Die letzte Aktion eines Spiels. Der Ball muss nur noch über die Linie oder das Netz. Im Kopf beginnt es zu arbeiten. „Was, wenn ich es nicht schaffe?“ Und damit beginnt das Dilemma.

Dortmund

, 26.09.2018, 14:53 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der TV Hörde vergab am Wochenende zahlreiche Matchbälle. Ihren Spielern hätten „die Hände gezittert“, sagte Trainerin „Teee“ Slacanin. Auch andere Sportler stehen häufig vor Big-Point-Situationen. Daniel Otto hat mit Dr. Jens Kleinert, Professor für Sportpsychologie von der Deutschen Sporthochschule in Köln, über Maßnahmen gesprochen, die in solchen Momenten helfen.


Jeder Sportler kennt das, wenn es in einem Spiel auf die entscheidende Phase zugeht und man von draußen hört: „In seiner Haut möchte ich jetzt nicht stecken.“ Gibt es eine psychologische Erklärung für das, was in solchen Momenten mit einem passiert?

Das ist sportpsychologisch natürlich ein sehr bekannter und oft vorkommender Fall. In dem Augenblick, wo viel auf dem Spiel steht, gibt es letztlich zwei Möglichkeiten. Ich denke an die Folgen oder Konsequenzen oder ich denke daran, wie ich die Situation am besten löse.


Wie macht das ein idealtypischer Sportler?

Auch ein erfahrender Spieler denkt vielleicht kurz bei einem Matchball: „Oh, das ist jetzt der entscheidende Ball.“ Aber er kann dann seine Gedanken von diesem Punkt weglenken hin zum optimalen Aufschlag. Das heißt: Er oder sie blendet die Konsequenzen aus und konzentriert sich nur noch darauf, wo er den Ball hinsetzt, wie er ihn spielt, mit welchem Effet. Das heißt: Er schafft es, seine Konzentration auf das Hier und Jetzt zu legen. Das sind die guten Spieler in solchen Situationen.


Und wie sollte man es auf gar keinen Fall machen?

Das schlechteste ist, wenn man an die Konsequenzen denkt und dann auch noch daran, was man verlieren kann. Das heißt: Man denkt: Um Gottes Willen, du darfst jetzt den Ball nicht verschlagen, weil sonst ist die Chance weg.

Wenn der Kopf ins Spiel kommt: Sportpsychologe erklärt, wie man mit Druck umgeht

Am Ende blieb nur die Gratulation für den Gegner: Die ersten beiden Saisonspiele verlor der TV Hörde nach fünf Sätzen. © Nils Foltynowicz

Gibt es einen Mittelweg?

Ja, wenn man an die Konsequenzen denkt, kann man ja auch sagen: „Hey super, wenn ich den Ball jetzt richtig lege, dann haben wir gewonnen.“ Dann ist das zwar auch nicht der optimale Gedanke, weil er ja auch auf die Konsequenz geht, aber er ist zumindest positiv.


Was bringen Sie Athleten bei?

Wenn wir mit Athleten arbeiten, die in solchen Big-Point-Momenten Probleme haben, bringen wir ihnen bei, über Selbstbefehle, zum Beispiel Stoppbefehle, bestimmte Gedanken abzustellen und andere Gedanken anzustellen. Das heißt: Die sprechen dann kurz mit sich selbst. Das geht blitzschnell. Wir bringen ihnen außerdem bei, dann die optimale Lösung der Aufgabe zu fokussieren.


Also gibt es psychologische Techniken, um sich vorher auf solche Situationen vorzubereiten?

Ja, sicher und wenn Sie richtig gut sind, dann koppeln Sie Konsequenzgedanken und Lösungsgedanken. Das heißt: Sie denken kurz an das, was Sie gewinnen können, weil Sie sich darauf freuen. Sie sagen: „Hey super, das ist der Matchball, gleich gewinnen wir!“ Und dann sagen Sie sich: „Stopp! Jetzt volle Konzentration auf die richtige Handlung!“ Dann sind sie sofort wieder bei der Art und Weise, wie sie den Aufschlag machen.


Fußballtrainer sagen: Die Drucksituation bei einem Elfmeterschießen kann man nicht trainieren. Stimmt das also gar nicht?

Sagen wir mal so: Man kann im Training die Situation und die psychischen Belastungen nur schwer simulieren, weil sie so speziell und immens sind, dass man sie nur schlecht nachahmen kann. Man kann aber die Strategie, also die Denktechnik trainieren, die Sie in solchen Situationen anwenden können. Sie können also das richtige Denken in der Situation üben. Zum Beispiel können Sie zwar lauten Krach machen, der ein johlendes Publikum darstellen soll, aber jeder weiß dann natürlich, dass das nicht echt ist. Aber trotzdem können Sie in dieser halbechten Situation üben, wie Sie ihre Gedanken lenken. Und wenn sie es in der Trainingssituation sehr gut hinbekommen, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass sie es auch in der Echtsituation schaffen.

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Drucksituationen wie Elfmeterschießen, hier bei der U17-EM zwischen England und den Niederlanden, lassen sich nur schwer simulieren. © dpa

Können Sie ein Beispiel für eine Trainingsform nennen?

Eine Simulationsform von Drucksituationen ist das sogenannte „Nicht-Wiederholbarkeitstraining“. Im Training kann ich ja eigentlich zehn oder 20 Elfmeter schießen. Aber ein wichtiger Faktor im Spiel in solchen Situationen ist, dass man so eine Chance eben nur einmal bekommt. Manche Athleten stresst diese Nichtwiederholbarkeit. Solche Situationen kann man ein Stück weit nachahmen. Man kann also im Training Situationen schaffen, bei denen jemand nur eine Chance hat. Wenn er die nicht nutzt, gibt es negative Konsequenzen, also ein Strafrunde oder er muss vor den anderen erklären, wie das passiert ist, je nachdem wie der Trainer meint Druck ausüben zu können.


Auch im täglichen Training?

Im Prinzip ja, aber man sollte solche Übungen eher in Absprache mit einem Sportpsychologen machen. Denn nicht jeder kann ohne weiteres sportpsychologisch arbeiten. Aber es gibt schon ein paar psychologische Trainingsformen, die sich auch eine Trainerin oder ein Trainer aneignen kann. Nicht-Wiederholbarkeitstraining und die richtige Gedankenarbeit gehört dazu. In den Trainerlehrgängen wird das teilweise vermittelt.


Es gibt ja Leute, die tangieren solche Situationen gar nicht. Sind die dann einfach dümmer, weil sie die Konsequenzen gar nicht sehen oder wie ist das zu erklären?

Erstmals stimmt das gar nicht, dass die gar nichts denken. Die Spieler denken schon daran, wie sie den Ball in dem Moment schießen. Nehmen wir mal Lukas Podolski, der hat immer gesagt: „Ich hab da einfach draufgeschossen.“ Ja, aber er hat sich das natürlich trotzdem überlegt, wie er da jetzt draufschießt. Er hatte eine Strategie, hat aber nicht über die Konsequenzen nachgedacht. Und das meinen diese Spieler, wenn sie sagen: Ich habe an gar nichts gedacht. Das ist genau das Richtige. Das ist die Kunst, die manche Spieler von Natur aus mitbringen, also den Fokus im hier und jetzt zu haben.


Gibt es einen Unterschied zwischen Mannschafts- und Einzelsport?

Der Negativgedanke kann im Mannschaftssport natürlich noch schlimmer werden. Wenn man also ohnehin schon negativ denkt und dann kommt eine Mannschaft im Hinterkopf dazu, die man aus seiner Sicht dann mit reinzieht. Solche sozialen Faktoren können Emotionen extrem verstärken. Also Zuschauer, Mitspieler, Trainer: „Wie reagiert der, wenn ich den jetzt nicht reinmache?“ Das heißt: Alle sozialen Umstände erhöhen die Emotionen und Emotionen werden immer dann stark, wenn sie an die Konsequenzen denken. Sie merken: Es ist ein Teufelskreis. Also müssen sie lernen, davon wegzukommen.


Würden Sie Amateursportlern raten, einen Sportpsychologen aufzusuchen, wenn solche Situationen häufiger passieren? Oder wenn der eigentlich als Spaß gedachte Sport zur Belastung wird?

Sportpsychologie ist ja heute glücklicherweise weitgehend schon so akzeptiert, dass man damit früher anfangen sollte und nicht erst, wenn man durch ständige Misserfolge frustriert ist oder sogar depressiv reagiert. Man sollte also relativ früh, wenn man merkt, dass man mit solchen Big-Point-Situationen nicht umgehen kann, sportpsychologische Techniken lernen, damit man weiß, wie man reagieren muss. Man sollte eben nicht warten, bis die Negativerlebnisse zu einer wirklichen psychischen Bedrohung werden.

Zur Person
Prof. Dr. Jens Kleinert ist Dipl.-Sportlehrer, Arzt und leitet das Psychologische Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln und dort die Abt. Gesundheit und Sozialpsychologie. Für einen Einstieg in die Sportpsychologie empfiehlt der Experte zwei Sachbücher. Einmal „Psychologie im Sport“ von Sigurd Baumann (Taschenbuch, 28,00 Euro, ISBN 3840376017), zudem „Erfolgreiches Teamcoaching“ von Lothar Linz (Taschenbuch, 18,95 Euro, ISBN 3898998584).
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