Warum sich die KTV Dortmund freiwillig gegen die Bundesliga entschied

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Die Turnerinnen der KTV Dortmund schafften in der vergangenen Saison den Aufstieg in die höchste deutsche Spielklasse. Heute turnen die Mädchen von Jutta Horn aber „nur“ in der Oberliga.

Dortmund

, 11.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Der Jubel war grenzenlos im November 2018. Turnerin Kira Budde und ihre Teamkolleginnen lagen sich mit Freudentränen jubelnd in den Armen, Trainerin Jutta Horn stand immer noch fassungslos, aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht daneben. Den Mädchen der Kunstturnvereinigung Dortmund war das gelungen, wovon tausende Sportler in ganz Deutschland und Millionen auf der ganzen Welt träumen - sie waren gerade in die höchste nationale Liga aufgestiegen. Ein neuer Dortmunder Verein in der Bundesliga - aber es sollte anders kommen.

Kira Budde hat vor kurzem den ersten Liga-Wettkampf in der neuen Saison bestritten - in der Oberliga. Sie hat nicht etwa den Verein gewechselt, sie trägt auf ihrem Trainingsanzug immer noch das Emblem der KTV Dortmund auf der Brust. Ihre Trainerin an der Matte ist auch immer noch Jutta Horn. Was war passiert?

Warum sich die KTV Dortmund freiwillig gegen die Bundesliga entschied

Das Zweitliga-Meister-Team von 2018: (v.l.) Betreuer Mike Graff, Theresa Geyer, Janine Woeste, die Chemnitzer Gastturnerinnen Lisa Schöniger und Jasmin Haase sowie Kira Budde, Maila Rüter und Trainerin Jutta Horn. © KTV Dortmund

Nach dem historischen Erfolg im November - die seit 1986 bestehende KTV hatte noch nie den Bundesliga-Aufstieg geschafft - und der Nominierung zu Dortmunds Mannschaft des Jahres, schlich sich bei den Mädels von Jutta Horn neben einer Menge Euphorie auch noch ein anderes Gefühl dazu: „Die Mädchen hatten eine, ich sage mal, respektvolle Sorge.“ Was die Dortmunderin damit meint: In der Bundesliga wären ihre jungen Schützlinge im Wettkampf auch auf Nationalmannschafts-Turnerinnen getroffen. Die Angst, gegen die zu scheitern, ist natürlich groß.

Und noch etwas anderes sprach gegen den Aufstieg: Theresa Geyer, die stärkste der Dortmunder Turnerinnen, ist in dieser Saison im Leistungszentrum im Chemnitz, wäre also nicht mehr mit den KTV-Mädels angetreten. Zudem wollten zwei weitere Mädels, eine davon ist Kira Budde, etwas kürzer treten. Die 17-Jährige macht gerade ihr Abitur, will danach aber wieder „mehr trainieren und die Mannschaft bestmöglich unterstützen.“ Das hätte zu Beginn der Saison aber trotzdem drei Leistungsträger weniger bedeutet. „Wir hätten unseren Kader dann ständig mit Gastturnerinnen von außerhalb füllen müssen, um mithalten zu können“, sagt Jutta Horn.

Im Video Theresa Geyer beim Wettkampf in der 2. Bundesliga vergangene Saison. Hier trat sie noch für die KTV an. Mittlerweile turnt die Dortmunderin in Chemnitz.

Das ist zwar in der Vergangenheit auch schonmal vorgekommen - die KTV hatte sogar mal eine französische Gastturnerin - sollte aber nicht die Regel sein. Denn was der KTV am wichtigsten ist: lokale Sportler. „Wir standen immer dafür, Dortmunder Turnerinnen zu haben“, sagt Jutta Horn, die selbst mit fünf Jahren mit dem Turnen anfing.

„Zu viele Gastturnerinnen wären einfach das falsche Signal“, sagt auch Manfred Hagedorn, Sportwart der KTV und Vorsitzender des Westfälischen Turnerbundes. Finanziell wäre der Aufstieg auch nicht ohne Weiteres zu stemmen gewesen, erklärt Hagedorn „Die Hallensituation in Dortmund hätte es außerdem schwierig gemacht, Wettkämpfe auf diesem Niveau auszurichten.“

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Aber trotz allen Argumenten, die gegen die Bundesliga sprachen - zu einem Aufstieg in die höchste nationale Liga sagt ein Sportler nunmal nicht so einfach nein. Trainer, Vorstand und Turnerinnen überlegten, diskutierten und wägten ab. Nicht eine Woche, nicht einen Monat - bis zum Februar ließ sich die KTV Zeit, die wohl schwerste Entscheidung der Vereinsgeschichte zu treffen.

„Das ist uns super schwer gefallen“, sagt Turnerin Kira Budde, die mit ihren Teamkolleginnen das ganze Jahr für den Aufstieg trainiert hatte - unglaubliche fünf Mal die Woche, drei Stunden pro Tag. „Sicher tat das weh“, sagt Trainerin Jutta Horn. „Wenn man mal bei Bundesliga-Wettkämpfen zuschaut - das ist schon toll mit den vielen Zuschauern, da wird viel mehr Tam tam gemacht.“ Auch Sportwart Manfred Hagedorn gibt zu, dass die Entscheidung gegen die Bundesliga „im Sinne des Leistungssports unglücklich“ ist.

Warum sich die KTV Dortmund freiwillig gegen die Bundesliga entschied

Die junge Alice Martin (Jahrgang 2003) zeigte beim Oberliga-Wettkampf in kamen einen perfekten Seitwärtssalto auf dem Schwebebalken. © KTV

Aber die KTV hat sich - wenn auch schweren Herzens - für einen Neuanfang in der Oberliga entschieden, für einen „Generationswechsel“, wie Manfred Hagedorn sagt. Warum aber so ein radikaler Schritt von der 2. Bundesliga in die Oberliga? Das liegt am Regelwerk: Nimmt ein Team den Aufstieg nicht an, muss es praktisch „ganz von vorne anfangen“, so Hagedorn.

Das sei aber ganz im Sinne des geplanten Neustarts. Der Westfälische Turnerbund kümmere sich gerade intensiv um eine Zusammenarbeit der Dortmunder Turner mit denen in Bergisch Gladbach, um in NRW ein konkurrenzfähiges Leistungszentrum aufzubauen. Zur Zeit gibt es davon in Deutschland nämlich nur drei - in Stuttgart, Berlin und Chemnitz, wo bekanntlich nun auch Theresa Geyer ihre Salti dreht.

KTV Dortmund setzt auf den Nachwuchs

In zwei, drei Jahren soll die Kooperation mit Bergisch Gladbach perfektioniert sein und die jungen jetzt 11-jährigen Turnerinnen aus Dortmund an das entsprechende Leistungsniveau herangeführt worden sein. Passend dazu soll die Sporthalle an der Kreuzstraße bis dahin renoviert werden. „Wir stehen da mit der Sportverwaltung der Stadt Dortmund in engem Kontakt, so Hagedorn. Das alles hört sich nach einem gut durchdachten Plan für die Zukunft an - und lässt die Entscheidung gegen die Bundesliga plötzlich logisch klingen.

Beim ersten Oberliga-Wettkampf in Kamen hat sich die KTV übrigens auf Platz eins geturnt, der Grundstein für eine erneut erfolgreiche Saison ist also gelegt. Auch für den Aufstiegswettkampf in die Regionalliga in der zweiten Jahreshälfte sind die Dortmunder Mädels schon gemeldet.

„Wir wollen den Aufstieg in die Regionalliga schaffen und danach den in die 3. Bundesliga und so weiter. Dafür bauen wir jetzt nach und nach die ganz jungen Mädels auf“, erklärt KTV-Trainerin Jutta Horn. Und wer weiß - in ein paar Jahren steht dann vielleicht wieder der Aufstieg in die höchste deutsche Liga an. Und vielleicht wagt die KTV ja dann den Schritt nach ganz oben.

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