Lionel Messi verkörpert ihn in Reinform. Mario Götze hat sich auf der Position ausprobiert. Der „falsche Neuner“ ist bei den Profis längst angekommen. Doch funktioniert er im Lokalfußball?

Lünen

, 11.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Für einen Großteil der Fußballszene gilt Lionel Messi vom FC Barcelona als bester Fußballspieler der Welt - und das schon seit vielen Jahren. Der Argentinier schießt Tore am Fließband, legt Treffer auf und sorgt mit seiner engen Ballführung für Angst und Schrecken beim Gegner. Messi ist aber kein klassischer Stürmer. Er ist kein bulliger Knipser, der durch seine Physis oder Kopfballstärke punktet. Messi ist ein knapp 1,70 Meter kleiner Wirbelwind, der sich manchmal tief ins Mittelfeld fallen lässt und mit seinen Läufen und Bewegungen Lücken in die Verteidigung reißt. Messi ist ein „falscher Neuner“.

Lücken in die Verteidigung reißen

Im Profifußball stellt diese moderne Position mittlerweile keine Ausnahme mehr dar: Ein Offensivmann, der sich auch mal ins Mittelfeld fallen lässt, um so Überzahlsituationen zu kreieren und um eben auch dafür zu sorgen, die Innenverteidigung der gegnerischen Mannschaft aus der Reserve zu locken. In der Bundesliga bekleideten in der Vergangenheit beispielsweise die beiden Dortmunder Marco Reus und Mario Götze diese Position.

Der Ursprung des falschen Neuners geht auf die 1950er-Jahre zurück. Der ehemalige ungarische Nationalspieler Nandor Hidegkuti gilt als Vorreiter dieser Spielform. Perfektioniert hat der Niederländer Johann Cruyff diesen Spielstil, den er auch beim FC Barcelona etabliert hat.

Im Profibereich funktioniert erfolgreicher und ansehnlicher Fußball mit dem falschen Neuner also schon ganz gut. Aber wie übertragbar ist diese Taktikform auf den Amateurfußball in Lünen? Gibt es Spieler und Trainer aus der Lippestadt, die damit Erfahrung gemacht haben? Ein Überblick.

So kompatibel ist der falsche Neuner mit dem Lüner Amateurfußball

LSV-Trainer Mario Plechaty ist kein Freund des falschen Neuners. © Patrick Schröer

Mario Plechaty, der bis Saisonende noch den Westfalenligisten Lüner SV trainiert, ist kein Freund dieser Variante. Für ihn sei die Position aus der Not geboren worden, als die deutsche Nationalmannschaft vor wenigen Jahren keinen klassischen Stürmer vorzuweisen hatte. „Ich spiele lieber mit einem richtigen Stürmer und dann mit einem Zehner dahinter“, sagt Plechaty und ergänzt: „Ein falscher Neuner muss sich zwischen den Ketten gut bewegen können und die Bälle behaupten.“

In seinem Team hat Plechaty dennoch einen Akteur, der nahezu perfekt in das Anforderungsprofil eines falschen Neuners passt und die Position jederzeit spielen könnte, wenn Plechaty von seiner Grundausrichtung abweicht: Mirza Basic. „Ich verstehe, warum Mario mich auf dieser Position sieht, weil ich mich im Sturm ganz vorne nicht so wohlfühle. Ich finde, es ist ein Unterschied, wenn man das Spielgeschehen etwas vor sich hat und nicht im Rücken. Das ist eher meine Stärke“, sagt Basic, der das Spiel des Stoßstürmers nicht zu seinen Lieblingsaufgaben zählt, sondern sich lieber etwas fallen lässt, um das Spiel mit aufzubauen - „wie ein Zehner oder ein falscher Neuner“, sagt Basic, der momentan noch überwiegend als Zehner oder hängende Spitze eingesetzt wird.

Der Dortmunder Taktikliebhaber Mark Elbracht, der als Spieler- und Mannschaftsscout die Online-Plattform „Amateurscout“ ins Leben gerufen hat, verbringt einen Großteil seines Wochenendes auf den Fußballplätzen der Region. Falsche Neuner sind ihm auch schon im Amateurfußball untergekommen - wenn auch eher selten. Und das hat einen speziellen Grund. „Das kommt punktuell bei spielstarken Stürmern zwar schon mal vor, liegt aber selten an der taktischen Ausrichtung des Trainers beziehungsweise der Mannschaft, sondern eher an der Lust des Stürmers, überall auf dem Platz, sich den Ball abholen zu wollen“, sagt Elbracht. Also ist es eine reine Willenssache, ob man ein falscher Neuner sein kann?

Hohe Spielintelligenz ist wichtig

Nicht unbedingt. Mark Elbracht schreibt einem kompletten falschen Neuner mehrere Attribute zu, die ihn auszeichnen: „Hohe Spielintelligenz, hohe Laufbereitschaft und die Fähigkeit, in einem dann verengtem Raum, Situationen (mit seinen Mitspielern) lösen zu können. Der Spieler braucht also ein extrem hohes Maß an fußballerischer Intelligenz“, sagt der Dortmunder.

So kompatibel ist der falsche Neuner mit dem Lüner Amateurfußball

„Ein falscher Neuner braucht ein extrem hohes Maß an fußballerischer Intelligenz“, sagt Mark Elbracht. © Stephan Schuetze

Jascha Keller, Coach des Bezirksligisten BV Brambauer, der in der Winterpause seinen klassischen Neuner Marvin Schuster an den Landesligisten Werner SC verloren hat, geht mit Elbracht konform. „Er muss dribbelstark sein, Zug zum Tor haben und ein hohes Maß an taktischem Verständnis mitbringen“, sagt Keller. Am ehesten könne Enrico Christal beim BV Brambauer diese Rolle einnehmen. Der ist aktuell allerdings verletzt.

So kompatibel ist der falsche Neuner mit dem Lüner Amateurfußball

BVB-Trainer Jascha Keller setzt lieber auf klassische Mittelstürmer. © Sebastian Reith

Grundsätzlich ist Keller aber auch eher Freund des typischen Mittelstürmers. „Wenn man davon einen richtig guten hat, dann würde ich nicht auf die falsche Neun zurückgreifen“, sagt der Brambaueraner, der mit Christian Wantoch von Rekowski und Marcel Bieber über zwei klassische Stürmer verfügt.

Die komplette Mannschaft muss diesen Stil denken

„Relativ oft kann man eine falsche Neun im 4-4-2-System sehen, wo es dann einen klassischen Stoßstürmer gibt, der offensiv Abwehrspieler beschäftigt und dazu einen flexiblen Stürmer, der sich oft fallen lässt, um eine Überzahlsituation im eigenen Mittelfeld herzustellen“, beschreibt Elbracht. Damit der Plan jedoch auch aufgeht, müsse das Team laut Elbracht als gesamte Mannschaft in diesem Stil denken. Es reiche nicht, wenn man nur einen Stürmer habe, der diese Rolle versteht. Fußballerische Spielintelligenz muss also beim gesamten Team gegeben sein.

So kompatibel ist der falsche Neuner mit dem Lüner Amateurfußball

Wethmars Trainer Andreas Przybilla hat in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit dem falschen Neuner gemacht. © Günther Goldstein

Ein Lüner Trainer hat in der Vergangenheit bereits positive Erfahrungen mit dem falschen Neuner gemacht. Während seiner Zeit beim ASC 09 Dortmund hat der aktuelle Coach des TuS Westfalia Wethmar, Andreas Przybilla, auf einen falschen Neuner zurückgegriffen. Danny Woidtke, der früher mal bei Borussia Dortmund und beim VfL Bochum II, aber auch beim Lüner SV gekickt hat, habe laut dem Wethmarer die Rolle gut ausgefüllt. „Für mich ist der falsche Neuner der moderne Zehner. Er ist halb Zehner und halb Stürmer“, sagt Przybilla, der aus Mangel an Personal in Wethmar (noch) nicht mit diesem System spielen lässt. Przybilla betont aber: „Wenn du so spielen möchtest, dann brauchst du auch gute Außenstürmer, die die Leute im Zentrum füttern.“

Das große Vorbild von Marvin Schuster, der wie erwähnt den BV Brambauer in Richtung Werne verlassen hat, heißt übrigens Lionel Messi. Dennoch verkörpert der baumlange Schuster sowohl beim Werner SC als auch damals beim BV Brambauer den klassischeren Stürmertyp.

„Für Tore und Vorlagen da“

„In erster Linie ist man als Stürmer für Tore und Vorlagen da. Das kann ich am besten, denke ich. Welche Rolle man im Spiel einnimmt, hängt aber auch von der Spielsituation ab. Mittlerweile hat man als Stürmer auch defensive Aufgaben“, sagt Schuster, der sich von Messi vor allem Laufwege mit und ohne den Ball abguckt.

So kompatibel ist der falsche Neuner mit dem Lüner Amateurfußball

Marvin Schuster, hier schon im Trikot des Werner SC, verkörpert eher den klassischen Neuner. Sein Vorbild bleibt aber Lionel Messi. © Günther Goldstein

Im Gegensatz zum klassischen Zehner, der im Lokalfußball vom Aussterben bedroht ist, bleibt der klassische Neuner, also jene Art Stürmer, die vorne die Bälle festmacht oder direkt im Tor unterbringt, weiterhin das Maß aller Dinge. Nichtsdestotrotz stellt die Position des falschen Neuners eine Alternative dar - auch für den Amateurfußball. Voraussetzung für Elbracht: „Es muss eben einfach ein verdammt fähiger Spieler sein, um dieses Element ins Spiel einzubauen.“

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