In Freiburg steht ein Ex-Jugendtrainer des SC Freiburg und des Karlsruher SC wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht. Wir haben mit drei Verantwortlichen darüber gesprochen, wie Borussia Dortmund das Thema angeht.

Dortmund

, 04.07.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 9 min

Wegen jahrelangen sexuellen Missbrauchs steht seit Kurzem ein früherer Juniorentrainer vor dem Landgericht Freiburg. Der 31-Jährige, der unter anderem beim SC Freiburg und dem Karlsruher SC angestellt war, soll sich laut Staatsanwaltschaft in mindestens 21 Fällen an Kindern vergangen haben, in den Jahren 2007 bis 2018.

Dass sich Fußballvereine zwingend mit dem Thema der sexualisierten Gewalt auseinandersetzen sollten, unterstreicht dieses (neuerliche) Beispiel. Borussia Dortmund besitzt seit dem vergangenen Jahr ein Schutzkonzept - und will damit sowohl den Kindern und Jugendlichen als auch den Angestellten des Vereins helfen.

Wie es entstanden ist, wo noch Nachholbedarf besteht und warum sich der Klub erst vergleichsweise spät damit beschäftigt hat, erklären drei Vereinsvertreter im Interview mit dieser Redaktion.

Zum einen ist da Matthias Röben, seinerseits Pädagogischer Leiter im Nachwuchsleistungszentrum des Bundesligisten. Vanessa Heim arbeitet als Trainerin in der Fußballakademie – und stieß das Thema im vergangenen Jahr an. Daniel Lörcher, der frühere Fanbeauftragte, fungiert inzwischen als Leiter der Abteilung Corporate Responsibility. Er komplettiert die Runde.

Anfang des vergangenen Jahres hat Borussia Dortmund begonnen, intensiver über den Kinderschutz nachzudenken und ein Konzept zu erarbeiten. Warum?

Heim: Weil das Thema einfach wichtig ist. Und weil wir in unseren Abteilungen – ob in der Fußballakademie, den Nachwuchsleistungszentren, dem KidsClub, der Handball- und Tischtennis-Abteilung oder im Integrationssport – viele Kinder und junge Erwachsene betreuen. Bei der Geschäftsführung haben wir damit offene Türen eingelaufen. Im Mai 2019 wurde das Konzept verabschiedet.

Lörcher: Als BVB nehmen wir am gesellschaftlichen Diskurs teil. Das Thema der sexualisierten Gewalt wird in der Gesellschaft diskutiert, also ist es auch bei uns angekommen. Innerhalb der Belegschaft wie auch in der Geschäftsführung gibt es eine hohe Motivation, diese Themen anzugehen.

Muss sich der Verein selbstkritisch vorwerfen, zuvor zu träge in Bezug auf professionellen Kinderschutz gewesen zu sein? Das Problem existiert nicht erst seit dem vergangenen Jahr.

Lörcher: Rückwärtsgewandt zu schauen, was versäumt wurde, finde ich immer etwas schwierig. Das sollten wir nur tun, um zu analysieren, was wir besser machen können. Unser Ansatz ist, nach vorne zu schauen und zu gucken, was getan werden muss, um sich in dem Themenkomplex gut und richtig zu verhalten.

Röben: Wir wollen das Konzept nicht nur in der Schublade haben, wir wollen es in die Tat umsetzen. Das Thema soll im Bewusstsein jedes einzelnen Mitarbeiters platziert werden. Und wir wollen auch die Eltern mit ins Boot holen. Zu diesem Zweck ist es natürlich gut, dass wir die Unterstützung des gesamten Vereins haben, so können wir interdisziplinär – also Abteilungsübergreifend – arbeiten.

Gab es oder gibt es Vorbehalte innerhalb der Dortmunder Belegschaft gegen das Engagement in diesem Bereich?

Röben: Nein, Vorbehalte gab und gibt es nicht. Ich glaube aber, dass es ganz allgemein eine große Unsicherheit gibt. Wie nähere ich mich am besten dem Thema der sexualisierten Gewalt? Wie gehe ich am besten damit um? Das sind keine einfachen Fragen. Außerdem schwankt das richtige Verhalten zwischen zwei Polen: Einerseits müssen Anschuldigungen, wenn sie denn aufkommen würden, sehr ernst genommen werden. Auf der anderen Seite muss man sehr vorsichtig sein, weil die Anschuldigungen ganz weitreichende Konsequenzen haben können. Da ist jeder erst mal unsicher. Das ist auch, vollkommen normal. Wir hatten eine Fortbildung, da haben manche Kollegen gesagt: ‚Ich weiß jetzt gar nicht, wie ich mit dieser und jener Situation umgehen soll.‘ Da gilt es zuzuhören – und Fragen zu klären.

Heim: Was darf ich noch? Was darf ich nicht? Das wurden wir – ganz grob gesprochen – gefragt. Wir haben die Verhaltensleitlinie daraufhin gemeinsam erarbeitet. Wir haben zusammen nachgedacht, haben uns gegenseitig zugehört.

Lörcher: Ich denke, es ist eine Frage der Ansprache. Wenn wir einfach ein Schutzkonzept implementiert und den Eindruck erweckt hätten, dass darüber oder über die eigene Unsicherheit nicht gesprochen werden darf, wäre das total kontraproduktiv gewesen. Ein Ziel dieser Maßnahmen ist es doch auch, mehr Sicherheit für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schaffen. Sie sollen mit dem Thema professionell umgehen, sie sollen es verstanden haben, sollen das Gefühl haben, sich Hilfe bei Kollegen holen zu können. Neben der reinen Wissensvermittlung ging es deshalb darum, zu sensibilisieren und ein offenes Klima zu schaffen.

Daniel Lörcher ist beim BVB Leiter der Abteilung Corporate Responsibility, früher war Lörcher Fanbeauftragter.

Daniel Lörcher ist beim BVB Leiter der Abteilung Corporate Responsibility, früher war Lörcher Fanbeauftragter. © BVB/Jens Volke

Wie haben Sie das Thema Kinder- und Jugendschutz dann nach und nach beim BVB implementiert?

Lörcher: Ein Aspekt ist mir sehr wichtig. Oftmals heißt es: ‚Der BVB kann das, er hat die Ressourcen. Was mache ich denn als kleiner Verein? Wie kann ich damit umgehen?‘ Richtig ist aber, dass auch wir uns Hilfe von außen geholt haben. Wir haben angefangen uns zu informieren und haben uns externe Expertise geholt. Wir haben den Landessportbund NRW kontaktiert – und haben mit anderen Partnern gesprochen, welche Schritte denn eigentlich wichtig sind. Das würde ich als Grundlage definieren, als wichtigen ersten Schritt.

Heim: Wir sind also auf Mandy Owczarzak (Fachberaterin des Qualitätsbündnis zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, Anm. d. Red.) zugegangen, haben mehrmals mit ihr über unseren Plan gesprochen. Dann stand ein Gespräch mit der Geschäftsführung an, dort haben wir uns das Okay geholt. Wir haben Workshops organisiert, um die Erwartungen der verschiedenen Abteilungen einzuholen. Was erwartet überhaupt der KidsClub? Was erwartet das NLZ (Nachwuchsleistungszentrum, Anm. d. Red.)? Wir haben abgeklärt, was in einem Schutzkonzept stehen muss. Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich das vorher nicht genau wusste. Der nächste Schritt war es, eine Risikoanalyse für die verschiedenen Abteilungen zu erstellen. Und als wir diese Arbeit geschafft hatten, war es an den jeweiligen Abteilungen, eine angefertigte Vorlage des Schutzkonzepts zu ergänzen. Danach standen die Schulungen an.

Wer wurde da geschult?

Heim: Zwei Verantwortliche aus den einzelnen Abteilungen wurden zu Ansprechpersonen geschult. Außerdem gab es große Informationsschulungen im NLZ, da wurden alle Trainer, Betreuer, Physiotherapeuten und Verantwortlichen geschult. Die Festangestellten in der Evonik-Fußballakademie haben ebenfalls an Informationsschulungen teilgenommen. Außerdem sind die Handball- und Tischtennis-Abteilung nicht zu vergessen, ebenso wie die Integrationssport-Abteilung. Insgesamt haben wir echt Tempo auf die Straße gebracht, wenn man das so sagen will. Das hat viel Zeit gekostet, aber es hat sich gelohnt.

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Sind das einmalige Seminare gewesen – und damit war es das jetzt?

Lörcher: Ich will kein Ankündigungsweltmeister sein. Ganz klar ist aber, dass wir langfristig arbeiten – und die guten Pläne nicht irgendwo verstauben.

Heim: Wir haben bereits mit der Personalabteilung gesprochen. Jeder, der beim BVB angestellt wird, muss die Schulungen durchlaufen. Alle zwei Jahre werden sie aufgefrischt.

Röben: Es ist ein Thema, das im Bewusstsein verankert werden muss. Von daher ist es notwendig, nachhaltig in diesem Bereich zu arbeiten. Im NLZ wollen wir außerdem die Eltern mit einbeziehen. Auch gegenüber ihnen werden wir das Thema sexualisierte Gewalt ansprechen. Wir möchten einen Gesprächsraum bieten. Ich glaube nämlich, dass die Eltern viele Fragen zur sexualisierten Gewalt haben. Viele Missbrauchsfälle wurden schließlich in den vergangenen Jahren in den Medien thematisiert.

Gab es bei Borussia Dortmund jemals die Situation, dass sich Eltern, Kinder oder Jugendliche über einen Vereinsmitarbeiter und sein vermeintlich unangemessenes Verhalten beschwert haben?

Röben: Nein. Meiner Kenntnis nach nicht.

Matthias Röben ist Pädagogischer Leiter im Nachwuchsleistungszentrum von Borussia Dortmund.

Matthias Röben ist Pädagogischer Leiter im Nachwuchsleistungszentrum von Borussia Dortmund. © BVB/Jens Volke

Sie können natürlich nicht garantieren, dass das so bleibt. Wie würden Sie sich in einem solchen Fall verhalten wollen?

Röben: Es gibt da ein Spannungsfeld. Zum einen müssen Meldungen immer ernst genommen werden, ihnen muss nachgegangen werden. Zum anderen aber muss all das sehr diskret und vertrauensvoll behandelt werden. Die Ansprechpersonen in der jeweiligen Abteilung sollten kontaktiert werden, daraufhin sollten sich diese an echtes Fachpersonal wenden – und die weiteren Schritte besprechen. Im Zuge der Entrüstung dürfte mit Sicherheit keine Eigeninitiative gestartet werden. Es muss bedacht und nach Plan gehandelt werden.

Heim: Wir haben mit Fachberatungsstellen gesprochen. Die würden mit uns in einem solchen Fall kooperieren. Wir persönlich sind selbstverständlich nicht so gut ausgebildet wie die dort arbeitenden Personen, wir könnten möglichen Opfern nicht die Hilfe anbieten, die sie benötigen.

Lörcher: Der Opferschutz stünde im Fall der Fälle an oberster Stelle, das muss klar sein.

Heim: Wir müssten dann mit dem Betroffenen sprechen. Wir könnten nicht einfach mal zu Lars Ricken laufen, ohne es mit dem Betroffenen abgesprochen zu haben. Der Betroffene selbst könnte entscheiden. Wenn er es nicht wollte, würden wir das berücksichtigen – und uns ganz diskret beispielsweise an den Kinderschutzbund wenden. Wir müssten ganz individuell entscheiden. In jeder Abteilung gibt es dafür speziell zusammengestellte Krisenteams, bestehend aus den zwei Ansprechpartnern, der Abteilungsleitung und einer externen Person.

Vanessa Heim arbeitet als Trainerin in der Fußballakademie.

Vanessa Heim arbeitet als Trainerin in der Fußballakademie. © BVB/Jens Volke

Welche Voraussetzungen müssen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei der Borussia erfüllen, um gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen arbeiten zu dürfen?

Heim: Natürlich müssen sie ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, das muss sauber sein. Alle zwei Jahre muss dem Verein ein neues präsentiert werden. Im Vorstellungsgespräch wird thematisiert, dass wir ein Schutzkonzept haben, dass es einen Ehrenkodex gibt. Diesen wird er spätestens bei der Vertragsunterschrift unterzeichnen, ebenso wie die Verhaltensleitlinien.

Röben: Das ist dann der erste Schritt. Erst unterschreiben die Mitarbeiter, das ist eine Grundvoraussetzung. Dann muss es aber auch so gelebt und ausgeführt werden.

Heim: Wir möchten eine Kultur der Achtsamkeit schaffen. Jeder muss geschult sein – und sollte einen Blick für dieses Thema entwickeln.

Hat sich beim BVB mal ein Trainer oder ein Betreuer beworben, der Ihnen ein Führungszeugnis mit Makeln vorgelegt hat – und den Sie deshalb abweisen mussten?

Lörcher: Das ist mir nicht bekannt.

Im Fußballsport bestehen ja wegen der Körperlichkeit sowohl spezifische Gelegenheiten für sexualisierte Gewalt als auch schwer einzuschätzende Grauzonen. Welcher Körperkontakt ist in Ordnung, welcher grenzüberschreitend? Wie nah darf ein Trainer seinem Spieler kommen?

Röben: Zu bestimmen, wie nah ein Trainer einem Spieler kommen darf, also dreißig oder zwanzig Zentimeter – das ist nicht zu beantworten, das wird nicht funktionieren. Ich glaube, es ist wichtig, jeden einzelnen Spieler stark zu machen. Die Jungs sollen aufeinander achten, sie sollen dazu ermutigt werden, ihren Mund aufzumachen, wenn sie etwas nicht möchten. Wir haben mit den Trainern viele Situationen besprochen. Fotos von Schwimmbadaktivitäten oder Nahaufnahmen von Kindern sind beispielsweise generell nicht erlaubt. Und wenn Einzelgespräche stattfinden, soll die Kabinentür offen stehen. Das sind zwei Beispiele.

Anm. d. Red.: Die beschlossenen Verhaltensrichtlinien umfassen einige Aspekte. An dieser Stelle wollen wir ein paar davon exemplarisch auflisten: Unter anderem stellt der BVB klar, dass „geplante Einzeltrainings (…) grundsätzlich nur nach Vereinbarung mit den Eltern stattfinden“ dürfen. Dabei müssten jederzeit „Kontroll- und Zugangsmöglichkeiten für Dritte“ gewährleistet sein. Komme es ungeplant zu der Situation, „dass nur ein Kind zum Training erscheint, kontaktieren wir die Eltern, um das weitere Vorgehen zu besprechen“.
Um die Privatsphäre der Kinder und Jugendlichen angemessen zu schützen, verpflichteten sich die Trainer außerdem „zu einer klaren Trennung von Vereinstätigkeit und eigenem Privatleben. Übernachtungen beim Trainer, private Treffen oder vergleichbare Aktivitäten sind ein Verstoß gegen die Leitlinien des Schutzkonzeptes und haben mindestens arbeitsrechtliche Konsequenzen zur Folge“.
Ebenso klar ist das Verbot, gemeinsam mit den Kindern zu duschen. Während des Duschens in die Kabine zu kommen, sei prinzipiell zu vermeiden. Sollte es aber mal notwendig sein, müsse dies „nach Vorankündigung“ erfolgen. Fahrten „zu Spielen, Turnieren und Trainingslagern mit Übernachtungen“, so steht es in den NLZ-Leitlinien, müssten mit „mindestens zwei Betreuern“ stattfinden. „Übernachten die Spieler bei Gastfamilien, so haben diese im Vorfeld eine BVB-Kinderschutzerklärung auszufüllen.“

Heim: Nicht zu vergessen ist auch, dass es im Fußball Hilfestellungen gibt, zum Beispiel bei der Fußhaltung. Bevor wir also – zum Beispiel – den Fuß vom Kind berühren, müssen wir nachfragen, ob wir es überhaupt dürfen. Es ist nicht so, dass wir die Kinder einfach anfassen dürfen. Wir müssen vorher nachfragen, müssen insgesamt gut aufeinander achten.

Wenn ein Kind zuhause nicht den Spinat essen will, geht ihm ein „Nein“ wohl eher leicht über die Lippen. Wenn die Situation ungleich komplexer ist und sich das Kind unwohl fühlt, bedarf es womöglich deutlich mehr Überwindung, um etwas zu verneinen. Wie ist die dafür nötige Stärke zu fördern?

Röben: Ich kann auch hier wieder Beispiele nennen. Zu Saisonbeginn führen wir mit den Mannschaften Teambuilding-Maßnahmen durch, um das Gemeinschaftsgefühl gezielt zu fördern und die Jungs in Situationen zu bringen, in denen sie Eigenverantwortung und Verantwortung für die Gruppe praktizieren müssen. Wir nutzen gezielt erlebnispädagogische Maßnahmen (Segeln auf Plattbodenschiffen, Räuberwanderungen im Wald). Wir sorgen dafür, dass sie aus dem normalen Alltag herausgerissen werden, sie sollen Resilienz entwickeln, neue Probleme lösen. Damit kann ich auch die Meinungsbildung stärken. Außerdem ermutigen wir die Jungs, sich zu engagieren, aktiv zu werden, zum Beispiel als Klassensprecher. Das alles spielt sich auf einer anderen Ebene ab, es kann allerdings den Weg ebnen, um auf anderer Ebene „Nein“ zu sagen.

Hat der BVB diese rote Linie mit der Einführung des Schutzkonzepts neu oder eher dicker und damit klarer gezogen?

Lörcher: Sie wurde klarer gezogen, glaube ich. Vor den Schulungen hatten wir ein anderes Verständnis von der Thematik als nachher. Ein Beispiel aus einem anderen Bereich: Der BVB veranstaltet ja auch Bildungsreisen für Fans. Wenn wir dann beispielsweise nach Auschwitz gereist sind, um uns die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau anzuschauen, gab es immer die Möglichkeit, mit uns zu sprechen. Wir haben dann gesagt: ‚Das ist unsere Zimmernummer. Wir sind jederzeit für Euch ansprechbar.‘ Das war einzig und allein gut gemeint, letztlich aber ganz bestimmt nicht optimal. Wir haben uns und den Fan damit unwissend in eine komische Situation gebracht. Jetzt treffen wir uns nur noch im Freien oder in offenen Räumen mit den Teilnehmenden, da kann man sich ebenfalls unter vier Augen unterhalten. Diese Entwicklung ist auch auf den Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu beziehen. Es bestand immer eine rote Linie, die nicht grob falsch war. Jetzt haben wir sie aber weiterentwickelt – und mithilfe des Schutzkonzepts und der Verhaltensleitlinien klar fixiert.

Nun ist die sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen ein extrem breites Feld. Nicht nur Vorgesetzte könnten zu Tätern werden, sondern auch Kadermitglieder. Die „vorhandene Männlichkeitskultur im Fußballsport“ könne innerhalb eines Teams „zu spezifischen Hierarchien und starken Konkurrenzen führen“, schreibt die Deutsche Sporthochschule in Köln. In solchen hierarchischen Gruppen würden „mitunter Praktiken und Rituale um sich greifen, die Einzelne stark beschämen und traumatisieren“ könnten. Dazu zählten auch „sexualisierte Witze, Imponiergehabe und Demütigungen in Dusch- und Umkleidesituationen“. Halten Sie diesen Hinweis für übertrieben – oder sinnig?

Röben: Übertrieben finde ich ihn ganz sicher nicht. Überall dort, wo Menschen in einer Gruppe zusammentreffen, bilden sich Hierarchien. Die Frage ist, ob diese Hierarchie missbraucht werden. Das wäre vollkommen zu verurteilen.

Findet sich dazu etwas im Schutzkonzept – oder wurde das mit den Trainern besprochen?

Röben: Eher Letzteres. Für Trainer ist es immer wichtig herauszufinden, wie die Hierarchie innerhalb einer Mannschaft aufgebaut ist. Dafür gibt es verschiedene Methoden: Er kann zum Beispiel jeden einzelnen Spieler aufschreiben lassen, mit welchen drei Teamkollegen er am liebsten zusammenspielt. Die Zettel verschwinden eine Woche bei den Trainern. Und die Trainer erhalten dann ein authentisches Bild der aktuellen Mannschaftsstruktur. Er kann darauf reagieren und Maßnahmen einleiten.

An wen können sich die Kinder und Jugendlichen wenden, wenn ihnen etwas nicht behagt?

Röben: Der Trainer ist natürlich ein wichtiger Ansprechpartner, aber es gibt auch ein großes Netzwerk von Personen drum herum. Also Betreuer, Athletiktrainer, etc., im Jugendhaus können sie mit der Leitung Julia Porath oder Max Diers sprechen; sie können mit unserem Nachwuchs-Psychologen sprechen; die Jungs können außerdem auf mich zukommen. Wichtig ist, dass wir alle glaubwürdig sind, dass wir präsent sind und ansprechbar sein. Die Jungs müssen wissen, dass sie uns vertrauen können.

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Wenn sich ein Kind oder ein Jugendlicher gegenüber Ihnen äußern würde, wie würden Sie dann verfahren?

Röben: Es gilt immer den Schilderungen der Betroffenen zuzuhören und ihnen Glauben zu schenken. Ich werde die Zusage geben, dass alle weiteren Schritte in Absprache mit der betroffenen Person erfolgen. Ich gebe keine Versprechungen, die ich nicht halten kann. Bei einem Verdacht strafrechtlichen Handelns würde ich mir und würde sich der Verein die Beratung beim KinderSchutzBund holen. Zusammen mit unserem Krisenteam würden wir dann vereinsinterne Maßnahmen einleiten.

Jetzt ist dieses Schutzkonzept seit knapp über einem Jahr aktiv, aber es ist noch nicht in der Satzung fixiert. Warum nicht?

Lörcher: Im vergangenen Jahr war es einfach zu kurzfristig. Es muss letztlich durch die Mitglieder entschieden werden. Gerade stellt sich noch die Frage, ob in diesem Jahr überhaupt eine Mitgliederversammlung stattfinden kann. Das soll keine Schutzbehauptung sein, nichts in diese Richtung zu unternehmen. Dass es ab diesem November in der Satzung steht, können wir aber einfach noch nicht zusagen.

Was fehlt dem BVB noch, um dem Qualitätsbündnis zum Schutz vor sexualisierter Gewalt anzugehören?

Lörcher: Ganz zentral ist, dass die Satzungsänderung fehlt. Wir wollen unbedingt in dieses Bündnis, weil wir es sehr, sehr wichtig finden. Wir können Expertise abgeben, wir können Expertise erhalten – Netzwerkarbeit ist für uns von großer Bedeutung. Außerdem können wir anderen Vereinen ein Vorbild sein, wenn wir dem Bündnis angehören. Wobei wir selbstverständlich nicht vergessen dürfen: Wir haben diesen gesamten Prozess gerade erst gestartet. Das Engagement gegen sexualisierte Gewalt ist ein Dauerthema. Und wir sind noch am Anfang.

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