Coronavirus: Sportpsychologe sieht in der langen Pause Gefahren und Chancen für die Sportler

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Die heimischen Sportler müssen wegen der Coronavirus-Pandemie eine langfristige Pause einlegen. Wie reagiert die Psyche darauf? Wir haben einen Sportpsychologen gefragt - der sieht sogar Vorteile.

Lünen

, 18.03.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Coronavirus zwingt die Sportler aus der Lippestadt zu einer langfristigen Sportpause. Der Spielbetrieb ruht in allen Sportarten mindestens bis Mitte April. Zudem hat das Land Nordrhein Westfalen am Montagabend weitere Maßnahmen ergriffen, um gegen das Coronavirus aktiv vorzugehen. Die neuen Maßnahmen betreffen erneut die Sportlandschaft - auch in Lünen.

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„Ab Dienstag sind Zusammenkünfte in Sportvereinen und sonstigen Sport- und Freizeiteinrichtungen sowie die Wahrnehmung von Angeboten in Volkshochschulen, Musikschulen und sonstigen öffentlichen und privaten Bildungseinrichtungen im außerschulischen Bereich nicht mehr gestattet“, schrieb die Landesregierung am Sonntag in einer Mitteilung. Das heißt konkret, dass seit Dienstag auch der Trainingsbetrieb der Sportler bis auf Weiteres eingestellt wurde. Das ist ein Einschnitt für viele Aktive, die regelmäßig und mehrmals pro Woche im Kreis ihrer Mannschaft trainiert und gespielt haben. Bewegung und Gemeinschaft fallen in dieser Form also vorläufig weg. Konkret: Manchen Sportlern bricht auf Zeit eine Art Lebensmittelpunkt weg.

Dr. René Paasch sieht in der Sportpause auch eine Chance für die Aktiven.

Dr. René Paasch sieht in der Sportpause auch eine Chance für die Aktiven. © René Paasch

Nur: Was macht diese lange Pause mit der Psyche eines Sportlers, der es gewohnt ist, regelmäßig mit seinen Mannschaftskollegen auf dem Platz zu stehen? Entwickeln sich beim Sportler Anpassungsstörungen? Wie lange benötigt ein Mensch, um neue Gewohnheiten anzunehmen? Und welche Alternativen gibt es in der aktuellen Phase überhaupt für die Sportler? Dr. René Paasch ist Psychologe beziehungsweise Sportpsychologe aus Essen und arbeitet auch für die Plattform „Die Sportpsychologen“. Zu seinen Referenzen zählen unter anderem psychologische Beratungen beim VfL Bochum (Talentwerk und Profis), bei der SGS Essen (Allianz Frauen-Bundesliga), beim Handball-Bundesligisten Bayer Leverkusen oder bei verschiedenen Profiboxern. Paasch ist also Experte auf diesem Gebiet. In Zeiten des Coronavirus bleibt er trotz der herrschenden Krise optimistisch.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das ist unbestritten. Der Trainings- und Spielbetrieb ist für viele Sportler zu einer genau solchen Gewohnheit und Routine geworden. Viele Sportler schätzen in einem Verein die Gemeinschaft und die Möglichkeit, sich mit anderen Sportlern zu bewegen, zu messen und zu duellieren. Paasch geht daher davon aus, dass die verordnete Pause im Sportverein schwierig für Sportler werden könne. „Für die Sportler ist diese Phase natürlich eine große Herausforderung, sie müssen nun kognitiv sehr viel leisten und nach Alternativen suchen“, sagt er.

Besinnung auf sich und Familie

Und was kann das sein? „Das heißt, ich besinne mich auf mich und meine Familie, reflektiere und stelle mir Fragen wie: ‚Bin ich mit mir zufrieden? Muss ich etwas verändern?‘. Die Menschen schaffen dadurch ein anderes Bewusstsein“, so Paasch. Dabei könne es während der Beschäftigung und Reflexion mit sich selbst auch zu traurigen Phasen kommen - zum Beispiel bei der Verarbeitung von Schicksalsschlägen.

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Dass es nur durch längere Sportpausen jedoch zwangsläufig zu Anpassungsstörungen oder Depressionen kommt, verneint der Psychologe. Solche Störungen seien sehr komplexer Natur. „Da spielt nicht nur eine Variable eine Rolle“, sagt Paasch, der als eine weitere Variable die Genetik eines Menschen nennt.

Selbstreflexion ist wichtig

Für die Sportler heißt es nun demzufolge, nach Alternativen zu suchen. Dass Selbstreflexion nicht automatisch den gemeinschaftlichen Sportbetrieb ersetzen wird, ist auch Paasch klar: „Wenn man von Natur aus sportlich aktiv und sportaffin ist, wird der Drang groß sein, sich zu bewegen“, sagt Paasch. Der Sportpsychologe betont allerdings, dass sich auch zuhause in den eigenen vier Wänden Möglichkeiten finden lassen, um mit der Partnerin/mit dem Partner oder der Familie Sport zu treiben. So könne man dem Bewegungsdrang gerecht werden und gleichzeitig etwas für den Gemeinschaftssinn tun.

Ganz grob gesagt: Man muss also an seinen Gewohnheiten und Routinen schrauben und sich neuen Wegen und Möglichkeiten, die diese Pause bietet, öffnen. Das kann allerdings dauern. Ein Richtwert besagt, dass ein Mensch etwa 66 Tage benötigt, um eine Gewohnheit zu verändern, wobei Paasch direkt betont, dass man diesen Wert nicht pauschalisieren dürfe. Mehrere Faktoren wie unter anderem innere Einstellung und Willensstärke sind für eine Veränderung von Gewohnheiten entscheidend.

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„Gewohnheiten sind der Fingerabdruck des Charakters“, sagt Dr. René Paasch und führt an, dass er in der aktuellen Coronakrise auch eine Chance sieht. „In der Krise kann ein Zauber stecken. Wir können ein besseres Bewusstsein für uns bekommen und uns mehr mit uns selbst beschäftigen“, sagt der Psychologe. So könne sich jeder Mensch aktuell fragen, ob er eventuell fremdgesteuert ist und ob er mit der Gesellschaft glücklich ist. Der Mensch habe nun Zeit, neue Wege zu gehen und andere Dinge auszuprobieren. Natürlich besteht so auch die Möglichkeit, dass ein Sportler eine neue Leidenschaft für sich findet, die ihn vielleicht noch mehr erfüllt, als seine bisherigen (sportlichen) Hobbys.

Auch, wenn das Coronavirus viele Probleme und Krisen für die Menschen in Deutschland mit sich bringt, bleibt Dr. René Paasch optimistisch und hofft, dass die Gesellschaft gestärkt aus der Krise herausgeht. „Sport und große Events sind jetzt nicht mehr relevant. Es geht um uns als Gesellschaft. Mir ist wichtig, dass jetzt alle zusammenhalten“, sagt Paasch, der zuletzt den Eindruck hatte, dass viele Menschen - auch auf den Sportplätzen - unausgeglichen seien und sich gegenseitig nicht gut behandeln.

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Fußballer, Handballer, Wasserballer und Co. haben in Zeiten des Coronavirus also jetzt die Möglichkeit, ihren Fokus einmal von ihrer liebsten Sportart ein Stück weit abzuwenden und sich neuen Wegen mit all ihren Chancen und Möglichkeiten zu eröffnen - zumindest ein kleiner Trost in einer schwierigen Phase für diese Gesellschaft.

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