Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Ingo Kuhl kehrt nach einem Jahr an den Platz zurück, auf dem er sechs Mal reanimiert wurde

Herzinfarkt beim Fußball

Ingo Kuhl steht vor genau einem Jahr auf der Schwelle zum Tod, als er in Brackel auf dem Sportplatz zusammenbricht. Eine Woche liegt er im Koma. Am Samstag tritt er wieder gegen den Ball.

Dortmund

, 23.05.2019 / Lesedauer: 5 min
Ingo Kuhl kehrt nach einem Jahr an den Platz zurück, auf dem er sechs Mal reanimiert wurde

Ingo Kuhl (r.) mit seinem Lebensretter Paul Collin. © Otto

Das Wasser kommt von oben. Es prasselt auf Ingo Kuhl herab. Der Moment, in dem die Tropfen über seinen völlig entkräfteten Körper laufen, kommt einer Wiedergeburt für ihn gleich: „Dieses Gefühl werde ich mein Leben lang nicht vergessen“, sagt der 38-Jährige.

Acht Tage lang hat er zuvor nach einem Herzinfarkt im Koma gelegen, acht Tage, die sein Leben veränderten, acht Tage, nach denen er sagt: „Da wurde mir Vieles bewusst, was mir so geschenkt wurde und was ich bis dahin nicht wertgeschätzt habe.“

Kuhl tritt gerade seine neue Position bei den Sportfreunden Brackel 61 an. Er soll hier zukünftig die Jugend koordinieren, am besten der A-Jugend noch in diesem Mai 2018 zum Aufstieg verhelfen. „Es war meine erste Trainingseinheit“, sagt Kuhl. Den damals 37-Jährigen kennen auf der Anlage noch nicht viele, was ihn, für den Fußball immer mit das Wichtigste war, nicht schert.

Ingo Kuhl war schon beim ASC, Barop, Hörde und in Eving

Nach dem Training stellt er sich bei den Alten Herren ins Tor, obwohl er eigentlich immer eher einer fürs Feld war, bis ihm ein wenig schummrig wird. „Ich bin dann reingegangen, um mir eine Cola zu holen“, erzählt Kuhl. Doch anders, als zwei Monate zuvor, als sein Herz schon einmal einen kleinen Aussetzer hat, findet er kein Getränk. „Auf dem Rückweg zum Platz bin ich dann kollabiert.“

Im Dortmunder Fußball kennen den C-Lizenz-Ausbilder viele. Über die fußballerischen Anfänge in Hombruch, bei Rot-Weiß Barop, den VfL Hörde oder später als Trainer beim ASC 09 Dortmund, beim TuS Eving-Lindenhorst und bei Eintracht Dorstfeld. Doch in dem Moment, als sein Herz aussetzt, ist keiner von denen, die ihn kennen, da: „Es konnte sich in Brackel ja noch keiner Gedanken darüber machen, wer angerufen werden muss, wenn mir was passiert. Ich war ja den ersten Tag da.“

„Mir war bewusst, es ging um Leben und Tod.“
Paul Collin

Der Zufall und Paul Collin retteten Ingo Kuhl

Paul Collin ist auch noch nicht lange in Brackel. Der Rheinländer trainiert an diesem Tag bei den Alten Herren mit: „Und plötzlich sehe ich, wie sich hinten am Vereinsheim eine Menschentraube bildet.“ Collins Alarmglocken gehen sofort an, der letzte Erste-Hilfe-Kurs ist gerade mal ein halbes Jahr her, deshalb geschehen die Handgriffe danach fast automatisch: „Man reagiert einfach nur“, sagt Collin. Denn am Fuß der Traube liegt Ingo Kuhl, aschfahl, nach Luft ringend: „Ich habe seinen Puls nicht gefunden. Mir war bewusst, es geht um Leben und Tod. Daraufhin habe ich angefangen, ihn zu reanimieren.“

Das Zusammenspiel in Brackel klappt in diesem Moment noch besser als das der Ersten Mannschaft, die in der 2018er A-Liga-Saison auf Rang drei einlaufen wird. „Einer hat telefoniert, einer hat alles organisiert, einer hat reanimiert. Hinterher hat der Notarzt gesagt: Hut ab vor euch allen, dass ihr das so durchgezogen habt.

Ohne euch wär der Schaden viel größer“, erzählt Collin. Nur drei Minuten benötigt der Rettungswagen nach dem ersten Notruf. Der Grund dafür ist einer dieser Zufälle, der Kuhl hinterher zum Nachdenken bringt. Denn nur, weil ein Betrunkener nicht mit den Notärzten mitfahren will, sind sie gerade in der Nähe.

Ingo Kuhl wird fünf Mal reanimiert

Paul Collin hält Kuhl drei Minuten lang im Jetzt, dann übernimmt der Notarzt: „Es war ein junger Mann in meinem Alter“, sagt Kuhl. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Es ist der erste Notarzt-Einsatz seines Retters. Fünf Mal kommt in dieser Phase der Defibrillator zum Einsatz: „Er hat mir später gesagt, dass er mich auch noch zehnmal zurückgeholt hätte. Der wollte mich nicht gehen lassen.“ Collin sagt: „Als wir gesehen haben, wie oft er wiederbelebt werden musste, da wurde uns Angst und Bange.“

Ingo Kuhl kehrt nach einem Jahr an den Platz zurück, auf dem er sechs Mal reanimiert wurde

© Otto

Kuhl wird noch in der Nacht operiert, bekommt eine Gefäßstütze eingesetzt und wird ins künstliche Koma gelegt. Eigentlich soll er nur für eine Nacht an die Schläuche, doch schon nach wenigen Stunden reißt Kuhls Körper sie sich instinktiv alle raus: „Das hört sich jetzt krass an“, sagt er, „aber die Ärzte haben das positiv bewertet, weil es gezeigt hat: Der Körper reagiert.“

Auch Collin ist erstmal geschockt, als er davon hört: „Aber wir haben dann auch realisiert: Das ist gut!“ Aus einem Tag im Koma werden durch die heftige nächtliche Reaktion allerdings acht. Und dann wacht Kuhl auf.

Kuhl kämpfte mit Eisbären

In der Aufwachphase spielt ihm sein Kopf im Zusammenspiel mit den Medikamenten einen Streich. Er kämpft runtergekühlt auf 33 Grad mit Eisbären, fährt auf einem Schiff im Eismeer, weil die Zimmer auf der Station runde Fenster haben: „So habe ich es mir nachher jedenfalls versucht, zu erklären“, lacht Kuhl über die Erzählungen seiner Familie.

Aktion Löwenherz - Benefizspiel und Spendenaktion: Auf dem Sportplatz der SF Brackel 61 (Brauksweg 15, 44309 Dortmund) findet am 25. Mai um 14 Uhr das erste Mal die „Aktion Löwenherz“ statt. „Eine Veranstaltung, die auch in den kommenden Jahren regelmäßig gemeinnützige Zwecke unterstützen wird“, sagt Ingo Kuhl. In diesem Jahr ist ein Benefizspiel zwischen einer Brackeler All-Star-Auswahl und einem von Ingo Kuhl zusammengestellten Team geplant. Anpfiff ist um 15.30 Uhr. Außerdem sind Aktionen für Familien geplant: „Es soll ein echtes Familienevent werden“, sagt Kuhl. Alle Einnahmen der Veranstaltung kommen der Elterninitiative herzkranker Kinder Dortmund/Kreis Unna e.V. zugute.

Dass er wieder lachen kann, verdankt er vielen Zufällen: „Du machst dir in diesem Alter natürlich keine Gedanken über einen Herzinfarkt. Deshalb bin ich dieser Brackel-61-Familie, die in dieser Situation so unglaublich reagiert hat, so verbunden.“

Drei Wochen liegt er im Krankenhaus, insgesamt benötigt er acht Wochen, um sich von dem schweren Vorderfront-Herzinfarkt zu erholen. Wobei: „Am Anfang bin ich in der Reha dreimal eineinhalb Minuten gelaufen und hatte einen Puls wie andere nach 90.“

20 Kilo sind schon runter

Mittlerweile ist er bei 17 Kilometern und hat 20 Kilo abgenommen. Aber auch emotional braucht er lange und vielleicht noch immer, um das Überlebte zu verarbeiten: „Viele Wochen später habe ich eine Whatsapp-Nachricht bekommen und angefangen zu weinen. Da habe ich nochmal realisiert, wie viel Glück ich hatte.“

Deshalb möchte Ingo Kuhl nun auch etwas zurückgeben und hat die gemeinnützige „Aktion Löwenherz“ gegründet (siehe Infokasten): „Die wird es ab jetzt jedes Jahr geben“, sagt Kuhl. Am Samstag wird er dann also fast auf den Tag genau ein Jahr nach seinem Fast-Tod wieder Fußball spielen.

Auf dem Sportplatz der Sportfreunde Brackel, auf dem sein Leben für ein paar Minuten fast schon beendet schien und mit den Menschen, die ihm durch seinen Infarkt buchstäblich ans Herz gewachsen sind.

Lesen Sie jetzt