Paris Saint-Germain in Bövinghausen: Wir klauen hier doch keine Kinder

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Das Akademie-Projekt von Paris Saint-Germain ist in Dortmund gestartet. Bedenken sehen die Verantwortlichen nicht. „Wir machen nichts Verwerfliches“, sagen sie. Doch was passiert da wirklich?

von Leon Elspaß

Dortmund

, 03.09.2019, 12:42 Uhr / Lesedauer: 6 min

Vito Werner steht im Gegenwind, es regnet, doch ihn schert das alles nicht. Genüßlich nippt er an seinem Kaffee, rührt mit einem Holzstäbchen ab und an darin herum. Es ist der vergangene Sonntag, als Werner zum ersten Mal das sieht, was er da wieder geschaffen hat.

Paris Saint-Germain in Bövinghausen. Hatte der umtriebige Geschäftsmann zunächst Akademien des französischen Scheich-Klubs in Düsseldorf und Oberhausen eröffnet, ist nun die Fußballstadt Dortmund dran. Und Werner, der sieht zufrieden aus, wie er da steht, breitbeinig und breit lächelnd. Als würde er die ganze Kritik an dem von ihm initiierten Projekt gar nicht hören.

Wer sich dem Fußballplatz des TuS Bövinghausen nähert, der kommt an diesem Tag nicht an Paris Saint-Germain vorbei. Einiges haben Werner und seine Leute aufgefahren, damit selbst der hastige Spaziergänger aufmerksam wird und mal kurz stehen bleibt.

Erstes Schnuppertraining in der Akademie

Im Eingangsbereich ist ein Zelt mit dem Wappen der Pariser errichtet, meterlange und -breite Banner säumen die gesamte Anlage, kleine Fähnchen wehen im Wind, auf Flyern grüßen der Ex-Schalker Thilo Kehrer und die Superstars Kylian Mbappé und Neymar. Die Kinder, die an diesem Tag zum ersten Schnuppertraining der „Paris Saint-Germain Academy Germany“ kommen, werden mit Equipment vom französischen Großklub eingedeckt. Allerorten prangt das Vereinsemblem mit dem Eifelturm. Paris. Paris. Paris. Überall Paris.

Früh morgens hat die erste Trainingseinheit begonnen. Kinder von sechs bis 16 Jahren dürfen teilnehmen, an diesem Tag noch kostenfrei. In Kleingruppen üben sie verteilt auf dem gesamten Kunstrasenplatz, ein bis zwei in rot gekleidete Trainer kümmern sich an jeder Station. Nach Pass-, Schuss- und Dribbelübungen rufen sie „Gut so“ und „Weiter so“ – und fragen mit viel Euphorie in der Stimme: „Habt ihr Spaß?“

Spaß, den haben die Kinder sichtlich. Ebenso wie ihre Eltern. Da werden Bilder von den riesigen Pariser Werbebannern geschossen und die Kinder im PSG-Outfit geknipst. Ein Vater ist mit seinem Sohn aus dem 200 Kilometer entfernten Göttingen nach Bövinghausen gekommen. Nur des kurzen Schnuppertrainings wegen. Sein Sprössling habe „schon in Wolfsburg, bei St. Pauli und Borussia Mönchengladbach an Fußballcamps teilgenommen. Aber Paris“, sagt er, „Paris hat dann doch noch mal eine andere Strahlkraft.“

Wunsch nach großflächigen Fußballcamps

Genau diese ist es, die Vito Werner, dem fleißigen Geschäftsmann, so gut in den Kram passt. Jahrelang hat er die ‚Fußballakademie Gladbeck‘ betrieben, mit Peter Neururer, dem ehemaligen Bundesligatrainer, der bei der SG Wattenscheid noch nicht lange als Sportdirektor fungiert, dort allerdings schon entnervt scheint und zuvor insbesondere als TV-Phrasendrescher in Erscheinung trat. Mit ihm hatte Werner zunächst Erfolg, dann allerdings sank die Nachfrage. Und Werner entwickelte den Wunsch, „großflächig Fußballcamps anzubieten. Das kannst du mit dem Namen ‚Fußballakademie Gladbeck‘ natürlich nicht erreichen.“

Paris Saint-Germain in Bövinghausen: Wir klauen hier doch keine Kinder

Vito Werner © Stephan Schuetze

Werner, der sein Konzept mehreren Vereinen angeboten hat, befand sich laut eigener Angabe auch mit dem FC Liverpool und dem FC Barcelona in Verhandlungen. Einigung indes erzielte er dann mit PSG. „Unsere Visionen decken sich“, sagt er.

Größer soll das Akademie-Projekt werden, immer größer und sich über alle Bundesländer erstrecken. Ein Standort in Köln wird wohl bald eröffnet, parallel dazu arbeitet Werner mit seiner Entourage an Akademie-Starts in Berlin und München. Viele Jahre in Gladbeck positioniert, will er nun im gesamten Land die PSG-Banner ausrollen lassen. In dicken Lettern steht da stets geschrieben: „Ici, c’est Paris.“ Hier ist Paris. Und: „Dream bigger.“ Träume größer.

Akadamie als globale Werbemasche

Dieser Verein, den aktuell der Ex-Dortmunder Thomas Tuchel als Frontmann anführt, hat seit 2012 in 15 Ländern Akademien platziert. Welches Ansinnen dahinter steckt formulierte Frédéric Verclytte, seinerseits „Business-Developer Paris Saint-Germain Academy“, mal recht unverblümt: „Der Zweck besteht darin, viele Fans in der ganzen Welt mit dem Verein zu verbinden. Wir wollen die Marke zu einem der größten Klubs der Welt entwickeln.“

Die Akademien als globale Werbemasche. Massig Geld lässt sich damit verdienen. Und ganz nebenbei eröffnet das Projekt die Option, Talente zu sichten und letztlich unter Vertrag zu nehmen. Damit lockt PSG einerseits ganz unverhohlen, betont jedoch andererseits, dass die Rekrutierung von neuem Personal nicht das Kernziel sei.

Am rigiden, konsequenten Pariser Weg, sich auch hierzulande breit zu machen, regt sich schon seit Wochen einiger Unmut. Von „Geldmacherei“ sprechen manche Kritiker, einige fürchten den „Talenteklau“ durch die Franzosen, die ebenso wie andere Top-Vereine nicht zimperlich und zaudernd agieren, wenn ein Hochbefähigter auf ihrem Radar auftaucht. „Man muss schauen, dass jetzt nicht die ganz großen Klubs die großen Talente weggreifen können“, merkte Wolfsburgs Sportdirektor Jörg Schmadtke jüngst an, als er aufs Vorpreschen von PSG angesprochen wurde.

BVB erschwert Suche nach dem Standort

Vito Werner, Außendienstler der Pariser, lacht nur, wenn er diese kritischen Anmerkungen hört: „Diejenigen, die am lautesten schreien, machen es im Ausland doch genauso. Die großen Vereine haben auch ihre Camps.“ Dass PSG so heftig expandiert und in Deutschland flächendeckend arbeiten will, ist dann allerdings doch bemerkenswert. Und sorgt im dicht besiedelten Ruhrgebiet gleichfalls für Unbehagen. „Ein Sportdirektor von Schalke 04 hat mich gefragt, was wir denn frühstücken würden“, erzählt Werner. „Nur Gutes, habe ich ihm geantwortet.“

„Ein Konkurrent wie PSG ist da nicht gerne gesehen.“
Vito Werner

Als er das sagt, grinst er triumphierend und ergänzt: „Auch Borussia Dortmund hat es uns nicht so leicht gemacht.“ Über viele Platzanlagen habe der BVB seine Hände gehalten, sagt Werner, „entweder mieten sie diese an oder haben die Plätze gebaut. Ein Konkurrent wie PSG ist da nicht gerne gesehen.“

Und so musste er ein wenig suchen, um einen Standort für die Akademie zu finden. In Bövinghausen waren letztlich alle Rahmenbedingungen gegeben: der Kunstrasenplatz, das Interesse der Klub-Verantwortlichen und die Tatsache, dass sie sich bei diesem Landesligisten „eine Jugendabteilung“ wünschen, wie Präsident Ajan Dzaferoski betont.

Übungsleiter sollen Top-Qualität mitbringen

Die Zusammenarbeit mit Paris Saint-Germain bringt dem Verein nämlich nicht nur noch mehr Aufmerksamkeit und sechs bis acht Prozent des Pariser Gewinnanteils am Akademie-Standort Dortmund. Sie soll ermöglichen, dass Bövinghausen ab kommender Saison auch im Juniorenbereich am Spielbetrieb teilnehmen kann.

Ein PSG-Ableger wird dann unter der TuS-Flagge auflaufen. Und am Seitenrand werden keine Väter stehen, die ihre Kinder „mit laienhaftem Training“ (Vito Werner) fördern wollen, sondern Übungsleiter, die „Top-Qualität mitbringen“. Von C-Lizenzinhabern bis hin zu Fußballlehrern, betont Werner, habe er Trainer jeglicher Qualifikation in seinem Team.

Er streckt seinen Arm, zeigt aufs Spielfeld. Eine Frau kümmert sich da gerade um einen kleinen blonden Jungen, der sich behände mit Ball am Fuß um die aufgestellten Hütchen windet. „Doreen Meier dort hinten“, sagt Werner, „hat gemeinsam mit Tuchel die Trainerausbildung abgeschlossen.“

Der jüngste Trainer ist 17 Jahre alt

Die ehemalige Bundesligaspielerin zählt heute 50 Lebensjahre, gehört damit zu den älteren des Trainerteams. Der jüngste ist erst 17 Jahre – und an diesem Tag dennoch Chef aller anderen. Christopher Beerens heißt er, wird von Werner als „Top-Talent mit riesigen Fähigkeiten“ beschrieben. Und wirkt ähnlich selbstbewusst wie der Initiator des gewaltigen Deutschland-Projekts von Paris Saint-Germain.

In einer kurzen Trainingspause, die verschiedenen Übungen sind eng getaktet, nimmt sich Beerens für ein paar Minuten Zeit. Er geht noch zur Schule, erzählt er, wird bald womöglich auch in Berlin Kindern das Fußballspielen beibringen. Wie er es in der Hierarchie so fix so weit nach oben geschafft habe? Beerens überlegt nicht lange, erwähnt noch kurz, dass er „der jüngste Campleiter von PSG weltweit“ sei, dann erst widmet er sich der Ausgangsfrage. „Es kommt darauf an, dass man die Methodik und Philosophie von Paris versteht und vermitteln kann“, meint er. „Ich habe mich da reingekniet, bin ein fleißiger, ehrgeiziger Typ – das ist wohl aufgefallen.“

„PSG will intelligente Spieler“, sagt er. „Sie sollen situationsbedingt entscheiden können, handlungsschnell sein.“
Christopher Beerens

Den von Paris gewünschten Spielstil erlernte Beerens während eines zweiwöchigen Kurses. „PSG will intelligente Spieler“, sagt er. „Sie sollen situationsbedingt entscheiden können, handlungsschnell sein.“ Im Spiel gebe es viele Probleme, „wo ist der freie Raum, wo ist mein Mitspieler, wo der Gegner. Den Stress versuchen wir ihnen zu nehmen, indem wir Lösungen anbieten. Sie sollen schnell spielen, im Training verzichten wir auf viele Regeln. Wir wollen ihnen kein Korsett umschnüren, ihnen nicht vorgeben, dass sie nur drei oder vier Ballkontakte nutzen dürfen. Wir wollen realistisch trainieren - und coachen außerdem mithilfe von vielen Fragen. Wenn man nur Anweisungen gibt, geht das hier rein, da wieder raus.“ Beerens stoppt seine wortreiche Ausführung und zeigt erst aufs linke, dann aufs rechte Ohr.

Zum Mitdenken aufgefordert

In der Tat fordert er die Kinder häufig auf, ganz bewusst mitzudenken. „Wie würdet ihr das machen?“, fragt er. „Worauf müsst ihr in dieser Situation achten?“ Die Trainingsgruppen sollen klein gehalten werden, sind mal 15 Kinder dabei, kommt ein zweiter Trainer hinzu. Beerens selbst pendelt dauerhaft hin und her, schaut dem Treiben mit Argusaugen zu.

Ganz am Ende ruft er die Kinder zusammen und stellt ihnen das „PSG-Ritual“ vor. So nennt er es. Ein rot gekleideter Coach ruft laut „Ici“, die zuvor eingewiesenen Kicker komplettieren den Slogan, schreien „c’est Paris“. Hier ist Paris. Längst haben die entzückten Väter und Mütter ihre Videoaufnahme gestartet.

„Wir wollen die Lücke schließen zwischen den Amateurvereinen und Nachwuchsleistungszentren.“
Vito Werner

„Wir wollen die Lücke schließen zwischen den Amateurvereinen und Nachwuchsleistungszentren. Die Spieler, die es bislang nicht in ein NLZ geschafft haben, kommen dann vielleicht zu uns“, sagt Beerens. Ebenso wie sein Vorgesetzter Werner versteht er den Ärger nicht, den die Akademien ausgelöst haben. „Wir machen nichts Verwerfliches, klauen doch keine Kinder.“ Die fünftägigen Fußballcamps, die Mitte Oktober starten, „sind für alle da, die auf hohem Niveau trainieren wollen. Wir arbeiten für die breite Masse.“

Bis zu zwölf Einheiten im Monat

Dabei meint er freilich jene Masse, die 199 Euro Teilnahmegebühr berappen kann. Und die anschließend für bis zu zwölf Einheiten im Monat 99 Euro zu bezahlen imstande ist. Die sind fällig bei einem einjährigen PSG-Abonnement; entscheiden sich die Eltern nur für ein sechsmonatiges, belaufen sich die Kosten schon auf 149 Euro pro Monat. „Die Leute sind bereit, Geld auszugeben für hochwertiges Training. Warum Fußballdeutschland immer noch meint, dass Fußballspielen nur zwölf Euro kosten darf, erschließt sich mir nicht“, sagt Werner, der Geschäftemacher. Er schüttelt kurz den Kopf.

Anfang Oktober wird in Dortmund noch ein zweites kostenloses Schnuppertraining stattfinden. Mit PSG-Bannern, mit Trainern, die den PSG-Fußball lehren und das „PSG-Ritual“ intonieren sollen. Die Pariser Werbe- und Talentsichtungstour geht dann munter weiter. „Alles passt in Dortmund“, findet Werner. „Bald werden wir hier kontinuierlich in der Akademie trainieren. Und nächstes Jahr starten wir mit dem Spielbetrieb.“ Nicht völlig abwegig, dass der Schlachtruf am Rande der Juniorenspiele dann alsbald ein fränzösischer ist: „Ici, c’est Paris.“ Hier ist Paris. In Dortmund-Bövinghausen.

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