Matthias Göke ist als Spieler des Lüner SV regelmäßig Vorwürfen und Vorurteilen ausgesetzt. Außerdem erzählt Göke, welche Strafe es gibt, wenn man bei Mario Plechaty zwei Mal in Serie zu spät zum Training kommt.

Lünen

, 10.05.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Auf dem Rasen der Kampfbahn Schwansbell sind keine Linien mit Kreide markiert. Lediglich ein paar Utensilien zur Platzpflege stehen auf dem Grün herum, dass durch die Corona-Krise deutlich satter geworden ist.

Außer der Dame und dem Herr, die hinter der Tribüne auf zwei Stühlen die frische Luft genießen, befindet sich niemand auf dem Gelände des größten und wichtigsten Lüner Fußballvereins. Niemand außer Matthias Göke, Fußballer der Westfalenliga-Mannschaft des Lüner SV.

Die Corona-Pandemie hat auch hier alles im Griff. In Schwansbell, wo sonst unter der Woche reger Trainingsbetrieb herrscht und man am Sonntag neben der Westfalenliga Seniorenfußball in der Bezirks- und den Kreisligen spielt, herrscht Stille.

Einzig die Vögel, die in den direkt ans Spielfeld angrenzenden Bäumen sitzen, zwitschern. Ab und an fährt ein Zug über die benachbarten Schienen.

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Normalerweise würde sich Göke an einem Montagnachmittag, an dem wir ihn treffen, gerade vom letzten Spiel erholen. Westfalenliga-Partien des LSV waren in der Saison, die nicht zu Ende gespielt werden wird, selten ein Leckerbissen.

Oft gingen die Rot-Weißen nicht als Sieger vom Platz vor den Augen der Zuschauer, die laut Göke ruhig mal wieder etwas zahlreicher erscheinen könnten.

Doch auch, als die Lüner häufiger gewonnen haben als vor dieser so verkorksten Saison, war das Spiel von Matthias Göke kein Leckerbissen.

Der 26-Jährige ist kein Schönspieler, sondern jemand, der dafür sorgt, dass die Öffnungszeiten des eigenen Abwehrzentrums für gegnerische Stürmer möglichst begrenzt sind.

Göke ist ein Mentalitätsspieler, das sagt er selbst. „Ich kann auch ein bisschen dreckig sein“, sagt er - nur um sofort klarzustellen, dass er in seiner ganzen Laufbahn erst zwei Mal vom Platz geflogen sei.

Matthias Göke ist einer der emotionalen Leader beim Lüner SV.

Matthias Göke ist einer der emotionalen Leader beim Lüner SV. © Timo Janisch

Göke ist laut auf dem Platz, versucht seine Mitspieler anzutreiben und zeigt sich auch als Defensivspieler torgefährlich. Als gutes Beispiel für einen Auszug seines Spielstils fällt ihm sofort das Westfalenliga-Spiel Anfang Dezember gegen den FC Lennestadt ein.

Mit 1:3 lag der LSV in Schwansbell zurück, war beinahe schon geschlagen. Dann kam Göke, der bei Rückstand auch gerne mal nach vorne beordert wird, und glich per Doppelpack in der 88. und 89. Minute aus.

„Es könnte sein“, scherzt Göke, dass es sich dabei um den schnellsten Doppelpack der Westfalenliga-Geschichte handelt.

Drei Treffer erzielte er in dieser Saison. Neben dem Doppelpack gegen Lennestadt gelang ihm Mitte September der zwischenzeitliche 1:1-Ausgleich bei Westfalia Wickede.

Als Lünens Nummer 23 in einer ähnlichen Szene kurz nach dem Treffer verzog, haderte Göke lautstark mit sich selbst. Am Ende verlor der LSV noch 1:3, Trainer Marc Woller schmiss am nächsten Tag hin.

Bald drei Jahre spielt er für den Verein mit dem Löwen auf der Brust. „Natürlich bekommt man Angebote von anderen Vereinen“, sagt Göke. Und ja, er könne sich auch vorstellen, für einen anderen Klub so emotional auf dem Spielfeld zu stehen. Doch bislang ist er dem LSV immer treu geblieben.

„Wir sind eine Familie hier beim Lüner SV. Es gibt ganz selten Stinkstiefel bei uns in der Mannschaft“, sagt Göke. Er habe ein freundschaftliches Verhältnis zu fast jedem im Verein, man unternehme auch außerhalb des Platzes viel miteinander.

„Ich denke, das gibt es in wenigen Vereinen“, so Göke, der in Oberaden wohnt und nach Schwansbell nur rund drei Kilometer fährt. Das sind allerdings alles Aussagen, die man oft gehört hat, wenn man sich mit Fußballern unterschiedlichster Vereine unterhält.

Am Geld, dass bei den Rot-Weißen in zumindest nicht ganz kleinen Mengen vorhanden sein soll, lege es jedenfalls nicht, dass Göke sich beim LSV so wohl fühlt.

Matthias Göke: „Es braucht auch kein Verein kommen und sagen, hier hast du 50 Euro mehr“

„Alle denken, dass die Spieler hier für Unsummen an Geld spielen. Das stimmt nicht, das ist ein großer Witz. Wir spielen immer noch Fußball, um Spaß an der Freude zu haben. Es braucht auch kein Verein kommen und sagen, hier hast du 50 Euro mehr“, sagt Göke. 2017 wechselte er vom FC Overberge nach Lünen.

Den erwähnten Spaß an der Freude, auf den müssen Göke und alle anderen Fußballer, denen es derzeit nicht „vergönnt“ ist, in Kleingruppen gegen das Leder zu treten, verzichten. Auch auf die Partys und gemütlichen Abende, die es beim LSV vor der Pandemie so häufig gegeben hat, müssen alle Beteiligten verzichten.

Natürlich wolle man als Fußballer so oft es geht auf dem Platz stehen - gerade, wenn dieser so gut gepflegt sei wie der Naturrasen am Schwansbeller Weg. Sein Blick wandert über das so strahlende Grün, die Tore sind hochgeklappt. „Aber im Vordergrund steht die Gesundheit der Menschen“, so Göke.

Göke hätte die Saison gerne zu Ende gespielt

14 Mal trug er in der Saison, bei deren Abbruch die Lüner noch mitten im Abstiegs- statt des erhofften Aufstiegskampfs steckten, das rot-weiße Trikot „Ich wäre ganz sicher, dass wir uns in den nächsten fünf, sechs Spielen deutlich abgesetzt hätten von unten“, sagt Göke.

Deshalb hätte er die Saison natürlich gerne zu Ende gespielt. Geht es nach ihm, wertet der FLVW zur Ermittlung der Aufsteiger die Hinrundentabelle.

Dass Göke jemand ist, dem es nicht weniger um die Gemeinschaft abseits als das Ergebnis auf dem Platz geht, ist total authentisch.

Im schlichten dunkelblauem Pullover und dunkelgrüner Cargo-Hose sitzt er unterhalb der Sprecherkabine auf den Holzbänken der Haupttribüne in Schwansbell, hat dazu eine Kette mit einem silbernen Kreuz um - beim LSV hat es schon ganz andere modische Kaliber gegeben.

Aber Göke ist ein simpler Typ, geht neben dem Fußball gerne angeln. Doch dass seine Passion der Fußball und dessen Gemeinschaft ist, merkt man, wenn er ausholt über Geschichten aus den Trainingslagern.

Im vergangenen Jahr, als Mario Plechaty noch Trainer der höchst spielenden Lüner Fußballer war, teilte sich Göke mit Namensvetter Matthias Drees ein Zimmer im Trainingslager.

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Plechaty ließ stets sehr früh trainieren. Um acht oder halb neun hätten die Lüner antreten müssen, erinnert sich Göke. Dass er die Uhrzeit nicht mehr ganz genau weiß, könnte daran gelegen haben, dass Göke und Drees verschliefen - natürlich als einzige.

Einen Sprint durchs Hotel und eine Entschuldigung vor der ganzen Mannschaft später stieg zumindest Drees dann doch ins Training ein. Göke laborierte damals an einer Schambeinentzündung. Das Duo habe natürlich gesagt, „dass es nicht wieder vorkommt“.

Natürlich. „Was wir nicht wussten: Mario hatte an diesem Abend einen Mannschaftsabend angesetzt“, so Göke. Man ahnt, was kommt. Selbstredend waren die beiden Kumpels auch am nächsten Morgen die beiden einzigen, die sich verspäteten. „Das war dann ein bisschen schwierig zu erklären“, grinst Göke.

Wieder in Lünen, organisierten Göke und Kapitän Drees zur Entschuldigung einen Grillabend für das gesamte Team.

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Drees und Plechaty sind es auch, denen Göke seinen durchaus erklärungsbedürftigen Spitznamen „Jürgen“ verdankt. Coach Plechaty rief die beiden Namensvetter stets beide „Matze“. Die beiden „Matzes“ wussten natürlich nie, wer gemeint war.

Als Neuzugäng Göke dann im Trainingslager in Willingen zum Einstand vor der Mannschaft singen musste, warf Drees den Namen „Jürgen“ in den Raum - warum, bleibt offen. Hinterfragt hat Göke es offenbar nie.

„Seitdem heiße ich Jürgen“, sagt er. Sogar die Dame, die uns das Tor zum Stadion geöffnet hat, nennt ihn so.

Für den Lüner SV hält Matthias Göke das Abwehrzentrum dicht.

Für den Lüner SV hält Matthias Göke das Abwehrzentrum dicht. © Nils Foltynowicz

Schenkt man Göke Glauben, wird sie noch dem einen oder anderen Top-Neuzugang das Tor zur Kampfbahn Schwansbell öffnen. Damit geht der Blick wieder in die Zukunft „Ihr könnt euch noch auf einige Überraschungen freuen. Es ist kein Tabu-Thema in Lünen, dass der Lüner SV eigentlich in die Oberliga gehört.“

Da ist es wieder, das Oberliga-Thema. Beim LSV tritt es nie in den Hintergrund. Eigentlich wollte man ja schon in der aktuell unterbrochenen Saison dorthin. Doch lange Zeit ging schief, was nur schiefgehen konnte. Aber, das war stets allen Beobachtern des Vereins bewusst, das Thema ist nur aufgeschoben. In zwei bis drei Jahren könne es etwas werden, so Göke.

Mit David Loheider haben die Lüner den ersten Hochkaräter geholt. Weitere sollen wohl folgen, deutet man Gökes Aussagen richtig. Schließlich sei der Lüner SV der größte Verein in Lünen und werde das auch in 20 Jahren noch sein. „Außer es kommt irgendein reicher Investor aus Katar“, scherzt Göke.

Mit Arroganz, die dem LSV in Lünen gerne und häufig unterstellt wird, habe das nichts zu tun. Diese Vorwürfe kämen aus längst vergangenen Zeiten, als die Lüner tatsächlich noch in der Oberliga spielten.

Damals hat Göke als Kind übrigens ebenfalls schon seine Sonntage in Schwansbell verbracht. Von den Bäumen hinter der Stadionumzäunung aus hat er die Spiele verfolgt.

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