Gina Lückenkemper im Interview: Da geht noch mehr

Leichtathletik

2017 war das Jahr von Gina Lückenkemper. Bei der WM in London sprintete sich die 21-Jährige in die Herzen der Leichtathletik-Fans – in 10,95 Sekunden. Das Ende der Fahnenstange soll das aber noch nicht sein. Ihre neue sportliche Heimat hat die Ex-Dortmunderin in Leverkusen gefunden. Oliver Brand sprach mit Deutschlands Top-Sprinterin über ihr ereignisreiches Jahr 2017, ihre Ziele für die Zukunft und Auszeiten mit Pferd Picasso.

DORTMUND

, 24.12.2017, 13:27 Uhr / Lesedauer: 4 min
Gina Lückenkemper im Interview: Da geht noch mehr

In Deutschland läuft Gina Lückenkemper (M.) mittlerweile fast allen davon – so wie hier bei den Deutschen Meisterschaften in Erfurt. © dpa

Frau Lückenkemper, Clemens Prokop, der bis Mitte November amtierende Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, hat Sie im Sommer als eines der neuen Gesichter der deutschen Leichtathletik bezeichnet. Fühlen Sie sich selbst als das neue Aushängeschild?

Natürlich bringen in Deutschland viele Menschen meinen Namen mittlerweile mit der Leichtathletik in Verbindung – vor allem seit der Weltmeisterschaft in London. Und das ehrt mich auch. Aber so wirklich als Aushängeschild sehe ich mich noch nicht.


Die Erwartungshaltungen an Ihre Person sind zuletzt dennoch gestiegen, wie gehen Sie damit um?

Mich beflügelt das eher. Ich bin kein Mensch, der sich wegen so etwas Druck macht. Ich habe meine eigene Erwartungshaltung an mich. Der Druck, den andere auf mich ausüben, ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal.


Bei der WM in London sind Sie die 100 Meter als erste Deutsche seit Katrin Krabbe vor 26 Jahren unter 11 Sekunden gelaufen. Hat dieser Lauf Ihr Leben verändert?

Eine so große Veränderung hat es meiner Meinung nach gar nicht gegeben. Natürlich ist das Medieninteresse größer geworden, und ich bin seitdem noch mehr unterwegs. Mittlerweile erkennen mich auch mehr Menschen auf der Straße. In meinen Augen ist das allerdings ein positiver und schöner Nebeneffekt, weil dadurch die Leichtathletik insgesamt mehr Aufmerksamkeit gewonnen hat.




Braucht Ihr Sport mehr Publicity?

Positive auf jeden Fall. Klar ist aber auch: Doping-Skandale kann keiner mehr gebrauchen. Das war mit Russland genug. Und es ist sehr schade, dass die Leichtathletik trotz solcher Wettkämpfe wie der Diamond League nicht im Free-TV übertragen wird. Somit gibt es in Deutschland kaum eine Chance, Aufmerksamkeit zu gewinnen.


Sind solche Events, die über einen ganzen Tag laufen, überhaupt noch zeitgemäß?

Ich denke, dass gerade Leichtathletik-Kompaktprogramme für die Zuschauer sehr attraktiv sind. Nehmen Sie das Istaf in Berlin. Da folgt ein Paukenschlag auf den nächsten. So etwas begeistert die Menschen. Veranstaltungen, bei denen man stundenlang im Stadion sitzt, ziehen einfach nicht mehr so viele Zuschauer an. Auch weil unsere Gesellschaft immer schnelllebiger geworden ist.


Mitte November haben Sie Ihren Wechsel von Dortmund nach Leverkusen bekannt gegeben. Warum erfolgte der Schritt jetzt?

Das war ein Gedanke, der sich Ende der Hallen-, Anfang der Sommersaison 2017 eingeschlichen hat. Vor allem, weil ich mit der Trainingssituation in Dortmund unzufrieden war. Dortmund ist nun mal eine Fußballstadt, als Leichtathleten mussten wir da oft extrem zurückstecken. Durch die WM in London bin ich aber nun in Sphären vorgestoßen, in denen zwar nicht mehr viel Luft nach oben, aber in denen auf jeden Fall auch noch etwas möglich ist. Nur: Dazu brauche ich optimale Trainingsbedingungen. Ich kann diesen Sport nur einmal in meinem Leben ausüben. Und das ist nun mal jetzt. Aus dieser Ausgangslage muss ich das Beste machen.


Eine Bedingung für Ihren Wechsel soll gewesen sein, dass Sie weiter mit Ihrem Trainer Uli Kunst zusammenarbeiten können …

Ich habe viel mit Uli über den Wechsel gesprochen. Er war von Anfang an in meine Überlegungen eingebunden, weil für mich von vornherein klar war: Einen Wechsel ohne Uli gibt es nicht.




Wie ist die Arbeit mit ihm?

Er kann sehr gut erklären, was insofern passt, da ich eine Athletin bin, die Dinge sehr gerne hinterfragt. Ich möchte verstehen, warum ich bestimmte Sachen machen oder verändern soll. Und ich bin ein Mensch, der sehr gerne diskutiert. Wenn ich die passenden Argumente von der Gegenseite geliefert bekomme, kann ich auch damit leben, im Unrecht zu sein. Aber zunächst einmal muss man mich überzeugen. Und da bin ich nicht immer ganz so einfach. Aber Uli macht das sehr gut, es war von Anfang an Vertrauen da in sein Team und sein Training.


Haben auch finanzielle Gründe eine Rolle für den Wechsel zu Bayer gespielt?

Nein. Ich habe mit der LG Olympia Dortmund nicht einmal mehr über eine potenzielle Vertragsverlängerung gesprochen und weiß daher auch gar nicht, was der Verein mir geboten hätte. Ich wollte für mich als Sportlerin einfach das passende Umfeld suchen. Das war ja auch damals der Grund, warum ich nach Dortmund gegangen bin. Wenn ich das große Geld hätte machen wollen, wäre ich von Anfang an nicht dorthin gewechselt.


Mit Ihrer Zeit von 10,95 Sekunden liegen Sie „lediglich“ auf Rang elf der Weltjahresbestenliste – ist man da irgendwann frustriert, dass es nicht zu mehr reicht?

Ich sehe das weniger als frustrierend an, sondern vielmehr als Ansporn. Wenn ich jetzt schon in so jungen Jahren eine 10,95 laufe, ist das hundertprozentig noch nicht das Ende der Fahnenstange. Da geht noch mehr. Und darauf freue ich mich einfach, und es motiviert mich, noch mehr an mir zu arbeiten, um in Zukunft nicht „nur“ auf Platz elf der Weltrangliste zu stehen, sondern noch weiter vorne.


Gerade auf den Sprintstrecken werden schnelle Zeiten immer wieder angezweifelt. Stichwort: Doping …

Ein Stück weit kann ich die Zweifel verstehen – einfach aus dem simplen Grund, dass ich früher selbst nicht viel anders gedacht habe. Als Athlet muss man da aber drüber stehen. Ich kann nur sagen: In Deutschland funktioniert das Anti-Doping-System sehr gut. Zumindest ist das meine Erfahrung. Ich werde regelmäßig kontrolliert. Ich habe Kontrolleure schon mal im Zwei-Wochen-Rhythmus vor der Haustür stehen gehabt. Zu den interessantesten Uhrzeiten: Mal kamen sie abends, mal morgens früh um sechs. Da wurde man schön aus dem Bett geklingelt.




Im Sommer steht nun die Europameisterschaft in Berlin an. Richten Sie alles auf dieses Ziel aus?

Definitiv. Die EM wird das Highlight im kommenden Jahr. Und was kann es Schöneres geben, als eine Ehrenrunde vor heimischem Publikum laufen zu dürfen.


Nach welchem Lauf soll es denn bei Ihnen die Ehrenrunde geben? In der vergangenen Saison haben Sie – auch wegen Problemen am Fuß – den Fokus mehr auf die 100 Meter gelegt. Wird 2018 das Jahr Ihrer Lieblingsdistanz, den 200 Metern?

Zumindest kann ich in der Vorbereitung schon mal wieder längere Läufe absolvieren, da der Fuß keine Probleme mehr bereitet. Das heißt, ich werde im Sommer auch 200-Meter-Läufe bestreiten. Nur wie das Ganze dann bei der EM aussehen wird, ob 100 oder 200 Meter, kann ich jetzt noch nicht beantworten. Aber egal, welche Strecke es wird: Eine Ehrenrunde soll auf jeden Fall her.


Vor Kurzem haben Sie sich eine Wohnung in Ihrer Heimatstadt Soest gesucht. Was bedeutet Ihnen Heimat?

Heimat ist mir persönlich extrem wichtig, weil es der Ort ist, an den ich immer wieder gerne zurückkehre. Soest ist für mich mein Ruhepol, an dem ich auch mal die Chance habe, vom Sport abzuschalten.


Dabei hilft Ihnen auch Ihr Pferd, der fünf Jahre alte Wallach Picasso …

Ich sag immer: Picasso ist meine Geheimwaffe, meine Therapie. Ich reite seit meinem fünften Lebensjahr, das war schon immer eine große Leidenschaft von mir. Umso schöner war es, dass ich mir Ende 2016 den Traum vom eigenen Pferd verwirklichen konnte. Ich genieße einfach die Zeit im Stall. Dabei sitze ich gar nicht so wahnsinnig viel auf dem Pferd, sondern bin oftmals einfach nur dort und verbringe Zeit mit Picasso. Besser kann ich nicht abschalten.

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