Viel mehr müsste über Homosexualität im Fußball gesprochen werden, sagen Experten. „Bei uns ist das kein Thema“, sagt der Vorsitzende des Dortmunder Fußballkreises. Was läuft falsch?

von Leon Elspaß

30.10.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Einmal, da stehen sich zwei Gruppen schreiend gegenüber. Die jeweils im Pulk formierten Frauen und Männer brüllen einander an. Sie rufen und gestikulieren. Die einen verhöhnen Homosexuelle („Schwule sind Balletttänzer oder Synchronschwimmer, Eiskunstläufer, aber keine Fußballer“), die anderen widersprechen in aller Vehemenz. Passiert ist das im Theaterstück „Echte Liebe“, das in den vergangenen Wochen regelmäßig im Theater Dortmund aufgeführt wurde.

Homosexualität im Fußball wird dort thematisiert – und verdeutlicht, dass beileibe kein breiter Konsens über sexuelle Vielfalt besteht. Eine Zuschauerin sagte hinterher: „Gut, dass es aufgegriffen wird.“ Dafür könne es gar nicht genug Aufmerksamkeit geben, „vielleicht kommt es ja irgendwann mal da oben an.“ Die „da oben“, damit meinte sie die Fußballverbände, die Liga-Chefs und Vereine, die sich zu wenig mit Homosexualität befassen würden.

Homosexualität kein Thema im Dortmunder Fußball

Prof. Dr. Katja Sabisch, die an der Ruhr-Universität Bochum Gender Studies lehrt und sich tiefschürfend mit dem Thema befasst, ist da derselben Meinung. Sie zählt noch „die Fanszene“ dazu – und kommt dann zu dem Schluss, dass in diesem Bereich „viel zu wenig über Homosexualität gesprochen wird.“ Sowohl bei den Profis als auch bei den Amateuren.

„Viele Vereine sind so offen wie es sein sollte im 21. Jahrhundert.“
Jürgen Grondziewski

Stellvertretend für den Fußballkreis Dortmund sagt der Vorsitzende Jürgen Grondziewski: „Homosexualität ist kein Thema bei uns, es ist uns kein Fall bekannt.“ Durch das Telefonat mit dieser Redaktion werde es überhaupt mal wieder zum Thema gemacht. Anschließend folgen zwei weitere Verneinungen.

Zum einen gebe es keinerlei Schulungen für Trainer oder Betreuer im Umgang mit Homosexualität, zum anderen sei ihm aber auch kein Fall von Homophobie bekannt („Vielleicht gibt es das, es wird aber nicht an uns herangetragen“). „Viele Vereine sind so offen wie es sein sollte im 21. Jahrhundert“, meint er und verweist unter anderem auf das fürwahr vorhandene Engagement, den Dortmunder Frauenfußball zu fördern.

Grondziewski klingt skeptisch

Ob der Dortmunder Fußballkreis zum Thema Homosexualität nicht präventiv Schulungen anbieten sollte, beantwortet Grondziewski so: „Die Frage ist, ob wir das machen müssen oder der StadtSportBund.“ Demnächst könne man diese Frage jedoch mal auf die Tagesordnung setzen im Ausschuss für Vereins- und Kreisentwicklung.

„Inwieweit dann Interesse daran vorhanden ist, muss man ausloten“, fügt Grondziewski an und klingt ein wenig skeptisch. Überhaupt eine Diskussion zu eröffnen und das Thema wieder auf die Agenda zu bringen, wäre allerdings ein Anfang. Und von fundamentaler Bedeutung, wie Prof. Dr. Sabisch sagt. Vieles liege doch noch im Argen.

Hitzlsperger: „Kein so großes Thema mehr“

Thomas Hitzlsperger, ehemaliger deutscher Nationalspieler und heutiger Sportvorstand des VfB Stuttgart, erklärte Anfang 2014, homosexuell zu sein. Der prominente ehemalige Berufsfußballer wollte damit eine „öffentliche Diskussion voranbringen“, sagte er. Wohlgemerkt nach der Karriere als Aktiver. Fünf Jahre später wiederum kam er zum überraschenden Zwischenfazit, dass Homosexualität kein so großes Tabu mehr sei wie noch zur Zeit seines Outings.

Also folgerte Hitzlsperger: „Ich glaube, dass die Fußball-Fans viel aufgeklärter, viel aufgeschlossener sind.“ Ein Urteil, das bei einigen Experten für Kopfschütteln sorgte. Dass Spieler, die sich outen wollen, „von den Fans nicht so viel zu befürchten“ hätten, wie Hitzlsperger befand, halten sie für reichlich optimistisch.

„Aus Gesprächen weiß ich, dass es wieder härter wird in den Stadien, dass es mehr homophobe und auch frauenfeindliche Sprüche gibt.“
Prof. Dr. Katja Sabisch

„So guter Laune wie er bin ich da nicht“, sagt Sabisch. Es gebe zwar mittlerweile sicherlich eine „sehr diverse Fanszene und viele aufgeklärte Fangruppen. Die, die das Stadion dominieren, sind aber andere.“ Die Professorin, die gut vernetzt ist mit Fanprojekten und Fangruppierungen, betont: „Aus Gesprächen weiß ich, dass es wieder härter wird in den Stadien, dass es mehr homophobe und auch frauenfeindliche Sprüche gibt.“

Ingo Preuß: Verletzende Vokabeln keine Einzelfälle

Ingo Preuß, Gymnasiallehrer und seit 1992 außerdem bei Borussia Dortmund angestellt, erinnert gleichfalls daran, dass es für einige noch völlig normal sei, derbe, verletzende Vokabeln wie „Schwulette“ oder „Schwuchtel“ durch die Gegend zu schreien.

„Beim Gros der Fans“, glaubt der aktuelle U23-Manager des BVB, „hat Homosexualität noch einen negativen Touch. Wenn sich einer nicht richtig in die Zweikämpfe haut, dann werden die Spieler von manchen ja schon mit solchen Worten überzogen.“ Diese Ausfälle seien dann auch keine Einzelfälle.

Eigene männliche Identität feiern

In der Wissenschaft gilt der Fußball als „letztes Refugium der Männlichkeit“. Prof. Dr. Sabisch sagt: „Männliche Fans grenzen sich von Frauen und Homosexuellen ab, um eine eigene männliche Identität feiern zu können. Die der Kameradschaft beispielsweise.“

Leute, die da nicht hineinpassen, sind unerwünscht. Erst recht, wenn sie zu denen gehören, gegen die sich der zuweilen offen ausgelebte Hass richtet. „Manche Fangruppierungen haben sich geöffnet in den vergangenen Jahren“, so Sabisch, „bei anderen müssen wir allerdings mit noch mehr Konfrontation rechnen.“

Vom Coming-out wird abgeraten

Dass das keine gute Basis ist und homosexuellen Sportlern zum Coming-out verhilft, ist nur logisch. Die Tatsache, dass sich im Jahr 2019 noch kein nicht-heterosexueller Profifußballer in Deutschland öffentlich zu seiner sexuellen Neigung bekannt hat, darf da nicht verwundern.

„Beim Gros der Fans hat Homosexualität noch einen negativen Touch.“
Ingo Preuß

„Alle Expertinnen und Experten“, sagt Sabisch, „raten erst einmal davon ab. Das liegt daran, dass nicht einzuschätzen ist, was nach einem Coming-out passieren würde“. Vielleicht führe es doch zu einem Karriereknick.

Ansprechpartner für homosexuelle Fußballer

Wie der Umgang mit Homosexualität praktisch verbessert werden könnte, dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Sabisch spricht davon, in den Vereinen „eine Art Ombudsmann zu platzieren“, eine Person also, die ansprechbar für homosexuelle Fußballer ist, gewissenhaft mit deren Anliegen umgeht und dabei hilft, ein Bewusstsein für dieses Thema im gesamten Team zu entwickeln.

Denn auch das ist ein gewichtiger Faktor. Die Liga könnte die Schiedsrichter zudem darauf hinweisen, bei homophoben Gesängen oder Bannern strafend einzugreifen, etwa durch heftige Geldstrafen oder Spielunterbrechungen, wie es in Frankreichs Elite-Ligen passiert.

Appell an die Stars

Darüber hinaus, sagt die Professorin, könnten die Vereine „durch gezielte Social-Media-Kampagnen darauf hinweisen, dass sie ein offener Verein sind.“ Ähnlich, wie es schon bei den erfolgreichen Anti-Rassismus-Aktionen geschehen ist. „Das wiederum könnte dann getragen werden von großen Fußballstars. In der Form, dass ein Marco Reus mal aufsteht und sagt: Ich bin nicht schwulenfeindlich, ich toleriere das vollkommen“, erklärt Sabisch. „Die Stimmung könnte sowas ändern.“ Im Profifußball wie im Amateurbereich.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt