Benjamin C. wird der Pädophilie beschuldigt. In Teil 1 unserer Geschichte haben wir uns mit seinem Fall beschäftigt. In Teil 2 geht es darum, wie Vereine ihre Kinder schützen - oder auch nicht.

NRW

, 19.06.2020, 16:55 Uhr / Lesedauer: 5 min

In diesem Text fokussieren wir uns darauf, was gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Amateurfußball getan wird – und was nicht. Am Beispiel des größten Fußballkreises in Westfalen, dem Dortmunder, wollen wir diesen Komplex beschreiben.

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Wenn sexueller Missbrauch geschehen ist, wenn Täter gefasst und Opfer längst geschädigt wurden, dann sind allzu häufig die selben Sätze zu vernehmen: „Das hätten wir nie geglaubt“, zum Beispiel. Oder: „Wir haben nichts gemerkt, rein gar nichts vermutet.“ So ähnlich war es 2011 auch in Sölderholz.

Wegen schweren sexuellen Missbrauchs in mehreren Fällen wurde seinerzeit ein ehemaliger Fußballtrainer des SF Sölderholz vor dem Dortmunder Landgericht zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Noch heute zeigt dieses Verbrechen, was passieren kann, wenn den falschen Personen zu viel Vertrauen geschenkt wird, während zeitgleich alle Kontrollmechanismen kläglich versagen.

Ein beliebter Kumpeltyp

Der zu dieser Zeit Ende 20-jährige Übungsleiter, ein allüberall beliebter Kumpeltyp, hatte zu einem seiner C-Jugendspieler engen Kontakt aufgebaut, traf sich auch privat mit dem pubertierenden, anfänglich 13 Jahre jungen Kind – und verging sich an ihm, wenn seine Freundin außer Haus war. Zu jener Zeit wurde der Junge schlicht allein gelassen und sah sich bis zur Verurteilung noch den heftigen Vorwürfen ausgesetzt, er würde den intern wie extern so geschätzten Trainer vollkommen grundlos an den Pranger stellen.

Das Stichwort lautet Kinderschutz. Der sollte immer und überall gelten, betont Andreas Edelstein, seinerseits Vorsitzender des Kreisjugendausschusses und ebenso tätig im Vorstand des SC Husen-Kurl. Der Kinderschutz, stellt er noch einmal gesondert heraus, müsse an erster Stelle stehen, sei viel wichtiger, als Heranwachsenden „den Pass mit der Innenseite beizubringen“.

Andreas Edelstein warnt

Gerade „in den großen Breitenvereinen“, warnt Edelstein allerdings, „zieht eine gewisse Anonymität ein – und das bietet Raum, der von Leuten mit unguten Absichten genutzt werden kann.“ Wenn sie wüssten, „wo sie es machen dürfen, dann machen sie es“, sagt Edelstein – und klingt fast so, als wollte er die aus seiner Sicht so ekelerregende Tat nicht präzise benennen. Er meint: sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

Die wiederum kann ganz unterschiedlich verübt werden. In einer aufs Fußballvereinsleben bezogenen Risikoanalyse, die von der Deutschen Sporthochschule in Köln herausgegeben wurde, ist „von beleidigenden Worten und Gesten mit sexualisiertem Bezug über die Verbreitung von pornographischem Material bis hin zu sexueller Nötigung mit Körperkontakt oder Vergewaltigung“ die Rede.

„Ein gemeinsames Merkmal ist, dass sich die Vorfälle von sexualisierter Gewalt gegen den Willen der Betroffenen ereignen oder diese aufgrund körperlicher, psychischer oder kognitiver Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können“

„Ein gemeinsames Merkmal ist, dass sich die Vorfälle von sexualisierter Gewalt gegen den Willen der Betroffenen ereignen oder diese aufgrund körperlicher, psychischer oder kognitiver Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können“, wird dort weiter ausgeführt. „Die Ausübenden nutzen ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten der Opfer zu befriedigen.“

Gewiss ist die Sicherheit in Sportvereinen nie gänzlich, also hundertprozentig zu garantieren. Allerdings können Vorkehrungen getroffen werden, um das Risiko zu beschränken und potenzielle Täter frühzeitig zu erkennen. „Das Thema Kinderschutz und Prävention sexualisierter Gewalt“, bekräftigt der FLVW denn auch, habe „eine prädestinierte Stellung“. Ob diese großen Worte stets angemessen mit Leben gefüllt werden, muss von Fall zu Fall beobachtet werden. Zumindest aber – das ist Fakt – wurden vom Verband verschiedene Maßnahmen in die Wege geleitet.

Seit acht Jahren unterhält der FLVW ein interne Arbeitsgruppe

Seit acht Jahren unterhält der FLVW eine interne Arbeitsgruppe, die sich der Sache widmet und sich als „Informationsgeber und Anlaufstelle für Vereine“ versteht. Zudem ist die sogenannte „Fachberaterin des Qualitätsbündnis zum Schutz vor sexualisierter Gewalt im Sport“ vom Landessportbund NRW seit Anfang 2020 Angestellte der vom FLVW initiierten Westfalen Sport-Stiftung und soll dazu verhelfen, Amateurklubs zu sensibilisieren.

Sie hält Workshops, leitet Diskussionsveranstaltungen – und schaffe es, selbst alteingesessenen Vereinsmitarbeitern die Augen zu öffnen, befindet Dieter Bellack, der maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass sich der SC Husen-Kurl zum schon benannten, auf Initiative vom Landessportbund und NRW-Sportministerium gegründeten Qualitätsbündnis zählen darf. Bellack und Bianca Mariß sind in Husen die zwei Hauptbeauftragten, sie nahmen sich der Kinderschutz-Aufgabe 2016 an – und verbesserten nach und nach die vereinsinternen Strukturen.

Es wurde eine breite Maßnahmenpalette beschlossen

„Unser oberstes Ziel ist es“, erklärt Bellack, „dass wir allen potenziellen Tätern von Beginn an zeigen: Ihr seid bei uns nicht willkommen. Jeder, der die Absicht besitzt, sich an Kindern und Jugendlichen zu vergreifen, soll wissen, dass er bei uns keine Chance hat.“

Hierfür wurde eine breite Maßnahmenpalette beschlossen: die Ausarbeitung eines Präventions- und Interventionsleitfadens; die Änderung der Vereinssatzung; die für alle Vereinsmitarbeiter geltende Pflicht, in turnusmäßigen Abständen das erweiterte Führungszeugnis vorzuzeigen; die Organisation von Schulungen zum Thema; und die Einführung des „Elternkompass“.

„Wenn man darüber gesprochen hat, war die erste Reaktion: Haben wir so einen Fall im Verein – oder warum sprechen wir jetzt darüber?“

Dieser umfasst sechs Punkte und verweist auf korrektes, rücksichtsvolles Verhalten. Unter anderem ist dort gelistet, wie mit „Dusch- und Umkleidesituationen“ bestmöglich umzugehen sei. „Wenn Sie ihrem Kind dabei Hilfe leisten müssen“, so heißt es, „klopfen Sie bitte vor dem Eintreten an die Kabinentür, gehen Sie bitte nie alleine in die Kabine (4-Augen-Prinzip)“. Es ist eine sanft formulierte Aufforderung der guten Sache wegen. In Husen findet sie inzwischen breite Unterstützung.

Dabei, sagt Bellack, sei die sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen „bis vor ein paar Jahren“ allgemein noch ein Tabuthema gewesen. „Wenn man darüber gesprochen hat, war die erste Reaktion: Haben wir so einen Fall im Verein – oder warum sprechen wir jetzt darüber?“

Beim SC Husen-Kurl wollen sie ihrer Pflicht nachkommen

Und auch auf Trainerebene sah Bellack zu Anfang seines Schaffens in einige fragende Gesichter: Als den Übungsleitern gesagt worden sei, „sie sollten doch bitte beim Seminar ‚Schweigen schützt die Falschen‘ teilnehmen, dann haben manche Leute zunächst verdutzt geschaut – und sich wohl gedacht: Was denken die denn von mir? Nach dem Seminar aber“, berichtet Bellack, „haben exakt diese Leute zu mir gesagt, es sei eine richtig, richtig gute Veranstaltung gewesen, sie hätten viel Hintergrundwissen bekommen.“ Über die bereits besagte „Umkleidesituation“ zum Beispiel.

„Mandy Owczarzak (Fachberaterin des „Qualitätsbündnis zum Schutz vor sexualisierter Gewalt“, Anm. d. Red.) hat mit ihnen darüber gesprochen“, erläutert Bellack, „sie hat die Leute sensibilisiert und angeregt, mal darüber nachzudenken, was richtig und was womöglich problematisch ist.“ Beim SC Husen-Kurl, das wird deutlich, wollen sie möglichst sensibel, möglichst bedacht vorgehen – und damit ihrer Pflicht nachkommen.

Das Engagement des Vereins sei eine „Selbstverständlichkeit“

Die gesamte Arbeit gegen sexualisierte Gewalt bezeichnet Husens Erster Vorsitzender Edelstein ganz bewusst als „zwingende Aufgabe“. Er habe in seinen „circa dreißig Jahren im Dortmunder Fußball genug Leute kennengelernt, denen ich meine Kinder nicht dreimal die Woche anvertrauen wollte“, bekräftigt er. „Es ist deshalb eher enttäuschend, dass so wenige Klubs dem Qualitätsbündnis zum Schutz vor sexualisierter Gewalt angehören.“

Derzeit sind es in Dortmund neben Husen-Kurl noch der Hombrucher SV und die Sportfreunde Sölderholz, die vor nunmehr zehn Jahren durch den Missbrauchsfall in die Schlagzeilen gerieten. Deren Jugendleiterin Anke Bohlander, seit 2014 im Amt, gibt zu Protokoll, den „Spielerinnen und Spielern optimalen Schutz“ bieten zu wollen. Das Engagement des Vereins sei eine „Selbstverständlichkeit“, bekräftigt sie. „Wir können niemandem in den Kopf schauen, wir können aber unser Möglichstes tun, damit den Kindern nichts passiert.“ Dass sich von circa 80 Dortmunder Fußballklubs mit Jugendabteilung bisher nur drei so vehement und sichtbar gegen sexualisierte Gewalt einsetzen, sei „sehr schade“, findet Bohlander. Ihr geht die Entwicklung deutlich zu langsam.

„Aktuell müssen wir uns klar machen, dass die allerwenigsten Vereine ein Gesamtkonzept im Auge haben“

„Aktuell müssen wir uns klarmachen, dass die allerwenigsten Vereine ein Gesamtkonzept im Auge haben“, kritisiert auch Edelstein, der als Vorsitzender des Kreisjugendausschusses bestens über die Gesamtentwicklung Bescheid weiß. „Klar, es ist nicht mit einem Telefonat getan.“ Und viele Vereine hätten durchaus „eine vernünftige Haltung“ zum Kinder- und Jugendschutz. Offenbar allerdings sei sie häufig nicht stark genug ausgeprägt. Nur ein Führungszeugnis von den Trainern einzufordern, das ist Edelstein zu wenig.

Er verstehe, fügt er noch hinzu, dass es nicht überall „wirklich handelnde Personen“ gebe, Leute also, die sich innerhalb eines Vereins mit viel Zeitaufwand und Engagement für die Arbeit gegen sexualisierte Gewalt stark machten. So sieht es auch Bohlander. Dass diese Projektleiter fehlen würden und das vollumfängliche Wirken gegen sexualisierte Gewalt darum nicht zustande komme, lässt Edelstein jedoch nicht als alleinige Entschuldigung gelten.

Ein „Armutszeugnis“

Es sei „ein Armutszeugnis“, meint er, dass sich wohl weniger als zehn Prozent der Klubs wirklich Gedanken machten, „wie sie junge Menschen bestmöglich schützen und sorgenfreies Fußballspielen ermöglichen könnten.“ Schließlich gebe es doch immer mal wieder Leute, die schlechte Absichten hegten.

Der jahrelange sexuelle Missbrauch durch den damaligen Sölderholzer Übungsleiter dient als ein abschreckendes Beispiel. Darüber hinaus wurde ein ehemaliger Kollege von Benjamin C. vor circa vier Jahren offenbar wegen eines Fußfetischs entlassen. Damals rückte die Polizei an – und der FLVW sah sich genötigt, final ganz offensiv vor dem jungen Mann zu warnen. Wenn er sich „als Jugendtrainer bzw. Betreuer für die Jugendarbeit in Eurem Verein anbietet, nehmt unbedingt Abstand davon“, formulierte eine Mitarbeiterin. Anschließend jagte sie den Hinweis durch mehrere Mailverteiler.

Seit Dienstantritt der internen Arbeitsgruppe zum Schutz vor sexualisierter Gewalt wurde der Verband laut Eigenauskunft mit insgesamt 50 Fällen aus ganz Westfalen betraut. Einige davon legten die Experten in den vergangenen acht Jahren zügig ad acta. Andere beobachten sie noch immer.

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