Waldlauf adé: So machen sich Dortmunds Amateurfußballer fit für die neue Saison

Fußball

Zahlen, Daten, Fakten - und Spielspaß: Die Zeit der Schleifer ist vorbei. Der Waldlauf, von Generationen gehasst, steht bei Dortmunds Amateurfußballern kaum noch auf dem Trainingsplan.

Dortmund

, 12.07.2019, 06:55 Uhr / Lesedauer: 5 min
Waldlauf adé: So machen sich Dortmunds Amateurfußballer fit für die neue Saison

© Stephan Schuetze

Fit in die neue Spielzeit gehen, dem Gegner schon am ersten Spieltag zumindest physisch eine Nasenlänge voraus sein - das ist das Ziel jeder Saisonvorbereitung. Doch nicht nur bei den Spielern sind die altbekannten Ausdauereinheiten seit jeher verhasst - auch die Trainer schwören ihnen ab. Im Profi-Fußball ist die neue Generation der "Laptop-Trainer" ein heißes Thema, Coaches vom Schlag eines Felix "Quälix" Magath immer seltener an den Seitenlinien der Top-Ligen zu finden.

Kein stupides Tempo laufen

Im Dortmunder Amateurfußball ist das nicht anders. Trainer von Klubs zwischen Westfalen- und Bezirksliga erklären, warum es unnötig ist, "stupide ein Tempo zu laufen", wie Maximilian Borchmann, Trainer des FC Brünninghausen, formuliert.

Der 28-Jährige legt deshalb in der Vorbereitung auf die am 11. August beginnende neue Spielzeit nicht weniger Wert auf die Fitness seiner Akteure. „Ich glaube, dass es mehr bringt, fußballspezifische Ausdauer auf dem Platz zu trainieren", sagt der Coach des Westfalenligisten. Bei einem Waldlauf werde die Grundausdauer „natürlich verbessert, aber im Fußball laufe ich auch keine 10 Kilometer am Stück in einem Tempo, sondern habe Tempowechsel: Ich gehe, stehe, renne".

Ohne physisches Grundlagentraining geht es aber nicht. „Wir machen am Anfang ein Athletiktraining, wo wir an Sprungkraft, Explosivität, Sprintkraft und Laufkoordination arbeiten", berichtet Borchmann, "und danach gehen wir sofort in kleine intervallförmige Spielformen, die meist nicht länger als vier bis sechs Minuten dauern, wo wir in kleinen Gruppen fußballspezifisch arbeiten." Dabei tragen seine Spieler GPS-Gurte von Tracktics, die aufzeichnen, welcher Spieler im Training wie viele Kilometer gelaufen ist, wie viele Sprints oder Tempowechsel er eingelegt hat, und "wie viele Kilometer er im High-Intensity-Bereich gearbeitet hat", wie Borchmann sagt.

Daten werden beim FC Brünninghausen ausgewertet

Nach den Einheiten wertet der FCB-Coach die Daten aus und passt dann das nächste Training daran an. „Dadurch wird das Läuferische in der Spielform sichtbar, dementsprechend brauchen wir nicht in den Wald." Und die Zahlen geben ihm recht: Bereits in den vergangenen beiden Jahren mussten die Brünninghauser Kicker einen sogenannten Shuttle Run, einen Konditions-Ausdauer-Test, absolvieren. „Wir haben Vergleichsdaten von den letzten beiden Jahren, da haben wir diesmal am Anfang der Vorbereitung schon deutlich besser abgeschnitten", sagt Borchmann. Allerdings seien seine Spieler auch in der "Vor-Vor-Bereitung" bereits fleißig gewesen und hätten sich den Trainingsplan des Athletiktrainers zu Herzen genommen.

Auch in Aplerbeck setzt man auf individuelle Vorbereitung, digitale Leistungswerte und fußballspezifisches Training statt Waldläufe: „Wir haben den Jungs vor Vorbereitungsbeginn Hausaufgaben mitgegeben, wo sie dann gelaufen sind, weil wir die Zeit dafür nicht aufbringen und einfach auch schon weiter sein wollten, als es sonst der Fall ist", erläutert Daniel Sekic, Trainer des ASC 09. Zudem arbeitet der Oberligist mit Spiroergometrie-Tests und GPS-Brustgurten. Bei ersteren wird die Atemluft der Fußballer unter Belastung analysiert, daraus lassen sich genaue Rückschlüsse auf die physische Leistungsfähigkeit schließen. Die GPS-Brustgurte liefern Live-Daten, die Trainer Daniel Sekic während des laufenden Trainings nutzt, um die Belastung seiner Akteure individuell zu steuern.

Daniel Sekic (ASC 09): „Bei 10 Prozent tut es ein bisschen mehr weh.“

„Wir machen viel fußballspezifisch, 90 Prozent meiner Einheiten sind so, dass die Spieler Spaß haben dürfen und sollen", sagt Sekic. „Bei 10 Prozent tut es ein bisschen mehr weh." Diese Aufteilung ist dank der digitalen Werte möglich: „Weil wir Leistungsdaten der Spieler während des Trainings haben, sehen wir, wer in die Überbelastung geht und wer unterbelastet ist, dementsprechend steuern wir das auch im Training. So kann man mehr im fußballspezifischen Bereich arbeiten."

Fitness sei ein sehr, sehr individuelles Thema, sagt Sekic, „dementsprechend helfen diese Hilfsmittel brutal". Gibt es denn noch den einen oder anderen Aplerbecker, dem ein Waldlauf guttun würde? Nicht nötig, wiegelt Sekic ab, „da sind die Jungs schon sehr gut vorbereitet in die Vorbereitung gekommen".

Bei Hombruch geht es auch einmal in den Wald

Anders läuft man beim Hombrucher SV: Trainer Alexander Enke hat „da weder als Spieler noch als Trainer was gegen", wie er sagt: „Wir machen das in der Vorbereitung immer so ein, zwei Mal." Einen großen Stellenwert nimmt der Waldlauf also auch beim Landesligisten nicht ein.

„Es bringt einfach ein bisschen was für die Grundlagenausdauer", erklärt Enke. „Natürlich kann man das auch auf dem Platz machen, aber ein bisschen was für den psychologischen Effekt hat so ein Waldlauf auch. Ich glaube aber, man kann es auch komplett ohne machen."

Je höher die Liga, desto höher der nötige Fitnessgrad

Nichtsdestotrotz sei es ein wirksames Mittel. „In der Landesliga und in den Ligen darunter gibt es immer Leute innerhalb eines Kaders, die ausdauertechnisch nicht so gut aufgestellt sind, aber auch die versuchen wir heranzuführen. Ich glaube, dass man mit einer ausgewogenen Vorbereitung alle auf ein ähnliches Level bringen kann, zumindest bei uns in der Liga; je höher die Liga, desto höher der nötige Fitnessgrad."

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Auch die Hombrucher arbeiten viel mit dem Ball, und darüber an ihrer physischen Leistungsfähigkeit. „Man kann fast alles über Spielformen machen: Je größer die Spielform, desto laufintensiver, und je weniger Spieler an einer Spielform teilnehmen, desto laufintensiver, und dementsprechend können wir gleichzeitig mit dem Ball arbeiten." Zusätzlich setzt Enke auf Lauf-Parcours: „Da kann man gut Laufeinheiten mit Krafteinheiten paaren." Zudem waren auch seine Hombrucher in der trainingsfreien Zeit fleißig: „Relativ viele haben in der spielfreien Zeit was gemacht, das gibt mehr Zeit für Training auf dem Platz mit dem Ball."

TuS Hannibal kennt keinen Wald

Bezirksligist TuS Hannibal verzichtet komplett auf Waldläufe. „Bei uns ist das nicht mehr Gang und Gäbe", berichtet Trainer Hamsa Berro. „Natürlich tun wir in der Vorbereitung was für die Kondition, aber den typischen Waldlauf machen wir nicht mehr. Wir arbeiten mehr fußballspezifisch, was im Spiel auch wirklich gebraucht wird, als sinnlos zu laufen."

Zudem kann der TuS auf die Tartanbahn im Hoeschpark zurückgreifen. „Da machen wir Intervallläufe, ein paar Dauerläufe gehören auch dazu, aber einen Waldlauf an sich machen wir nicht mehr."

1000-Meter-Läufe auf Tempo

Hannibal-Coach Berro passt seine Einheiten den Anforderungen eines Fußballspiels möglichst nah an. 1000-Meter-Läufe auf Tempo, dann Geschwindigkeit wieder rausnehmen, dann wieder intensivieren.

„Im Spiel selbst hat man ja viel mehr Pausen, und dann ist man nie so ausgereizt, dass man im Spiel außer Puste ist, weil man durch die Intervall-Läufe den Puls immer oben hat", erklärt Berro. „Außerdem machen wir Kraft-Ausdauer-Übungen mit Ball. Das ist auch für den Kopf wichtig, dass man mit Ball am Fuß unter Anstrengung noch Laufen kann."

Mirza Basic läuft für den Ball ein paar Meter mehr

In den späteren Wochen der Vorbereitung rückten dann Übungen für mehr Spritzigkeit der Spieler in den Fokus. „Ich glaube, Waldläufe muss man nicht mehr machen, wenn man vernünftig auf dem Platz arbeitet und dort vernünftige Bedingungen hat. Wenn du eine Tartanbahn hast, dann bietet sich das an, die zu nutzen."

Auf Spielerseite kommt der Trend zu mehr fußballspezifischem Training und weniger Waldläufen erwartungsgemäß gut an. "Ich mag es, mehr mit dem Ball zu machen", sagt Stürmer Mirza Basic vom Landesligisten SV Brackel 06. „Wenn man den Ball sieht, kann man imme rnoch ein paar Meter mehr machen, als wenn man nur Bäume sieht und nicht weiß, wann Ende ist."

Bei seinem Coach Giovanni Schiattarella scheint der 29-Jährige dabei an der richtigen Adresse zu sein: „Unser Trainer sagt, niemand läuft 90 Minuten durch, man braucht eher viele kurze Intensitäten, wie bei Parcours- oder Zirkeltraining." Natürlich brauche man eine gewisse Grundausdauer, so Basic. „Aber die sollte jeder Fußballer mitbringen, den Rest kann man auf dem Platz machen. Wir waren auch noch nicht im Wald laufen und ich hoffe, das bleibt dabei. Davon bin ich echt kein großer Fan. Unser Trainer kennt auch so einige Möglichkeiten, uns fertigzumachen."

Die Trainer halten es wie eine BVB-Legende

Mehr Training mit dem Ball, mehr Spielspaß, mehr Zahlen, Daten, Fakten: „Entscheidend ist auf'm Platz", wie schon BVB-Legende Alfred "Adi" Preißler wusste. In die gleiche Kerbe haut auch Brünninghausen-Coach Borchmann, auch wenn die Leistungsdaten seiner Kicker in diesem Jahr die besten bisher zu diesem Vorbereitungs-Zeitpunkt gemessenen seien: „Das muss natürlich nichts heißen: letztendlich müssen wir Fußball spielen, aber es ist schonmal besser, dass die Jungs fitter sind."

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