zehn Jahre her ist der Zusammenschluss aus BV Selm und Grün-Weiß Selm.

Selm

, 01.08.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die SG Selm ist ein verhältnismäßig junger Verein in der Selmer Sportlandschaft. Geschaffen aus den beiden Traditionsvereinen BV Selm und Grün-Weiß Selm, die sich viele Jahre lang die Sportanlagen am Sandforter Weg teilten, entstand 2010 per Fusion die Sportgemeinschaft. Doch es war ein langer Weg bis dahin. Zehn Jahre nach der Fusion hat die SG nicht alle Versprechen erfüllt. Aber die meisten.

Georg Hillmeister, Vorsitzender der SG Selm, sitzt im neuen Vereinsheim. Beton und Stahlrohre sind die Baumaterialien der Moderne. Glatt verputzt und grau gestrichen lassen Architekten die Baustoffe oft für sich wirken. Die Tische bestehen aus rustikalem Holz, allerdings keinesfalls wie in einer 90er-Jahre-Kneipe, sondern modern.

Früher hat der SG-Vorstand Spielervorstellungen in der alten Geschäftsstelle in den Nebenräumen der Overberg-Turnhalle vorgenommen. Das war dunkel und wenig repräsentativ. Das neue Vereinsheim macht etwas her. Die hohen Glasfronten lassen Licht in den Raum. „Wir haben jetzt ein Zuhause für die SG, das uns eigentlich immer gefehlt hat“, sagt Hillmeister und blickt stolz in den Raum.

Die Rivalität zwischen beiden Vereinen war groß

Georg Hillmeister war immer ein Grün-Weißer, Norbert Hanning, Sportlicher Leiter der SG Selm, immer ein BVer. Wie unterschiedlich, wie gegensätzlich diese beiden Fußballvereine in Selm waren, aus denen die SG 2010 hervorging, ist den Jugendlichen, die ihre Einheit draußen auf dem Kunstrasen abhalten, heute gar nicht mehr bewusst.

Ob er für Grün-Weiß hätte spielen können, wollen wir von Norbert Hanning wissen. „Ich für Grün-Weiß Selm? Nein, niemals“, antwortet Hanning, „ich könnte auch niemals zu Borussia Dortmund ins Stadion gehen. Da können sie mir eine Jahreskarte schenken und in den VIP-Raum einsperren. Da würde ich nicht hingehen.“

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Der BV Selm feierte 1960 die Westfalenmeisterschaft - der größte Erfolg im Selmer Fußball. Die Verbandsliga war damals die dritthöchste Spielklasse. Doch der BV Selm fiel tief - Grün-Weiß war in vielen Jahren ein ebenbürtiger Gegner, stand in einigen Saisons sogar vor dem BV Selm. Es gab klare Zugehörigkeiten: „die BVer“und „die Grün-Weißen“, als habe man die Mitgliedschaft in einem der beiden Selmer Fußballvereine in die Wiege gelegt bekommen. Entweder, oder.

Beim Derby ging es zur Sache

Die Rivalität: riesengroß. „Wenn es da ein Derby gab, wurde um 12 Uhr schon Mittag gegessen, damit man um halb 1 auf dem Platz sein konnte, obwohl dann erst die Reserven gegeneinander spielten. Das wichtigste Spiel der Saison war nun mal das Derby gegen Grün-Weiß“, erzählt Norbert Hanning. Die Rivalität war so groß, dass die Klubs sich sprichwörtlich gegenseitig das Wasser abgegraben haben. Sie buhlten um Sponsoren, um Spieler, um Jugendliche.

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„Es gab ständig ein Hin- und Herwechseln und Abwerben der Spieler. Mal war die eine Mannschaft oben, mal die andere“, erzählt Hillmeister, der vor der Fusion im Grün-Weiß-Vorstand aktiv war. Und finanziell waren die Vereine alleine auch nicht gut aufgestellt. „Das war schon eine besondere Situation hier in Selm“, erinnert sich Hillmeister.

Betonköpfe nähern sich doch noch an

Am bemerkenswertesten ist rückblickend an der Fusion vielleicht, dass die Väter der Fusion Vereinsoffizielle waren, die sich das Szenario jahrzehntelang nie vorstellen konnten. Nostalgiker, die den Duellen im aufgelösten Kreis Lüdinghausen heute noch nachtrauern, aber der notwendig gewordenen Neuerung nicht verschlossen waren.

„Wir haben gemerkt, dass wir uns gegenseitig die Spieler weggenommen haben. Schlimmer fand ich aber noch, dass wir im Jugendbereich den Kindern nicht mehr gerecht wurden“, sagt Hanning. Die Jugendlichen waren ungleich auf beide Vereine verteilt. Mal hatte der eine Klub einen mitgliederstärkeren Jahrgang, dann wieder der andere - manchmal bekam ein Verein deswegen keine Mannschaft zusammen.

Norbert Hanning

Norbert Hanning © Timo Janisch

„Warum soll man den Kindern nicht ermöglichen, gemeinsam Fußball zu spielen? Nur weil es da Betonköpfe gab, zu denen ich mich zu der damaligen Zeit auch gezählt habe, die einer Fusion nicht zugestimmt haben.“
Norbert Hanning, Sportlicher Leiter

„Warum soll man den Kindern nicht ermöglichen, gemeinsam Fußball zu spielen? Nur weil es da Betonköpfe gab, zu denen ich mich zu der damaligen Zeit auch gezählt habe, die einer Fusion nicht zugestimmt haben“, sagt Hanning heute, „da muss man auch mal den Verstand vor das Herz setzen.“ Georg Hillmeister und ihm sei immer nachgesagt worden, die größten Streithähne zu sein. Es hieß: „Solange die an der Macht sind, wird die Fusion nie gelingen. Das Gegenteil hat sich gezeigt“, sagt Hanning.

Verhandlungen platzen erneut - der Bürgermeister vermittelt

Hinter den Kulissen nahmen die Vorstände daher 2008 und 2009 wieder Verhandlungen auf - nicht zum ersten Mal. „Die Idee, dass die beiden Vereine mal fusionieren sollten, bestand ja schon viel, viel länger. Es gab immer mal Versuche. Die Vereine haben aber nie zusammengefunden. Die Rivalität war einfach zu groß“, sagt Hillmeister.

Kurz vor der Einigung platzten die Verhandlungen noch einmal. Bürgermeister Mario Löhr vermittelte. „Die eigentlichen Versammlungen, Auflösungs- und Fusionsversammlungen, waren schon recht spannend, weil man nicht wusste, wie die Abstimmungsergebnisse ausfallen würden“, sagt Hillmeister. Natürlich gab es Leute, die gegen die Fusion war.

„Mir selbst ist es auch nicht leicht gefallen, zu beschließen, dass Grün-Weiß sich auflöst. Das war der Verein, in dem ich als kleines Kind angefangen habe, in dem ich lange Jahre gespielt und auch Vorstandsarbeit gemacht habe“, sagt Georg Hillmeister.

Identifikation mit der SG Selm

Heute, zehn Jahre nach der Fusion, herrscht wieder eine neue Aufbruchstimmung. Die Entwicklung der letzten zwei Jahre im Seniorenbereich zeigen in die richtige Richtung. Viele Ziele, die man sich von der Verschmelzung erhofft hat, sind eingetreten: Die SG sagt, dass sie schuldenfrei ist, die Sponsoren verteilen sich nicht mehr auf zwei Fußballvereine, die Jugend hat eine Perspektive, die Sportanlage ist in hervorragendem Zustand.

„Die meisten identifizieren sich als SG Selm und die Kleinen, die draußen beim Training sind, wissen gar nicht mehr, was BV und Grün-Weiß war. Das sind alles SGler“, sagt Hillmeister, „es hat sich sehr gelohnt, diesen Weg zu gehen.“ Die Pläne für die Feier in diesem Jahr fielen wegen Corona aus.

Interview 10 Jahre SG Selm Fusion

Interview 10 Jahre SG Selm Fusion © Timo Janisch

„Die Kleinen, die draußen beim Training sind, wissen gar nicht mehr, was BV und Grün-Weiß war. Das sind alles SGler.“
Georg Hillmeister, Vorsitzender

Die Damen haben eine Spielgemeinschaft mit dem SV Südkirchen gebildet. Im Unterbau möchte Frauenfußball-Funktionär Stefan Lücke gerne wieder einen lückenlosen weiblichen Jugendbereich etablieren. Schwierig sei heute vor allem, Betreuer und Trainer für Jugendliche zu finden - für Mädchen noch stärker als für Jungs.

Die Bezirksliga hat die SG bislang nicht erreicht

„Ich habe mich von Anfang an als SGler gefühlt. Für mich was das Entscheidende, dass man alle Jugenden komplett besetzen konnte“, sagt Jugendleiter Martin Tembaak, der zu Hause im Schrank noch einen Trainingsanzug aus seinen BV-Zeiten hängen hat. Im unteren Jugendbereich sieht Tembaak den Verein schon gut aufgestellt. Wenn der Verein es schafft, von den bald vier F-Jugend-Teams viele Jugendliche in den Seniorenbereich durchzubringen, blüht dem Klub eine rosige Zukunft.

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Das vielleicht größte Versprechen, endlich wieder überkreislichen Fußball anzubieten, hat die SG bislang allerdings nicht erfüllt. „Wir möchte nach oben und wenn wir die Chance sehen, nehmen wir die auch wahr. Wir lechzen alle nach der Bezirksklasse“, sagt Hanning klar.

Nach dem Betriebsunfall mit dem Abstieg in die B-Liga ist die SG auch zurück in der Kreisliga A. Ganz oben steht nun ein neuer Traum. „Bezirksliga, warum nicht? Dem kann ich mich nur anschießen. Warum nicht den Mut haben, zu sagen: Wenn es gut läuft, dann auch Bezirksklasse“, sagt Hillmeister und blickt wieder in den Raum: „Wenn man sieht, was hier entstanden ist, kann die Fusion nur gelungen sein.“

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