Markus Poczkaj ist ein Aussteiger. Für knapp anderthalb Jahre ließ der Bezirksliga-Fußballer des BV Brambauer sein Leben und Beruf hinter sich und bereiste fremde Kontinente. Ein Überblick.

Brambauer

, 13.04.2019 / Lesedauer: 6 min

Noch ist der Anblick etwas ungewohnt. Über ein Jahr war Markus Poczkaj nicht Teil des BV Brambauer. Doch da ist er wieder, sitzt auf den rot-orangefarbenen Sitzschalen in der Glückauf-Arena. In der Zwischenzeit lernte er deutlich aufregendere Orte kennen. Denn Markus Poczkaj ist ausgestiegen aus Beruf und Leben in Deutschland, reiste stattdessen durch Australien und Asien. RN-Mitarbeiter Timo Janisch führte mit dem 27-Jährigen ein Gespräch über Freiheit, Zwänge im Alltag und was ihm all das auf dem Fußballplatz bringt.


So langsam aber sicher setzt hier die Dämmerung ein. Wo ist der Sonnenuntergang denn schöner, Herr Poczkaj: in Australien oder in Deutschland?
Auf jeden Fall in Australien, weil du in Australien sehr oft nicht in der Stadt unterwegs bist, sondern auch auf dem Lande. Umso weniger Licht in der Umgebung ist, umso mehr Sterne sieht man. Gerade, wenn man am Meer übernachtet, dann schaut man einfach nach oben und sieht alles voller Sterne. Das Zweite ist, dass in Australien weniger Wolken zu sehen sind. Es ist dann einfach herrlich, nach oben zu schauen und die Sterne zu beobachten.

„Ich finde allerdings, dass die Menschen in Australien ein bisschen entspannter leben. Die sind nicht so gestresst. Wenn ich mal zu spät komme, finden die das nicht so schlimm.“

Sie wollten andere Kulturen kennenlernen. Was unterscheidet den australischen Lebensstil vom deutschen?

Gar nicht so viel. An sich sind das ähnlich gestrikte Menschen wir hier in Deutschland. Ich finde allerdings, dass die Menschen in Australien ein bisschen entspannter leben. Die sind nicht so gestresst. Wenn ich mal zu spät komme, finden die das nicht so schlimm. Ich habe aber auch die Aborigines kennengelernt. Bevor ich nach Australien geflogen bin, habe ich gedacht: Wie leben die Aborigines? Wahrscheinlich in den Wäldern und so weiter. Ich war dann aber geschockt, dass ich viele Aborigines getroffen habe, die eigentlich nur Obdachlose waren, die Drogen genommen und Alkohol getrunken haben und nichts gemacht haben.

Es muss die Frage erlaubt sein, wie eine so ausgiebige Reise finanziell möglich war?
Ich hatte vorher ja die Ausbildung gemacht. Im dritten Lehrjahr habe ich mir gesagt, dass ich das vorerst nicht mehr weitermachen will und habe dann angefangen zu sparen. Dann bin ich mit ein paar tausend Euro rüber. Dann habe ich gedacht: Okay, du sparst einiges noch in Australien, damit ich ein bisschen Geld auch wieder nach Deutschland nehmen kann. Du verdienst da sehr gut Geld und kannst sehr viel ansparen.

Wie lief zwischenzeitlich das Leben in Deutschland ab? Haben Sie Ihre Existenz hier aufgegeben?
Ich habe zuhause bei meinen Eltern gewohnt, deshalb war das kein Problem. Da bin ich jetzt auch wieder eingezogen.

Also war die Reise von Anfang an auf die Dauer von knapp anderthalb Jahren ausgelegt?
Nein, ich wusste nicht, wann ich zurückkomme. Ich habe gesagt: Wenn ich nach sechs Monaten keine Lust mehr habe, komme ich nach sechs Monaten zurück. Wenn nach einem Jahr, dann nach einem Jahr. Es gab kein festes Datum.

Markus Poczkaj hatte genug von Besserwissern und tristem Alltag

Unter dem Dach der Brambaueraner Glückauf-Arena trafen wir Markus Poczkaj zum Gespräch. © Foto: Janisch



Um Geld zu verdienen, haben Sie als Bauarbeiter und auf einer Zucchini-Farm gearbeitet. Welche Vorurteile hatten die Australier Ihnen gegenüber?

Die sagen immer, dass die Deutschen fleißig sind und sehr gute Ingenieure haben. Die loben die deutsche Arbeitsweise... beispielsweise die Marke Bosch. Die haben sie sehr geliebt, gerade als ich als Bauarbeiter gearbeitet habe. Mein Vorgesetzter hat sich viele Sachen aus Deutschland gekauft, weil er die Qualität sehr gut fand.

Sind Sie auch negativen Vorurteilen begegnet?

Klar. Die sagen immer, dass wir viel Bier trinken, und haben mich meistens nach dem Oktoberfest gefragt.

Sie sagten im Vorgespräch, dass Sie etwas Aufregendes erleben wollten. Ist der Alltag, gerade im Beruf, manchmal langweilig?

Wenn man hier sein ganzes Leben lebt, geht man von Montag bis Freitag arbeiten - was auch okay ist. Allerdings frag man sich: Wie ist die Lebensweise in anderen Ländern? Ist es genauso? Hat man nur am Wochenende Spaß? Triffst du dich auch in der Woche mit Freunden, trinkst mal ein Bier und gehst etwas später schlafen? Da lebst du viel entspannter und die Arbeit interessiert dich nicht so viel.

Wie kann man diesen Alltag durchbrechen? Haben Sie da aus Australien etwas mitgenommen?

Das Problem ist: Gerade als einzelner kann man hier in Deutschland nicht viel verändern. Man passt sich sehr schnell der Gesellschaft wieder an. Ob man jetzt in Asien oder Australien war, man passt sich wieder an. Allerdings habe ich mich in dem Gedanken verändert, dass ich mir gesagt habe: Ich lasse mir von niemandem mehr einreden, was gut oder was schlecht ist. Irgendwie weiß es jeder besser, kann es aber nicht besser. Jeder versucht dir irgendetwas zu erklären. Das habe ich am meisten gelernt in Australien. Wenn ich wieder zurück nach Deutschland komme, mache ich mein eigenes Ding. Wenn jemand damit nicht einverstanden ist, ist es sein Problem.

Zurück nach Australien. War die Sprache dort eine Barriere für Sie?

Ich war nicht sehr gut im Englischen. Ich habe mir gedacht, dass ich das vielleicht per Learning by Doing hinkriege. Das lief dann die ersten zwei bis drei Monate schleppend. Aber dann ging es ratzfatz und es war, als ob ich die Sprache schon länger gesprochen hätte.

Lassen Sie uns zum Fußball kommen. Sie sagten, Sie hätten in Australien die Freiheit gespürt. Ist die Freiheit etwas, das man auch auf dem Fußballplatz spürt?
Den Fußball habe ich sehr vermisst in Australien. Wenn man auf dem Platz steht und mit seinen Teamkollegen spielt, ist da keine Freiheit zu spüren, allerdings Spaß.

Kurzzeitig haben Sie allerdings auch in Australien die Fußballschuhe geschnürt.
Die Mannschaft hieß Altona City, das war in Melbourne. Ich habe da einen Monat gespielt, habe dann allerdings aufgehört, weil mich das genervt hat, nach der Arbeit Fußballspielen zu gehen und nicht mit meinen Freunden raus zu können, die ich neu kennengelernt habe. Allerdings finde ich es hier einfacher in den Alltag zurückzukommen, wenn man Fußball spielt.

Wie ist die Spielstärke von Drittligist Altona City in das deutsche Ligensystem einzuordnen?

Technisch begabt sind die dort nicht, die Spielweise ist eher aggressiver als hier in Deutschland. Ich glaube, das könnte man mit Westfalen- oder Landesliga vergleichen.

Können Sie aus der Reise etwas ziehen, was Sie auf dem Fußballplatz besser macht?
Auf jeden Fall. Dort war ja diese aggressive Haltung, auf dem Spielfeld und auch außerhalb. Manchmal kam ich hier nicht ins Spiel. Manche Spiele habe ich sehr gut bestritten und in manchen war ich einer der schlechtesten auf dem Platz. Dann habe ich mich immer gefragt: Warum komme ich nicht ins Spiel rein? Da habe ich gemerkt, dass mir die Aggression gefehlt hat. Das nehme ich mit, dass ich rauskomme aus mir.

Markus Poczkaj hatte genug von Besserwissern und tristem Alltag

Am 17. März feierte Poczkaj im Derby gegen Westfalia Wethmar sein Comeback für den BV Brambauer. Besonders bitter: Er betrat den Platz beim Stand von 2:0 für den BVB und ging noch als Verlierer vom Feld. © Foto: Janisch



Nach Australien haben Sie noch Indonesien, Thailand, Kambodscha und den Vietnam besichtigt. Was war für Sie das prägendste Erlebnis in diesen Ländern?
(Überlegt lange) Ich fand die Menschen sehr nett und sehr offen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich da so sicher fühle. Ich habe mich dort sicherer gefühlt als hier in Deutschland.

Was meinen Sie damit?

Also wenn du abends auf die Straße gehst und verschiedene Leute siehst, hast du manchmal so ein unwohles Gefühl. In Asien hatte ich das nicht. Es kamen Leute auf mich zu, die haben mit mir geredet, haben gefagt, wie es mir geht und woher ich komme. Es gab sogar einige Menschen, die ein Foto mit mir machen wollten. Ich wurde also komplett offen empfangen. Das fand ich herrlich.

Warum sollte sich jeder zu so einer Auszeit trauen, wie Sie es gemacht haben?
Man spricht mit vielen Menschen hier in Deutschland. Vielen macht ihr Job zwar Spaß, aber sie sind nicht glücklich, mit dem was sie machen. Sie leben, aber ohne wirklich zu leben. Deswegen denke ich, dass gerade so eine Auszeit einen Menschen auf andere Gedanken bringt, was man wirklich im Leben will. Meistens wird den Menschen vorgeschrieben, was sie machen sollen. Aber ob es einer wirklich machen will, wissen die meisten gar nicht.

Stichwort „was man wirklich im Leben will“. Haben Sie mittlerweile herausgefunden, ob Ihr erlernter Beruf der richtige für Sie ist?
Ich habe auf jeden Fall herausgefunden, dass es nicht der richtige Beruf ist.

Muss es überhaupt den einen richtigen Beruf geben?
Ich denke schon, dass es nicht den einen geben muss. Ich bin schon ein Typ, der sehr viel Abwechslung mag und nicht ständig eine Art von Beruf ausüben kann. Klar, wenn ich jetzt einen Beruf habe, bei dem ich viel unterwegs bin und auch viel reisen kann, das wäre ein Beruf, den ich mir wünsche.

Und wenn Sie trotzdem jemals wieder an eine Stelle kommen sollten, an der Sie unzufrieden sind, ist eine zweite Auszeit denkbar?
Auf jeden Fall. Eine Auszeit oder ich wechsel den Beruf.

Geht es dann wieder nach Australien oder braucht Markus Poczkaj eine ganz neue Erfahrung?
Ich könnte mir vorstellen, für ein paar Monate wieder in Australien zu leben. Ich würde dann aber gerne auch mal Amerika erkundigen.

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