Wie der Lüner SV seine Jugendarbeit verbessern will: „Die letzten fünf Jahre wurden verschlafen“

dzInterview

Der Lüner SV will sich im Jugendbereich komplett neu aufstellen und Versäumtes aufholen. Die zentrale Person dabei ist der neue Jugendleiter Sebastian Burmann. Wir haben mit ihm über seine Pläne und Visionen beim LSV gesprochen.

von Carl Brose

Lünen

, 20.06.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Beim Lüner SV soll sich zur kommenden Saison einiges im Jugendbereich verändern. Der Verein hat ein neues Jugendkonzept vorgestellt und sich auch auf personeller Ebene neu aufgestellt. Die zentrale Figur des Umbruchs ist Sebastian Burmann. Im Januar 2020 wurde der 38-Jährige zum neuen Jugendleiter gewählt. Seit über 20 Jahren ist Burmann selber als Jugendtrainer aktiv.

Über den BV Lünen und den FC Merkur 07 fand er 2013 den Weg zum LSV. Nach mehreren Jahren als A-Jugendtrainer begann er ab 2017 den unteren Jugendbereich aufzubauen und eine G- und F-Jugend zu gründen. Nun will er auch die restliche Jugendabteilung des Vereins neugestalten. Wir haben mit ihm im Interview darüber gesprochen, welche Pläne er mit dem Lüner SV hat und warum der Verein bisher so viele Probleme in der Jugendarbeit hatte.

Sie haben im Januar den Posten als Jugendleiter beim Lüner SV übernommen. Nun sollen neue Strukturen in die Jugendarbeit etabliert werden. Wie sehen diese konkret aus?

Wir haben ein Jugendkonzept geschrieben, danach sollen alle im Verein, von den Minikickern bis zur D-Jugend, nach dem Trainingskonzept der Münchener Fußballschule trainieren. Das heißt, wir haben einen Lehrplan, wie in der Schule, und an diesen werden sich alle Trainer halten. Wir haben bei uns im Verein Auf und Abs beobachtet. Bei einem guten Trainer entwickeln sich die Kinder, wenn aber dann einer kommt, der sich nicht so gut auskennt, kommen die Kinder nicht mehr weiter und stagnieren in ihrer Entwicklung. Deswegen wollen wir einen gemeinsamen Standard in unsere Trainingsarbeit einführen, damit die Spieler alle auf einem selben Stand sind. Die Ausbildung der Kinder soll ganz klar im Vordergrund stehen. Langfristig wollen wir schon ab dem unteren Jugendbereich Spieler entwickeln, die irgendwann mal in der Westfalenliga spielen können.

Wenn dieser Plan nun für die unteren Jugendmannschaften vorgesehen ist, was ist für die C- bis A-Jugendlichen geplant?

Wir haben im Jugendbereich zwei neue Sportliche Leiter implementiert. Einen für den unteren Bereich G- bis D-Jugend und der andere für den oberen Bereich, also C- bis A-Jugend. Die geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand. Während der untere Jugendbereich nach dem neuen Konzept ausgebildet wird, stimmen sich die oberen Jugendmannschaften mit den Trainern der Seniorenmannschaften ab. Da hat auch Christian Hampel, der Trainer der ersten Mannschaft, konkrete Vorstellungen zur Ausbildung der Spieler geäußert. Denn unser langfristiges Ziel ist es, Spieler für die erste Mannschaft auszubilden.

Wir wollen auch die Hürde zur Westfalenliga-Mannschaft verringern. Wenn bei den A- oder B-Jugendlichen ein guter Spieler dabei ist, kann der jede Woche mindestens ein Mal bei der ersten Mannschaft zum Training kommen. Die Spieler sollen die Möglichkeit haben, dass sie direkt rein schnuppern können. Damit sie sehen, dass es nach dem A-Jugendbereich noch weiter geht bei uns.

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Aktuell spielen die B- und A-Jugendmannschaften in der Kreisliga. Von dort ist der Sprung in die Herren-Westfalenliga im Prinzip nicht möglich. Welche Pläne haben sie für diese Mannschaften?

Auf lange Sicht wollen wir auf jeden Fall mit diesen Mannschaften in höheren Ligen spielen. Das ist aber erst der langfristige Plan. Erst einmal müssen wir die Saat sähen und später können wir dann ernten. Zunächst liegt unser Fokus noch auf den Minikickern bis zu D-Jugend. Aus diesen wollen wir die Spieler entwickeln, mit denen wir in der B- und A-Jugend in höhere Ligen aufsteigen können. Wir wollen die Kinder langfristig bei uns halten.

Welche Auswirkungen hat das neue Konzept dann auf die konkrete Trainingsgestaltung?

Wir wollen bei uns im Verein neue Trainingsformen einarbeiten und diese für alle Mannschaften im Verein vorgeben, damit wir ein einheitliches Konzept haben. Wir wollen zum Beispiel das Spielprinzip FUNiño etablieren und zum Standard für unsere Abschlussspiele machen. Das ist eine Spielform, bei der im Drei-gegen-Drei gespielt wird. Das Ziel ist es, dass die Kinder viele Aktionen mit dem Ball haben und wir wieder mehr Straßenfußballer entwickeln, die auch mal einen Spieler aussteigen lassen können. Insgesamt soll das Training in allen Mannschaften im Verein aufeinander abgestimmt sein. Auch bei den Spielsystemen wollen wir einheitlich sein. Bis zur D-Jugend sind die Systeme klar vorgegeben. Ab der C-Jugend wird das dann mit dem Trainer der ersten Mannschaft abgesprochen, der hat da eine Vorgabe gegeben.

Gab es im Verein zuvor schon gemeinsame Absprachen für die Mannschaften im Jugendbereich?

Nein, das gab es bisher noch nicht. Jeder hat so trainiert, wie er wollte. Das war dann so, als wenn jeder im Internet seine Kochrezepte selber rausgesucht hat. Im Internet gibt es natürlich viele Rezepte, aber die passen nicht immer auf die Mannschaften. Deshalb setzen wir jetzt den Fokus darauf, dass wir einen kontinuierlichen Lehrplan haben. So kann ich dann als Trainer der E1 jederzeit Spieler aus der E2 hochholen, weil diese bereits wissen, was von ihnen erwartet wird.

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In den letzten Jahren hat der Lüner SV nicht durch gute Jugendarbeit überzeugt. Nur selten haben Spieler den Sprung in die Seniorenmannschaften geschafft. Was waren die Probleme in dieser Zeit?

Ich würde sagen, dass es wegen den alten Strukturen im Jugendbereich nicht wirklich gut lief. Jetzt haben wir neue Trainer, zwei vernünftige Sportliche Leiter und auch viele Ehrenämtler für unser neues Konzept gewinnen können. Ein zentrales Problem war, dass es beim Lüner SV lange Zeit keine Minikicker und F-Jugend gab. Ich habe diese Abteilung vor drei Jahren neu aufgebaut und seitdem kommt von unten auch etwas nach. Ansonsten hätten wir nach und nach gar keine Jugendmannschaften mehr stellen können.

Im unteren Bereich wird die Grundlage für den Rest gelegt. Die Breite in den unteren Jugendmannschaften ist unfassbar wichtig. Wenn man das verschläft, hat man am Ende auch in den oberen Mannschaften nichts. Dann musst du immer von extern die Spieler dazu holen und das wollen wir nicht. Wir wollen, dass der LSV wieder zu einem Aushängeschild in der Jugendarbeit wird.

Nachdem die neuen Strukturen zur kommenden Saison nun etabliert sind: Wie geht der Umbau in Zukunft dann weiter?

Für uns ist das Ganze auch noch neu. Nach einem Jahr werden wir intern zunächst eine kleine Überprüfung machen und dann gucken wir, ob und in welcher Weise wir uns verbessert haben. Falls sich unterwegs Fehler auftun, probieren wir an den Stellschrauben zu drehen. Wenn wir sagen, dass wir ein Jahr lang Vollgas geben und danach wieder nichts, wird das nicht funktionieren.

Wir wollen auch dafür sorgen, dass wir die Ausbildung unserer eigenen Trainer fördern, nicht nur der Spieler. Aktuell sind wir dabei, vorzubereiten, dass wir an unserem eigenen Platz die Ausbildung zur Trainer-C-Lizenz machen können. Wir wollen Trainer langfristig an uns binden und diese auch ausbilden. Langfristig ist es dann das Ziel, dass unsere Trainer alle eine bestimmte Lizenz haben.

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Haben Sie Sorge, dass Ihnen für das neue Konzept nicht genug Zeit gegeben wird?

Die Zeit ist grundsätzlich auf unserer Seite, wir haben nichts zu verlieren. Wir müssen jetzt nicht morgen in der Jugend-Bundesliga spielen. Wichtig ist, dass die Kinder Spaß haben und sich entwickeln und auch die Eltern richtig abgeholt werden. Denn auch denen müssen wir das neue Konzept vermitteln, sonst verlieren wir sie. Die letzten fünf Jahre, in denen die Jugendarbeit verschlafen wurde, können wir natürlich jetzt nicht einfach sofort wieder aufholen, aber irgendwann werden wir den Erfolg haben. Dafür nehmen wir uns die Zeit. Da wir das durchgehende Konzept vorher nicht hatten, wird es in den nächsten Jahren nicht einfach, Spieler aus der A-Jugend zu entwickeln, die direkt in der Westfalenliga spielen können. So schnell wird das nicht gehen, es sei denn, da ist eine richtige Granate dabei. Ansonsten ist aber auch die zweite Mannschaft in der Bezirksliga zunächst ein guter Anlaufpunkt.

In der vergangenen Saison schien die Jugendabteilung des Lüner SV teilweise in sich zusammenzufallen, unter anderem musste die D-Jugend aus dem Ligabetrieb zurückgezogen werden. Wie planen Sie für die kommende Spielzeit?

Wir werden wieder mehr Mannschaften melden. Es wird auch wieder eine D-Jugend geben, die wir in der letzten Saison zurückgezogen haben, weil das aus verschiedenen Gründen gar nicht lief. Da haben wir jetzt ein neues Trainerduo geholt. Wenn die Umstände dann gegeben sind, wollen wir langfristig auch noch mehr Jugend-Mannschaften aufbauen, wenn die Trainer und die nötigen Trainingsmöglichkeiten gegeben sind. In der E-Jugend werden wir auch in dieser Saison zum Beispiel schon zwei Mannschaften stellen.

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