„Der Verband macht für die Attraktivität zu wenig“ - Immer weniger Frauen spielen Fußball

dzFrauenfußball im Kreis Recklinghausen

Auch im Kreis Recklinghausen werden es immer weniger Fußballspielerinnen. Der zuständige Frauenfußball-Koordinator Ludwig Schulte-Huxel gibt dem Verband eine deutliche Mitschuld am Rückgang.

Flaesheim

, 20.04.2019 / Lesedauer: 5 min

In ganz Deutschland kämpft der Frauenfußball seit Jahren gegen einen deutlich spürbaren Rückgang. Nachdem die Zahl der fußballspielenden Frauen lange Zeit stetig stieg, geht es seit zehn Jahren wieder abwärts. Eine Entwicklung, die auch im Kreis Recklinghausen zu spüren ist.

Laut einer vom DFB in Auftrag gegebenen Studie sinkt die Zahl der Frauen, die regelmäßig Fußball spielen seit zehn Jahren. Während es 2008 noch sieben Prozent der Befragten waren, sank die Zahl in den darauffolgenden Jahren erst auf sechs (2013) und dann im vergangenen Jahr auf fünf Prozent.

Momentan gibt es im Kreis Recklinghausen eine Frauenliga mit zwölf Mannschaften. Unter diesen Teams gebe es allerdings „vier bis fünf Vereine, die etwas mehr zu kämpfen haben, eine Mannschaft mit drei bis vier Ersatzspielerinnen aufzustellen“, erzählt Ludwig Schulte-Huxel, der Koordinator für Frauenfußball im Kreis Recklinghausen. Er sieht die Lage ebenfalls als „aktuell etwas problematisch“ an.

50 Mannschaften weniger als ein Jahr zuvor

Besonders gravierend ist der Rückgang der 14- bis 19-Jährigen. Auch hier sinkt der Anteil der fußballspielenden Frauen seit 2008 - allerdings deutlich stärker. In den letzten zehn Jahren verringerte sich der Anteil von 33 auf 18 Prozent. Vor allem dieser Rückgang macht sich im Kreis Recklinghausen deutlich bemerkbar.

Gab es 2017 noch 627 gemeldete Juniorinnen-Teams beim Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW), waren es im vergangenen Jahr nur noch 577. Kein einziger Verein hat eine A-Jugend-Mannschaft. Auch Concordia Flaesheim - der einzige Verein in Haltern mit einer Frauenfußballabteilung - ist da keine Ausnahme. Doch damit haben sich die Flaesheimer schon lange arrangiert.

„Das kennen wir ja nicht anders“, sagt Flaesheims Jugendleiterin Heike Heimsoth. Auch Ludwig Schulte-Huxel erinnert sich nicht an einen U19-Spielbetrieb. „Es kann sein, dass es nie eine A-Jugend-Liga gab“, sagt er.

Mit 16 Jahren zu den Seniorinnen oder aufhören

Daher haben die jungen Spielerinnen nach der B-Jugend nur die Möglichkeit, in die Frauenmannschaft zu wechseln, wenn sie auch weiterhin Fußball spielen wollen. Natürlich sei der Schritt von der B-Jugend in die erste oder zweite Frauenmannschaft ein „riesen Sprung“, sagt Heike Heimsoth, doch das Problem gibt es nicht nur in Flaesheim. Denn „alle Vereine sind davon betroffen“.

Das Ziel des Vereins, so erklärt Flaesheims Jugendleiterin, sei es, „jedes Jahr ein paar Spielerinnen an die Frauen heranzuführen“. Dass viele jedoch nach der B-Jugend das Fußballspielen ganz an den Nagel hängen, hat für sie mehrere Gründe. „Das Abitur, der erste Freund oder ein Wechsel in einen sozialen Beruf“ gehören zu den häufigsten, erzählt sie. Gerade letzteres bereitet den Flaesheimerinnen immer wieder Probleme.

Großer Kader nötig

Denn soziale Berufe sind bei den Spielerinnen von Concordia Flaesheim „stark vertreten“. Ein Berufsfeld, in dem es häufig Schichtdienste gibt. Daher „braucht man einen riesen Kader und einen geduldigen Trainer“, erklärt Heike Heimsoth. Denn berufsbedingt komme es regelmäßig zu Ausfällen und „ständig anderen Kadern“ am Spieltag. Ein Kader mit mindestens zwanzig Spielerinnen sei nötig, um am Wochenende mit zumindest drei Ersatzspielerinnen antreten zu können, sagt auch Ludwig Schulte-Huxel.

Hoffnung macht Heike Heimsoth aber die baldige Rückkehr vom Abitur nach zwölf Jahren zum Abitur nach dreizehn Jahren. Durch das zusätzliche Schuljahr und die geringeren Unterrichtsstunden der Spielerinnen, „hoffen wir, dass es Entlastung gibt“, die es wieder mehr jungen Frauen ermöglicht, dem Verein auch nach der B-Jugend erhalten zu bleiben.

Frauenfußball-Koordinator fordert Zuschuss für Auswärtsfahrten

Der Staffelleiter des Kreises Recklinghausen sieht allerdings noch ein weiteres Problem, warum es immer schwerer wird, junge Frauen langfristig an die Vereine zu binden. „Der Verband macht für die Attraktivität zu wenig“, sagt er. Als Beispiel nennt er die B-Jugend des SSV Rhade. Diese erreichte beim DFB Futsal-Cup für B-Juniorinnen vor einigen Wochen den sechsten Platz. Damit waren sie die erfolgreichste Mannschaft aus ganz Nordrhein-Westfalen - noch vor dem Titelverteidiger 1. FC Köln. Für Ludwig Schulte-Huxel, der auch beim SSV Rhade tätig ist, „der größte Erfolg des Vereins“.

Doch die Belohnung für die viele Mühe war kaum nennenswert. „Es gab eine Urkunde und einen Ball“, erzählt er. „Das ist bestimmt nicht attraktiv. Da muss ein Umdenken gemäß des Aufwands und der Sportlichkeit her.“ Als weiteres Beispiel nennt er die fehlenden Aufwandsentschädigungen. Pro Saison komme es schon mal zu „über 1000 Kilometern an Fahrten für die Mädchen“, erklärt er mit Blick auf die Auswärtsspiele der B-Juniorinnen. Er fordert daher zumindest einen Zuschuss vom Verband „ab 50 oder 70 Kilometern“.

Bei Concordia Flaesheim sind alle Altersklassen abgedeckt

Der Verband ziert sich allerdings noch und ist „überhaupt nicht unterstützungsfreudig“. Und dabei ist den Verantwortlichen des FLVW bewusst, dass es einen deutlichen Rückgang im Frauenfußball gibt. „Der Verband weiß, dass die WM 2011 nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat“, sagt Schulte-Huxel. Von der Fußball-WM der Frauen im eigenen Land hatten sich die einzelnen Verbände und der DFB damals eine Steigerung des Interesses für Frauenfußball erhofft.

In Flaesheim ist man mit der Situation der Frauenfußballabteilung aber noch zufrieden. Vor allem bei den jüngeren Teams „können wir uns momentan nicht beschweren“, sagt Heike Heimsoth. Aktuell gibt es im Verein fünf Jugendmannschaften - von der U9 bis zur U17 sind alle Altersklassen abgedeckt. „Wir sind noch gut bestückt“, erklärt sie. Ein Zustand, der jedoch nicht auf alle Vereine im Kreis Recklinghausen zutrifft. „Vielleicht die Hälfte der Vereine“ hat eine B-Jugend, sagt Ludwig Schulte-Huxel. Was die C-Jugenden angeht, sehe es ähnlich aus.

Ein Grund dafür, dass Flaesheim aktuell jedes Jugendteam besetzt hat, ist für Heike Heimsoth das große Engagement des Vereins, auch weiterhin junge Mädchen für Fußball zu begeistern. „Wir engagieren uns viel.“ Unter anderem veranstaltet der Verein einmal im Jahr den „Tag des Mädchenfußballs“ und nimmt regelmäßig in Zusammenarbeit mit den Halterner Schulen am Tag des Sports teil.

„Frauen kriegen Kinder und hören auf“

Ein notwendiges Engagement, betont Heike Heimsoth. Denn es ist „kein Selbstläufer“, neue junge Spielerinnen anzulocken und langfristig zu halten. „Man muss schon was tun“, erklärt sie. Und wenn es dem Verein gelingt, junge Talente in den Verein zu integrieren und auszubilden, kommt noch ein weiteres Problem hinzu.

„Alle, die gut spielen, werden abgeworben.“ Mit der Zeit habe der Verein schon „so viele ausgebildet“, erinnert sie sich. Doch sobald eine Spielerinnen besonders gut spielt, kommen Vereine wie der Regionalligist VfL Bochum oder der aktuelle Tabellendritte der Frauen-Bundesliga SGS Essen, um sie zu verpflichten.

Auch die beiden Frauenmannschaften der Flaesheimer müssen immer wieder Abgänge von Spielerinnen, die mit dem Fußballspielen aufhören, verkraften. Und das auch öfter als die Herrenteams. Doch das hat für Heike Heimsoth einen einfachen Grund. „Frauen kriegen Kinder und hören auf - Männer nicht“, erklärt sie. Einige würden zwar später zurückkehren, doch dies sei eben auch eher die Ausnahme, so Flaesheims Jugendleiterin.

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