Tagung für auffällige Klubs: „Manchmal siehst du es nicht kommen. Dann rasten Leute aus“

dzFußball

Bei manchen Dortmunder Vereinen häufen sich Probleme mit Gewalt. Vertreter vom Fußballkreis und vom FLVW haben deshalb mit diesen Vereinen gesprochen.

Dortmund

, 19.10.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gewalt und Rassismus auf Fußballplätzen ist nicht neu. Alexander Lüggert aber stellte fest: „Momentan nimmt das überhand!“ Woche für Woche prüft der hauptamtliche Beauftragte für Gewaltprävention im Fußball- und Leichtathletik-Verband (FLVW) Spielberichte und sucht von sich aus Exzesse, die er aufarbeiten muss. In Dortmund wurde er zuletzt regelmäßig fündig.

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Lüggert ist Ansprechpartner für Vereine, die Opfer von Gewalt und Rassismus durch Mitglieder anderer Klubs geworden sind, aber auch für Vereine, die zu Opfern von Gewalt und Rassismus im eigenen Klub wurden. Solche Vereine waren am Donnerstagabend geladen.

Vorfälle gab es bei RW Obereving, VfL Kemminghausen, TuS Neuasseln, Mengede 08/20 und SC Osmanlispor. Türkspor Dortmund ließ sich entschuldigen. Das Ziel dieser Veranstaltung war nicht, anzuklagen oder Rechtfertigungen einzufordern. Sie war eindeutig zukunftsorientiert. Der Fußballkreis saß mit am Tisch.

„Irgendwann hilft es nicht mehr, zu bestrafen“

Den Willen etwas zu ändern, sprachen auch Andree Kruphölter und Kransidor Jozic, ehrenamtliche Ansprechpartner beim FLVW, den Vereinen nicht unbedingt ab. Nur: „Irgendwann hilft es nicht mehr, zu bestrafen oder Besserung zu geloben“, stellt Kruphölter fest. Die Teilnehmer waren gewillt, gemeinsam Wege zu suchen und Ideen zu sammeln, wie sie Gewalt verhindern oder, sollte es doch dazu kommen, mit ihr umgehen können.

Dass gerade die Ursachenforschung immer ein schmaler Grat ist, bemerkten die Teilnehmer schnell. Wobei der Austausch sachlich blieb. Man bekam nicht Eindruck, dass sich jemand auf den Schlips getreten fühlte.

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Selbst als ein Vereinsvertreter in etwa sagte „wir baden die Probleme der Gesellschaft aus, wir sind nicht dafür da, um Kinder zu erziehen“ und die FLVW-Vertreter antworteten („aber es ändert nichts daran, dass es auch auf euren Plätzen passiert. Und irgendwie erzieht ihr die Kinder ja schon, in dem ihr Regeln aufstellt. Das ist ja gut“), blieben alle ruhig und zielorientiert.

Die Frage von Kruphölter, ob die Vereine den Kindern vielleicht eher Ehrgeiz denn Spaß vermitteln wollen, ließen die Klubs auch nicht so stehen: „Natürlich steht der Spaß im Vordergrund, aber Ziel ist es natürlich schon, unsere Spiele zu gewinnen.“ Falsche und zu hohe Erwartungen würden eher die Eltern wecken.

Eltern sind häufig das größte Problem

Zunächst drehte sich die Diskussion um den Juniorenfußball, wobei auch dort wieder die Eltern Thema waren. Darüber, dass diese häufig das größere Problem sind und nicht die Kinder auf dem Platz – gerade auch im Umgang mit den Schiedsrichtern –, herrschte insgesamt Einigkeit.

Dazu gab es dann auch den ersten konkreten Hinweis von Andree Kruphölter: „Ihr habt Hausrecht. Und wenn sich Eltern nicht an die Regeln halten und den Spielbetrieb beeinträchtigen, müssen sie eben den Platz verlassen.“

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Der Vorsitzende des Fußballkreises Jürgen Grondziewski, der immer um Harmonie bemüht ist, berichtete aus seiner Zeit als Jugendtrainer: Er habe einen Vater des Platzes verwiesen und dann das Kind mit dem Auto nach Hause gebracht. „Und wenn gar nichts hilft, müsst ihr die Polizei rufen“, sagte Kruphölter.

Ob im Junioren- oder Seniorenbereich: Soweit soll es ja gar nicht kommen. Die Vereine sagten, oft passiere es, dass sich Gewalt spontan entwickle: „Natürlich kennen wir unsere schwarzen Schafe, aber häufig explodieren Menschen, denen wir das gar nicht zugetraut hatten. Was sollen wir da tun?“ Dass die Klubs keine Psychologen einstellen können, die solche Exzesse voraussagen, ist klar. Da ende die Macht der Vereine.

„Manchmal siehst du es nicht kommen. Dann rasten Leute aus“

Der FLVW war den Begriff „Schlichter“ in die Runde. Externe Experten vom FLVW nähmen die Vereine gerne an, bekräftigten sie. „Unsere Hausaufgabe ist es nun, zu prüfen, ob wir das Personal dafür haben“, sagte Alexander Lüggert. Auch der Verband will sich entwickeln.

Ein anwesender Mannschaftskapitän fühlt sich schon als interner Schlichter, der versuche, auf Heißsporne und auch das Publikum einzuwirken. „Aber manchmal siehst du es nicht kommen. Dann rasten Leute aus, die ich entweder nicht gut genug kenne oder denen ich das nicht zugetraut hätte“, sagte er. Oft helfe dann eben nur die höhere Gewalt, die Polizei.

Ein interner Schlichter könne ja eine Respektperson im Verein, zum Beispiel ein ehemaliger Publikumsliebling sein, gab Alexander Lüggert zu bedenken. Er wisse aber auch, dass nicht jeder Verein eine solche Persönlichkeit habe, die dann auch noch bereit sein müsse, diese Verantwortung zu tragen.

Ein Vereinsvorstand sah eine weitere Lösung und sagte, dass hohe Strafen wie die jetzt verhängten acht Jahre für einen Osmanlispor-Spieler, seien Leute abschrecken würden. Er glaube nicht, dass dies einer seiner Spieler auch haben möchte. Klar war allen aber auch, dass noch so hohe Strafen nicht verhindern, dass Einzelnen in Extremsituationen die Sicherungen durchbrennen.

Nach der Veranstaltung zog Jürgen Grondziewski ein Fazit: „Die Vereine sind ja zum Teil selbst enttäuscht und fühlen sich hilflos.“ FLVW und der Kreis hätten den Vereinen zeigen wollen, dass man ihnen nichts wolle. „Im Gegenteil, wir wollen ihnen Unterstützung anbieten, wenn sie Probleme erkennen. Für uns war wichtig, zu erfahren, wie offen die Vereine für welche Unterstützung sind.“

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