Mit Olympia-Aus ist auch Stefan Weigelts Traum vom Gold 2020 geplatzt

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Auf einem Villigster Sofa wäre am 31. Juli 2020 möglicherweise über einen Olympiasieg gejubelt worden - wenn alles glatt gegangen wäre.

Schwerte

, 14.05.2020, 19:14 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der 31. Juli 2020 hätte für Dr. Stefan Weigelt goldig aussehen können. Ein sommerlicher, warmer Freitag. Seit genau einer Woche liefen die Olympischen Sommerspiele in Tokio. Doch dieser 31. Juli wäre für Weigelt zweifellos der wichtigste Tag. Hier hätte sich entschieden, ob der deutsche Ruder-Achter die Goldmedaille holt. Und ob ein Teil dieses Olympiaerfolges in Villigst auf dem Sofa sitzt. So hätte es aussehen können. Wenn alles glatt gelaufen wäre.

Homeoffice statt Achter-Training

Heute sitzt Stefan Weigelt auch zu Hause in Villigst. Allerdings im Homeoffice. Olympia? Verschoben auf 2021. Ein Training auf dem Dortmund-Ems-Kanal mit dem prominenten Deutschland-Achter? Aktuell noch undenkbar. Das Coronavirus Sars-Cov-2 verschlingt alle Pläne für 2020 – und für Stefan Weigelt ist das besonders bitter.

Denn er ist seit 1997 Trainingswissenschaftler am Olympiastützpunkt in Dortmund und seit rund 15 Jahren auch für die hier im Ruderleistungszentrum ansässigen deutschen Topruderer für die Messboottechnik und Biomechanik verantwortlich. Dabei verbaut der 61-Jährige regelmäßig hochtechnologische Sensoren in die Carbonboote, um exakte Daten als Analysegrundlage für Sportler und Trainer zu liefern.

80 bis 100 Messfahrten pro Jahr

Etwa 80 bis 100 Messfahrten stehen für Weigelt pro Jahr auf dem Plan, überwiegend im Kleinboot. Um solch ein Boot intern zu verkabeln, braucht er pro Platz etwa eine Stunde, für den Achter einen ganzen Arbeitstag. Pro Platz gibt es sieben Sensoren, mit fünf weiteren im Boot installierten Sensoren kommt man auf insgesamt knapp 60 – die allesamt einen riesigen Datensatz zusammenstellen.

Leistungssport, und damit auch der Deutschland-Achter, hat eine hochtechnologische Komponente, um die sich Dr. Stefan Weigelt verdient macht.

Leistungssport, und damit auch der Deutschland-Achter, hat eine hochtechnologische Komponente, um die sich Dr. Stefan Weigelt verdient macht. © Dr. Stefan Weigelt

Bei den Messbootfahrten begleitet Weigelt die Ruderer dann im Motorboot, kann auf dem Laptop live analysieren. Dafür hat er eigens eine Software und App entwickelt. Der Wahl-Schwerter kann hier ablesen, wie es beispielsweise um die wichtige Ruderlänge eines einzelnen Athleten steht.

Ein signifikantes Puzzleteil für den Erfolg

Seine technologische Arbeit visualisiert die Daten für die Trainer und optimiert seit 15 Jahren die Leistungen der Ruderer – ein signifikantes Puzzleteil für den Erfolg der Weltklasse-Athleten.

Momentan nutzt er seit vier Wochen die sonst selten üppigen Zeiträume, um seine Software daheim zu modernisieren und überarbeiten. „Dazu komme ich sonst nicht. Ansonsten hängen wir aber völlig in der Luft. Es ist wirklich merkwürdig, jetzt erst einmal kein Ziel zu haben, auf das man hinarbeiten kann. Das gibt es bei uns im Leistungssport eigentlich nie“, erzählt Weigelt, der in Sportwissenschaften promovierte und als Sportler erfolgreich Tischtennis und Ultralauf betrieb.

Prestige-Boot des Deutschen Ruderverbandes

Ein Olympiajahr und die Vorbereitung auf den weltweit wichtigsten Sportwettbewerb sind für die Teilnehmer immer mit einer Extra-Anstrengung verbunden. Vor allem für den Deutschland-Achter, das Prestige-Boot des Deutschen Ruderverbandes.

Die Arbeit der Sportwissenschaftlers Dr. Stefan Weigelt am Boot ist ein signifikantes Puzzleteil für den Erfolg des Deutschland-Achters.

Die Arbeit der Sportwissenschaftlers Dr. Stefan Weigelt am Boot ist ein signifikantes Puzzleteil für den Erfolg des Deutschland-Achters. © Dr. Stefan Weigelt

2012 in London holte er den Olympiasieg, 2016 in Rio de Janeiro die Silbermedaille. Seitdem folgten auf drei Europa- und zwei Weltmeisterschaften ausschließlich erste Plätze. „Wir waren in einer besonderen Vorbereitung, haben sehr viele Kilometer gemacht und sehr viel gemessen“, erklärt Stefan Weigelt, der bei den vorbereitenden Trainingslagern im Winter dreimal in Portugal und einmal in Italien selbst mit dabei war.

Mit jungen Menschen im Sport: „Ein Traumjob“

Der emsige Sportler Weigelt gibt zu, dass ihm zu Hause etwas die Decke auf dem Kopf falle. „Mein Job ist ja gerade so toll, weil ich mit jungen Menschen und im Sport arbeiten kann. Ein Traumjob.“ Das ist gerade nicht möglich.

Positiv ist allerdings in diesen Tagen die Nachricht, dass ein letztes Jahr von Dr. Weigelt zusammen mit der Technischen Universität Dortmund beantragtes Ruder-Forschungsprojekt vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft genehmigt wurde. Wenn die Boote eines Tages wieder über den Dortmund-Ems-Kanal rasen, dann im Rahmen dieses Projekts Strategien erforscht, wie die Analysedaten während der Messboot-Fahrten am besten an die Sportler vermittelt werden können, um bestmögliche positive Veränderungen bewirken zu können.

Bis dahin bleibt auch beim Deutschland-Achter und Stefan Weigelt noch vieles ungewiss. Nur eines steht schon jetzt fest: Der 31. Juli 2020 wird ein Freitag sein. In Villigst wird aber niemand einen Olympiasieg feiern können.

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